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"Fetch the Bolt Cutters" Warum Fiona Apple nach 25-jähriger Karriere den Bolzenschneider herausholt

Fiona Apple hat zehn Millionen Alben verkauft. Sie könnte entspannt das tun, was sie schon immer getan hat. Stattdessen ist ihr fünftes Album in 25 Jahren ist eine wilder Ritt durch die eigenen Gefühle und die Missstände in #MeToo-Zeiten. Großartig!

Von: Ralf Summer

Stand: 20.04.2020 17:17 Uhr

Acht Jahre lang haben wir nichts mehr von ihr gehört. 2012 schaffte sie es mit „The Idler Wheel...“ weit nach vorne in den meisten Jahres-Bestenlisten. Und nun klingt Fiona Apple, das einstige Singer-Songwriter-Wunderkind, ganz anders: Nicht mehr friedlich-folky, nicht mehr poppig-einschmeichelnd, sondern geladen und überdreht. Gleich im ersten Stück singt sie: „Wann immer du beginnen möchtest, beginne. Wir müssen nicht mehr dorthin zurück, wo wir schon mal waren.“

In zweiten Lied zählt sie auf: “Mein Hund, mein Mann und meine Musik sind meine Heilige Dreifaltigkeit”. Das Stück heißt “Shameika” und handelt auch von ihrer Kindheit und Jugend. Fiona Apple zitiert einen Tony, der sie als immer leicht angepisst, aber lustig und warm beschreibt. Aber es war eine Shameika, die ihr sagte, dass sie Potenzial habe. Ohne dass Fiona, Tochter einer Musikerin und eines Schauspielers, verstanden hätte, was Potenzial genau bedeuten soll. Es geht hier wohl auch um „Tyrannen“ und toxische Männlichkeit – der Albumtitel stammt aus der Fernsehserie “The Fall”. Als die Detektivin den Raum betritt, in dem ein Mädchen gefoltert wurde, befiehlt sie: “Fetch The Bolt Cutters” - “Holt die Bolzenschneider”.

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Fiona Apple - Fetch The Bolt Cutters (Audio) | Bild: fionaappleVEVO (via YouTube)

Fiona Apple - Fetch The Bolt Cutters (Audio)

Den Weg freischneiden, notfalls mit Gewalt

In „Fetch The Bolt Cutters“ beschäftigt sich Fiona Apple mit ihrem Image. Sie will den Medien nicht mehr gefallen, ebenso wenig möchte sie angewiesen sein auf die Freundschaft mit VIPs und Wannabees. Fiona Apple, die lange mit US-Regisseur Paul Thomas Anderson liiert war, schneidet sich ihren Weg frei. Notfalls mit Gewalt. Auch wenn sie zuhause bleibt, in Venice Beach, Kalifornien. Wir hören Hundegebell aus der Nachbarschaft, auch Klänge ihres Hauses hat sie aufgenommen: Klopfen gegen die Wände oder Stampfen auf den Boden. Alles sehr avanciert – am ehesten entspricht der Song „Ladies“ einem klassischen Ohrwurm.

Bei „Ladies“ oder „Rack Of His“ intoniert sie wie Cat Power - oder hat die ältere Cat Power sich das Singen gar bei der fünf Jahre jüngeren Fiona Apple abgekuckt? „Ladies“ ist ein aberwitziges Zwiegespräch mit der neuen Freundin des Ex. Sie könne das Kleid ruhig behalten, das noch bei ihm hänge. Es werde ihr sicher gut stehen. Ihr selbst habe es ohnehin nie richtig gepasst. „Rack Of His“ beschreibt die Eifersucht einer Musikerin aufs Equipment eines männlichen Musikers: Die geschwungenen Gitarrenhälse, die sich an „seinen“ Gitarrenhalter schmiegen. Selbstironie steht ihr ebenso gut wie Selbstzweifel.

Erstaunliche Verwandlungen

„Cosmonauts“ entstand für einen Film von Judd Apatow. Fiona wurde gebeten, einen Song über zwei Turteltauben zu schreiben, die für immer zusammen sein würden. „Dabei bin ich nicht der Typ für sowas“, so Apple, „ich weiß nicht, ob ich ewig mit einer Person zusammen sein werde.“ So hat sie das Lied in ein Raumschiff verlegt, in dem die Verliebten zunächst wie Kosmonauten schweben – bis sie unter zunehmender Schwerkraft leiden. Im Laufe der Platte schwingt sich Fiona frei – zunächst wie ein Tom Waits, der Gospel singt. Kurz vor Schluss legt sie dann die erstaunlichste Verwandlung hin: „For Her“ kommt daher wie der kaputte Kabarett-Punk der Dresden Dolls, der früheren Band von Amanda Palmer.

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Fiona Apple - For Her (Audio) | Bild: fionaappleVEVO (via YouTube)

Fiona Apple - For Her (Audio)

So sehr man ihrem Klatsch-Rhythmus folgen will, so sehr wirft es einen aus der Bahn, wenn sie singt: „Du hast mich in dem Bett vergewaltigt, in dem deine Tochter geboren wurde“. Der Text bezieht sich zum Teil auf Brett Kavanaugh, dem von Präsident Trump durchgesetzten, konservativen Richter am Obersten Gerichtshof der USA. Vor seiner Ernennung gab es mehrere Frauen, die ihm sexuelle Übergriffe vorhielten. Die Vorwürfe konnten aber vom FBI nicht erhärtet werden. Apple wurde selbst in ihrer Jugend vergewaltigt und leidet an Zwangsstörungen.

Gnadenlose Selbstdiagnose

Unser Album der Woche ist ein #MeToo-inspiriertes Wut-Werk und eine gnadenlose Selbstdiagnose einer außergewöhnlichen Künstlerin. Nach über zehn Millionen verkaufter Platten und vielen Auszeichnungen eine erstaunliche Wendung der 42-Jährigen. Ich bin gespannt, ob die Fans ihr folgen, oder ob es eine Kritikerplatte werden wird, die nichts verkauft. Nach Laura Marling ist sie die nächste Musikerin, die die Corona-Pause für eine Platte nutzt, für die man als Fan eines braucht: Zeit. Aber dafür wird man dann auch massiv belohnt. Outstanding, ein Album, das wohl sonst keine(r) derzeit machen wird und kann.


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