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20 Jahre Kult-Film Kaum ein Film wird so missverstanden wie "Fight Club"

Er predigt toxische Männlichkeit und erschafft ein faschistisches Terror-Netzwerk - trotzdem ist Tyler Durden aus “Fight Club” eine der beliebtesten Filmfiguren aller Zeiten. Was uns das Kino-Meisterwerk heute beibringen kann - und was “Matrix” damit zu tun hat.

Von: Gregor Schmalzried

Stand: 11.11.2019

Fight Club | Bild: picture-alliance

Heute vor zwanzig Jahren, in den letzten Zügen des zwanzigsten Jahrhunderts, erschien "Fight Club" in den deutschen Kinos. Dass das einmal Jubiläumstexte wert sein würde, dachte sich damals niemand - erst später auf DVD fand Fight Club sein Publikum. Heute ist er einer der wichtigsten Kultfilme der letzten Jahrzehnte, Fight Club-Poster schmücken nach wie vor die Wände von Studenten-WGs weltweit und der Plot-Twist am Ende ist fast so bekannt wie "Luke, ich bin dein Vater".

Wer ist der Held in Fight Club?

Aber trotz des Erfolgs bleibt eine Frage oft ungeklärt: Wer ist eigentlich der Held in Fight Club? Man hat nur zwei Figuren zur Auswahl (auch wenn sie, Spoiler, die gleiche Person sind): Einmal den namenlosen Erzähler, gespielt von Edward Norton: Ein humor- und trostloser Mann, gefangen in einem geisteszermürbenden Bürojob. Und dann Brad Pitts Charakter Tyler Durden, anarchisch, sexy, charmant, sowohl als Seifenverkäufer tätig wie auch als Bombenbauer. Die Antwort, wer hier der Held ist, fällt bei den meisten Leuten, die man fragt, wohl auf "Hmmm" und nicht selten auf Tyler. 

Es ist kein Wunder, dass Tyler Durden heute immer noch von vielen Film-Fans idolisiert wird. Seine Aufgabe in der Geschichte ist es, den Erzähler zu verführen. Im Grunde ist seine Rolle wie die von Morpheus in "Matrix" - er ist der, der dem frustrierten Helden die rote Pille in die Hand gibt, um ihm zu zeigen, wie die Welt wirklich aussieht. Und die Probleme, die Tyler in der Welt sieht, sind heute genauso ein Thema wie vor zwanzig Jahren: Materialismus, Konsumwahn, Bullshit Jobs. 

Tyler Durden verspricht Männlichkeit und Faschismus

Aber was ist Tylers Antwort darauf? Er erschafft den "Fight Club", eine Untergrund-Organisation, in der Männer ihre Habseligkeiten zurücklassen, ihre persönlichen Identitäten aufgeben und in blutigen Kämpfen gegeneinander antreten. Nicht bis zum Tod. Aber immerhin, bis einer am Boden liegt. Tyler will, dass sich die Mitglieder auf eine Art ur-innere Männlichkeit besinnen - entsprechend ist der Fight Club eine rein männliche Gruppe. "Wir sind eine Generation von Männern, die von Frauen großgezogen wurde", verkündet Tyler während einer seiner Reden. "Ich frag mich, ob noch eine Frau wirklich die Antwort auf unsere Fragen ist."

Tylers Charisma, und die fantastische visuelle Umsetzung seiner Ideologie, sind in gewisser Weise stärker als die eigentliche Handlung von "Fight Club". Die sagt nämlich relativ klar: Tyler hat vielleicht Probleme erkannt - aber seine Lösungen machen alles nur noch schlimmer. Das zeigt sich vor allem im letzten Drittel des Films. Da entwickelt sich der Fight Club zu einer faschistischen Terror-Organisation namens "Projekt Chaos" weiter. Im Projekt Chaos dürfen Mitglieder keine Namen haben, keine Fragen stellen und sie zitieren blind Tylers Worte und Regeln ("Regel Nummer Eins: Du redest nicht über den Fight Club"). Die Männer sind in eine Falle gelaufen: Sie haben ein System, das sie nicht wertschätzt, gegen ein anderes eingetauscht. 

Fight Club - ein Vorbild für die Alt-Right

In den letzten Jahren hat diese Vorstellung von Männlichkeit mehr an Relevanz gewonnen, als Regisseur David Fincher und Schriftsteller Chuck Palahniuk damals wohl vermutet haben. Leider. Denn die Trennung der Geschlechter, die Rückbesinnung auf eine Art primale Männlichkeit und die Kameradschaft von Männern, die "gegen das System" kämpfen - all das gehört heute zum Playbook der neuen Rechten.

Mitglieder der Alt-Right-Bewegung rekrutieren mittlerweile gezielt junge Männer mit Fight Club-tauglicher Ideologie. Natürlich passiert das viel im Internet und nicht in finsteren Kellern, aber einige der Köpfe der Bewegung können es in Sachen Redekunst mit Tyler Durden aufnehmen (auch wenn sie sicher nicht aussehen wie Brad Pitt). "Fight Club" ist heute deshalb nicht nur ein unterhaltsamer Film, sondern auch ein unheimlicher Blick auf Männlichkeit in der Krise - und darauf, was passieren kann, wenn junge Männer von einem charismatischen Wortführer zu Gewalt angestiftet werden. 

Was Fight Club und Matrix gemeinsam haben

1999 erschienen zwei Kultfilme, deren Botschaft in den letzten Jahren von rechten Bewegungen an sich gerissen wurde. Der eine ist "Fight Club". Der andere ist, wie schon zwischendurch erwähnt, "Matrix". Bei "Fight Club" hat es den Rechten der Männlichkeitsgedanke von Tyler angetan: In Online-Communities wie "Men Going Their Own Way" wird Tyler Durden verehrt wie ein Messias. 

Bei "Matrix" ist vor allem das Bild der roten Pille übernommen worden: Den Begriff "Red Pill" benutzen heute alle möglichen Gruppen, von Pickup-Artists bis Verschwörungstheoretiker, als Synonym für die eigene Ideologie. Die "Wahrheit", die man durch diese rote Pille erkennen soll, ist in der Regel: "Frauen ruinieren die Welt." 

Gerade jetzt wäre also der richtige Zeitpunkt, sich auf die Kerne der zwei Filme zu besinnen. "Fight Club" und "Matrix" sind nicht nur immer noch wahnsinnig gut, sie zeigen auch genau, wo die neue Rechte falsch liegt - und dass die böse Seite die ist, die eine Armee von namenlosen Gefolgsleuten hat (in "Fight Club" sind das die Mitglieder des Projekt Chaos, in Matrix die Killer-Maschinen).

Und, nicht zuletzt, kommen beide Filme ursprünglich von LGBT-Autoren. Dass sich die neue Rechte ausgerechnet Werke zum Vorbild nimmt, die von einem schwulen Schriftsteller und einem Trans-Geschwisterpaar stammen, ist irgendwie fast schon peinlich. 

Ist Fight Club eine Liebesgeschichte?

Kein Moment in "Fight Club" macht die Botschaft so klar wie der Schluss des Films. Denn nachdem Tyler Durden besiegt wurde, endet die Geschichte mit der Ankunft von Helena Bonham Carters Charakter Marla. Den ganzen Film über hat der Erzähler die Nähe zu ihr gesucht. Und nun stehen Marla und er über der Stadt und blicken auf die kollabierenden Wolkenkratzer unter ihnen, seine Hand in ihrer. Keine Spur mehr von Männlichkeitsvorstellungen aus der Steinzeit, zum ersten Mal scheint der Erzähler seinen Frieden gefunden zu haben. Seine Gewalt war nur ein stummer Schrei nach Liebe. 


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