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Traurige Hits Warum erfolgreiche Songs heute „Sad Banger“ sein müssen

Der erfolgreichste Hit derzeit, „Blinding Lights“ von The Weeknd, ist ein „Sad Banger“. Ein Song, der gleichzeitig fröhlich und traurig ist. Diese ungewöhnliche Mischung spricht derzeit viele Menschen an - und ist deshalb ein Chart-Garant.

Von: Miriam Fendt

Stand: 16.02.2021

Albumcover von The Weeknd "After Hours" | Bild: XO Records

Sobald der Beat in „Blinding Lights“ einsetzt, ist klar: hier wird nicht nur getanzt. Hier wird auch gefühlt. Im Text drückt The Weeknd eines der simpelsten menschlichen Grundbedürfnisse aus: Das nach Nähe und nach Berührung. Vielleicht istBlinding Lights“ genau deshalb der größte Hit des Jahres 2020. Aber vor allem ist er ein „Sad Banger“. Die Musikmanagerin und Podcasterin Sophia Gruber erklärt das Phänomen so: Sad Banger sind unglaublich gute Partylieder, weil sie einfach eine Mischung sind aus: die Musik geht gerade so ab und man will einfach alles rauslassen und tanzen, und gleichzeitig geht es um Themen bei denen fast alle Partygäst*innen relaten können.“ „Sad Banger“ würden zusammenschweißen, weil wir die traurigen Situationen alle schon einmal erlebt hätten, meint Sophia Gruber.

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The Weeknd - Blinding Lights (Official Video) | Bild: TheWeekndVEVO (via YouTube)

The Weeknd - Blinding Lights (Official Video)

Die Essenz eines „Sad Bangers“ liegt im Spannungsaufbau

Ein „Sad Banger“ bezieht sich also immer auf ein kollektives Gefühl, das jede und jeder kennt. Das kann Einsamkeit sein, Herzschmerz, eigentlich alles, was man so mit sich rumschleppt. Für den Münchner Produzent und Musiker Jakob Arnu ist diese Grundtraurigkeit nicht aus der Popmusik wegzudenken: „Ich würde mal sagen, das sind im Leben die Themen, die man am intensivsten erlebt“, sagt er. Wer sich zum Beispiel an Liebeskummer und Einsamkeit erinnere, wisse, dass man sich dann so ein bisschen drin suhlt und die Gefühle auf eine komische Art und Weise auch genießt. Die selbe Idee stecke auch hinter trauriger und melancholischer Musik, erzählt Jakob Arnu. Und auch die werde niemals alt.

Jakob Arnu macht mit seiner Band Samt einen Sound, der in eine ganz ähnliche Richtung geht: Melancholische Musik, die unterlegt mit verspielten Grooves und treibenden Beats auch gerne mal ins zuckersüß Tanzbare abdriftet. Aber nicht unkontrolliert. Die Essenz eines „Sad Bangers“ liegt im Spannungsaufbau. In einem musikalischen, wie emotionalen Wechselspiel werden Gefühle durchlebt, um sie dann rauszutanzen. „Wenn es ein Sad Banger mit Betonung auf Banger werden soll, dann muss man natürlich eine extrem catchy Hook haben, die groß klingt, die ein Ohrwurm ist, aber dabei nicht komplett diesen melancholischen Grundton aufbricht“, erzählt Jakob. Und dann sei es auch dieser Katharsis-Moment, wenn man in der Hook einen positiveren Vibe hat und so ein bisschen Erlösung. „Oft arbeitet man dann auch mit so Gegensätzen. Dass die Strophe oder der Prechorus halt sehr traurig ist und dann im Chorus geht’s ein bisschen auf.“

„Sad Banger“ gibt es schon lange

Wofür die antiken Griechen ihre Tragödien hatten, haben wir also die Popmusik. Es geht um einen kathartischen Moment, ein gemeinsames drüber hinwegkommen - auch gezielt ausgelöst durch Brüche und Widersprüchlichkeiten. Das faszinierende sei laut Jakob Arnu, dass durch das Spiel mit Gegensätzen auch das Gefühl authentischer werde oder zu mindestens ein bisschen greifbarer. Der Musiker sagt: „Wenn man einfach nur einen traurigen Song, mit einem traurigen Thema macht, kann das halt auch sehr oft ins Kitschige kippen.“ Seine vollkommene Wirkung entlädt so ein „Sad Banger“ vor allem im Clubkontext, richtig gesetzt innerhalb eines Sets - sagt auch DJ Manuel Palacio, Gründer des Partykollektivs Fancy Footwork. Wenn man in die Augen der Leute schaue und sehe, wie sie sich freuen und mitsingen – dann merke man, wie gut ihnen die Songs tun.

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ABBA - Gimme! Gimme! Gimme! (A Man After Midnight) | Bild: AbbaVEVO (via YouTube)

ABBA - Gimme! Gimme! Gimme! (A Man After Midnight)

Wurzeln in den 80ern

Und nicht ohne Grund bedienen sich zeitgenössische Artists, wie The Weeknd deshalb an der Disco-Ära. Vorgemacht haben diese Kunst Acts wie Donna Summer, Prince oder Gloria Gaynor. Die Maßstäbe hat aber vor allem eine Gruppe gesetzt, die fast ihr gesamtes Werk auf „Sad Bangern“ aufgebaut hat: Abba.

Das sagt auch Jakob Arnu. Am Anfang von “Gimme Gimme Gimme” komme zum Beispiel diese düstere Gitarre und du so den Vibe erstmal setzt und man denkt sich so, ah, ok, das wird jetzt irgendwie ein trauriger Song. „Dann kommen da noch die Streicher und alles ist dramatic as fuck, aber dann setzt halt so ein super funkiges Schlagzeug ein, mit so einem super funkigen Basssynthesizer oder E-Bass.“ Dieses Gefühl von Drama bleibe zwar erstmal im Ohr, aber dann werde eben mit der Trauer gebrachen. Und das erwartet man nicht.

Eine Liste von Depri-Songs, die trotzdem - oder gerade weil sie so traurig sind - gute Laune machen, haben wir übrigens bereits zusammengestellt. Mit Hilfe von Vorschlägen aus der Zündfunk Community.


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