Bayern 2 - Zündfunk


4

"Beyond the Pale" Warum Jarvis Cocker den Brexit hasst, Höhlen liebt und endlich wieder Musik macht

Jarvis Cockers neues Album "Beyond the Pale" ist gleichzeitig sein Debütalbum - zumindest für sein neues Band-Projekt Jarv Is. Wir haben mit der Brit-Pop-Ikone in seiner Wahlheimat Paris gesprochen.

Von: Marcel Anders

Stand: 20.07.2020 18:31 Uhr

Zündfunk: Herr Cocker, in den 90ern galten Sie als Galionsfigur des Brit-Pop und gefeierter Popstar. Ist Ihr Leben inzwischen ruhiger geworden – und hilft es, dass sie Vollbart tragen? Ist das eine gute Tarnung?

Manchmal werde ich noch erkannt, aber es ist nicht mehr so verrückt wie in England Mitte der Neunziger, als es einfach irre war. Da wurde ich ständig erkannt, ich konnte eigentlich gar nicht mehr ausgehen. Aber mittlerweile – und gerade hier in Paris – starrt mich keiner mehr an. Warum auch?

Zuletzt haben Sie eine Sonntagssendung bei BBC 6 Music moderiert. Das Motto: „to bring back the boringness into sundays” – den Sonntagen ihre Langeweile zurückzugeben. Ist Ihnen das gelungen?

Das habe ich zwar mal gesagt, aber was ich gemeint habe, war: Der Sonntag war immer ein ziemlich ruhiger Tag, an dem alle Geschäfte geschlossen waren. Mittlerweile sind sie jedoch geöffnet und der Tag ist nicht mehr groß anders als die anderen Tage der Woche. Was ich für eine Schande halte. Nicht aus religiösen Gründen, sondern weil man auch mal Ruhe braucht. Und sei es nur, um sich bewusst zu werden, wie die Zeit vergeht. Dieses Gefühl wollte ich mit meiner BBC-Sendung wieder zurück bringen. Ich kann mich noch gut an die Sonntage meiner Jugend erinnern. Ich habe sie gehasst, weil sie so ereignislos waren. Als ich älter wurde, habe ich diese Sonntage zu schätzen gelernt. Endlich mal Zeit, um mal durchzuatmen und über das nachzudenken, was man tut. Man kann die Woche reflektieren, die gerade vorbei ist – und darüber nachdenken, was man in der nächsten erreichen will. Dafür war  diese Radiosendung am Sonntag-Nachmittag da. Viele Leute erholen sich von langen Samstag-Abenden oder kochen sich etwas Nettes zum Abendessen. Und mein Gedanke war: ´Ich versuche, den Kopf der Menschen mit Ideen zu füllen, ihr Tempo zu reduzieren und so etwas wie eine Oase der Ruhe zu schaffen.´ Und anhand der Reaktionen, die ich für die Sendung bekommen habe, würde ich sagen: Es hat funktioniert.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

JARV IS... - "House Music All Night Long" (Official Music Video) | Bild: Jarvis Cocker (via YouTube)

JARV IS... - "House Music All Night Long" (Official Music Video)

Ihr neues Projekt firmiert unter dem Titel Jarv Is. Was hat Sie zur Musik und zum Bandformat zurückkehren lassen?

Ich habe ständig über Song-Ideen nachgedacht, konnte sie aber nie fertig stellen. Weil ich alleine gearbeitet habe. Als ich vor zwei Jahren meine neue Band zusammen hatte, ging alles sehr schnell. Als ich meine Radiosendung, aber halt keine Band hatte, habe ich festgestellt, dass ich nicht ohne kann. Es macht mehr Spaß, Teil einer Band zu sein.

Einige der neuen Songs sind in Höhlen entstanden. Was hat es damit auf sich?

Die Faszination für Höhlen verdanke ich meinem Sohn. Als er jünger war, haben wir in den Schulferien meine Mutter besucht und nach etwas gesucht, was wir dort unternehmen könnten. Wir sind dann nach Creswell Crags gefahren, wo sich die einzige prähistorische Höhlenmalerei Englands befindet – die Gravur eines Pferdekopfes. Sie ist mir sehr nahe gegangen: Ich habe mir vorgestellt, wie jemand in grauer Vorzeit auf einer Wand herumgekratzt hat, um mit anderen zu kommunizieren. Das ist der Beginn der menschlichen Kreativität. Auch wenn einige Menschen meinen, Kunst oder Kreativität seien nur Luxus, weil sie nichts mit dem realen Leben zu tun haben – mit Ausgehen, Arbeiten, Essen und solchen Sachen. Aber komm schon, wir machen Kunst, seit wir Menschen sind. Kunst ist uns wichtig. Und zwar nicht nur, um sie zu konsumieren, sondern auch um sie selbst zu machen. Das waren so die Gedanken, die mir in der Höhle durch den Kopf schwirrten. Und deshalb haben wir zwei Songs auf dem Album in einer Höhle in Derbyshire aufgenommen.

Die Musik auf „Beyond The Pale“ fällt sehr minimalistisch, monoton und elektronisch aus. Eine Hommage an die Rave-Kultur der frühen 90er, die Sie selbst miterlebt haben dürften? Und bei der es ebenfalls um Kommunikation ging?

Ich war auf den Raves dabei und fand sie toll. Das war zu der Zeit, als ich gerade von Sheffield nach London gezogen bin – da kam diese Musik auf und im Umland von London gab es überall Partys. Eine hat einfach umgehauen: Es war alles, was ich mir unter einem spannenden Nachtleben vorstelle, und ich hätte das beim besten Willen dort nicht erwartet: Tausende von Menschen, die sich getroffen und einfach stundenlang getanzt haben. Wobei die Musik gleichzeitig sehr futuristisch, sehr ursprünglich und primitiv war. Eine Musik, wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte. Dazu gab es Laser und Kunstnebel – es war unglaublich. Und die Energie dieser Musik habe ich nie vergessen. Ich hab mich daran zurück erinnert, als ich das neue Album aufgenommen habe. Für mich ist Dance-Musik eine der letzten Ausdrucksformen, die noch ein bisschen Energie besitzt. Die etwas Lebendiges hat. Sie hat ein konkretes Ziel: Sie will dich zum Tanzen bringen. Und das hier ist zwar kein Dance-Album, aber die Sounds kommen eher aus dieser Richtung als aus dem Rock-Kontext.

Auf ihren Album haben sie oft bissige und manchmal lakonischen Texten über den – wie Sie ihn nennen – fatalen Brexit, aber auch über die Vereinnahmung durch soziale Medien, verfehlten Umweltschutz oder überhöhten Fastfood-Konsum von Touristen. Wie sind Sie auf letzteres gekommen?

Ich lebe in der Nähe von Sacré-Coeur, und dort treffe ich ständig Leute, die die Basilika besuchen und dabei etwas ganz Besonderes fühlen wollen. Sie denken, dass das Christentum in sie fährt, nur weil sie diesen religiösen Ort besuchen. Oder dass sie von einem Geist erfüllt werden. Passiert das nicht, fühlen sie sich leer - und trösten sich dann mit Unmengen von Fastfood.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Sometimes I Am Pharoah | Bild: JARV IS… - Topic (via YouTube)

Sometimes I Am Pharoah

Was hat das mit Charlie Chaplin und den Pharaonen zu tun, die Sie im selben Song – in „Sometimes I Am Pharaoh“ - erwähnen?

Man trifft hier nicht nur Leute, die ungesundes Essen verkaufen oder konsumieren. Oft sind vor diesen berühmten Bauwerken Künstler, die sich als menschliche Statuen verkleiden und sich nicht vom Fleck rühren. Ihr habt sie bestimmt auch schon gesehen, sie sind oft in Silber oder Gold gehüllt und verkleiden sich als Charlie Chaplin oder als irgendwelche Pharaonen. Diese Menschen faszinieren mich, weil sie Geld damit verdienen, den ganzen Tag stillzustehen. Wenn sie sich dann bewegen, schreien alle los und werfen Scheine in ihren Hut. Ich dachte, ein paar von ihnen könnte ich für unsere Live-Show verpflichten. Wer könnte einem solchen Konzert schon widerstehen? Das wäre die beste Nacht aller Zeiten.

Also planen Sie eine Tournee durch Höhlen und mit menschlichen Statuen?

Das ist es: Eine Tour durch europäische Höhlen. Das wäre mein Traum – und darüber habe ich auch schon mit meinem Agenten gesprochen. Ich weiß, dass es ein paar gute Höhlen in Spanien gibt – und eine in Gibraltar mit einem richtigen Konzertraum. Das wäre ein Traum. Und das meine ich ernst. Also, wenn das irgendjemand hört, der eine Höhle kennt, in der wir spielen könnten, bitte melden.


4