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Neue Studie zeigt Gewalt gegen Frauen und Andere wird im TV oft verzerrt dargestellt

Im deutschen Fernsehen geht es zu oft um Mord - im Gegensatz zur Realität. Das zeigt eine neue Studie der maiLisa-Stiftung und der Uni Wismar. Dafür zu wenig abgebildet: "Alltägliche" Gewalt gegen Frauen, die Betroffenenperspektive und Hilfsangebote.

Von: Alba Wilczek

Stand: 02.12.2021

Gewalt im TV Symbolbild | Bild: picture alliance | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres

8. März 2021. Feministischer Kampftag. Zur Feier des Tages zeigt das Erste einen Tatort aus Kiel. Thema: Ein Frauenhasser, der Amok läuft. Gleich zu Beginn gibt es eine Frauenleiche und am Ende werden auch noch Anschlagspläne für eben jenen feministischen Kampftag entdeckt. Den Preis für Sensibilität hat sich dieser Tatort damit nicht verdient. 

Der fiktive Täter ist ein Incel, also ein extremer Frauenhasser. Klar, es ist wichtig über diese extremistische Szene aufzuklären. Aber eigentlich ist der feministische Kampftag dafür da, Frauen und alle, die sonst marginalisiert sind, zu empowern. Ihnen Möglichkeiten zu geben, sich zu wehren. Und selbst zu sprechen. Im Tatort vom 8. März passiert das aber nicht: 88 Minuten lang steht hier ein weißer Mann im Mittelpunkt. Außerdem lief vor dem Film keine Triggerwarnung. Die Betroffenen-Perspektive ist so gut wie nicht vorhanden. Und weit und breit finden wir keine Aufklärung über Hilfsangebote und Beratungsstellen.

88 Minuten Frauenhass am feministischen Kampftag

Themaverfehlung. Und ein gutes Beispiel für das, was die neue Studie der MaLisa Stiftung herausgefunden hat: 8 Prozent! Nur in 8 Prozent aller deutschen Produktionen, die die Studie untersucht hat kommen Betroffene dezidiert zu Wort. Das wäre aber wichtig, denn: "Das ist zentral. Weil dadurch die Gewalterfahrung letztlich in ihrer Gänze deutlich wird", erzählt Christine Linke. Sie ist Professorin für Kommunikationsdesign und Medien an der Uni Wismar und hat die Studie mitentwickelt. Die erste ihrer Art zu diesem Thema.

"Die Herausforderung audiovisueller Medien ist es, dass sie viele vielfältige inhaltliche gesellschaftliche Themen und gesellschaftliche Probleme sichtbar machen", ordnet Linke weiter ein. "Es wird nur möglich, das in der Eindringlichkeit anzugehen, wenn letztlich für die Zuschauenden nachvollziehbar wird, wie so eine Gewalterfahrung ist und gleichzeitig aber auch, wie man mit Gewalt umgeht, wie es Lösungswege gibt, weil auch die gibt es. Das muss auch in einem Bedürfnis passieren, etwas zu verändern und kritisch zu hinterfragen und eben auch die Ursachen anzugehen."

Wenig TV-Screentime für die Betroffenen-Perspektive

Im Interview ordnet Christine Linke die zentralen Ergebnisse der Studie ein: 

1. Gewalt kommt im deutschen Fernsehen in einem Drittel aller untersuchten Produktionen vor. In ganz unterschiedlichen Genres und Formen.

2. Strukturelle Tat-Hintergründe werden sehr selten genauer beleuchtet. Dabei sind es oft Frauen und Kinder im TV, die von Gewalt betroffen sind. Also die, die am meisten unter dem Patriarchat leiden. 

Und 3. die Betroffenen-Perspektive kommt stark zu kurz, auch in Form von Heilungswegen, Hilfsangeboten und Sichtbarkeit von Helfern und Helferinnen. 

In der Studie ist auch eine Verzerrung der Realität zu beobachten: Mord als Tat im deutschen Fernsehen ist auffällig überrepräsentiert. Christine Linke fügt dazu an: "Was wir tatsächlich nicht in dem Maße abgebildet finden, ist die sozusagen 'alltäglichere' Gewalt an Frauen, der Alltagssexismus, der erfahren wird. Oder auch andere geschlechtsspezifische Gewalt. Wir finden im Datensatz durchaus durch Homofeindlichkeit motivierte Gewalt, aber auch nur in einem sozusagen nicht so häufigen Ausmaß. Was wir tatsächlich auch nur in einem Fall abgebildet haben, ist Gewalt gegenüber trans Menschen. All das sind Themen, wo wir statistisch wissen, dass sie Realität sind und, dass es eigentlich besonders wichtig wäre, auch das zu beleuchten."

Fehlende Sensibilität im Umgang mit Gewalt

Sind wir mal ehrlich. Irgendwie war das schon ein bisschen erwartbar. Einen Krimi gibt es selten ohne Leiche. Die Dramaturgie muss schließlich ballern. Und es ist ja auch einfach total spannend so ein Rätsel um einen Mord zu lösen - spannender als vielleicht Betroffene auf ihrem Heilungsweg. Um dementsprechend fair zu bleiben: Entertainment muss natürlich nicht immer die Realität wiederspielen. Aber manchmal wird schon sehr deutlich, wo die Sensibilität im Umgang mit Gewalt und insbesondere bei Gewalt gegen Frauen fehlt.

Dabei ließe sich Vieles besser machen, sagt Christine Linke: "Ich glaube es sollte ein Anspruch sein für Medienschaffende dieses komplexe Thema sensibel abzubilden und das bedarf eben, dass man sich einfach auch ein bisschen differenzierter und so ein bisschen detaillierter damit auseinander setzen. Und das ist glaube ich ne realistisch erkenntnis, wenn wir die realistischen Daten uns anschauen, dass häufig häusliche Gewalt aber auch andere Formen von geschlechtspezifischer Gewalt in allen Bereichen der Gesellschaft in allen Schichten vorhanden sind. Und es wäre ein wichtiger Beitrag für dieses Thema weiter zu sensibilisieren und uns als Gesellschaft auch mit auf den Weg zu geben sich damit auseinander zu setzen und die Situation zu verbessern."

Was Christine Linke und ihr Team herausgefunden haben, ist hoffentlich nur der Aufschlag. Ein Aufschlag für mehr Sichtbarkeit im Deutschen Fernsehen und weniger Verzerrung dessen, was eigentlich da draußen passiert. Betroffenen muss zugehört werden. Ihre Perspektiven sind wichtig. Auch in der Fiktion. In Zukunft soll es weitere Studien geben. Gut so.

Du bist selbst betroffen von (häuslicher) Gewalt oder kennst jemanden, der es ist?Hier findest du Hilfe: Weißer Ring, BEFORE München (089 462 24670), Hilfetelefon für Gewalt gegen Frauen (08000 116 016).