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Diversity und Repräsentation Warum die Webserie "DRUCK" bis zum Umfallen gefeiert gehört

Verliebt sein, Außenseiter sein, Probleme mit den Eltern: Jahrelang haben die Protagonist*innen aus Film und Serie Aylin beim Erwachsenwerden geholfen. Aber alle waren weiß und gutbürgerlich. Nun ist das Thema Diversity endlich auch bei den Serien angekommen. Bestes Beispiel: "DRUCK". Die Webserie ist vor kurzem in die sechste Staffel gegangen - Zeit für eine Würdigung!

Von: Aylin Doğan

Stand: 10.02.2021

Fatou, Protagonistin der sechsten Staffel von "DRUCK" | Bild: funk

Mit zehn Jahren war ich zum ersten Mal richtig verliebt. Ich, die dicke Uncoole, stand auf ihn, den beliebten Klassenschwarm. Eigentlich war es ziemlich offensichtlich, dass das zum Scheitern verurteilt war. Und statt einem Happy End bekam ich Hautausschlag vom Liebesstress. Das einzige, was in der Zeit noch hilfreicher als Salbe war, waren Coming-of-Age-Filme und -Serien – mit Beginn der Pubertät habe ich sie förmlich inhaliert! Vor allem die, in denen das Außenseiter-Mädchen den beliebtesten Sonnyboy der Schule für sich gewinnen konnte. Ich hatte das Gefühl, die Protagonistinnen dieser Geschichten taten es nicht nur für die Storyline, sondern für alle Personen wie mich, die es „nicht geschafft hatten“. One for the team, sozusagen.

One for the team

Heute kann ich mit 15-jähriger Expertise in diesem Genre ein Fazit ziehen: Ja, diese Storys waren eine Flucht für mich in eine bessere Teeniewelt und ja, die Storys und Charaktere waren total einseitig. Immer ging es um eine weiße, heterosexuelle, oft gutbürgerliche Person, die sich verliebte. Das wird mir immer besonders klar, wenn ich mich mit Freund*innen über diese Plots unterhalte. So fühlte sich meine lesbische Freundin Lena zum Beispiel komplett ausgeschlossen: „Als ich jünger war habe ich oft Stunden damit verbracht, nach Content zu suchen, der nicht heterosexuell war, damit ich eben auch mich auf dem Bildschirm sehen konnte. Es gab vielleicht eine Handvoll Serien und Filme, aber über deren Qualität will ich gar nicht erst sprechen. Meist waren die in Deutschland auch gar nicht verfügbar. Ich habe mich dann immer auf zwielichtigen Streaming-Portalen oder Fan-made-Webseiten rumgetrieben.“

Genreverändernd

Lena ist total dankbar, dass es heute aber mehr Auswahl gibt. Vor allem bei einer Serie sind wir uns beide sicher, dass die gerade das komplette Genre verändert: „DRUCK“. „DRUCK“ ist eine Webserie von Funk, dem Jugendangebot der ARD und ZDF. Täglich werden neue Clips auf Youtube hochgeladen, die dann Ende der Woche gebündelt als komplette Episode erscheinen. Aktuell läuft die Serie in der sechsten Staffel an.

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Neue Galaxien - DRUCK Fatou - Folge 1 | Bild: DRUCK - Die Serie (via YouTube)

Neue Galaxien - DRUCK Fatou - Folge 1

Jede Staffel hat eine andere Hauptfigur. Aktuell begleitet „DRUCK“ die Teenagerin Fatou: Fatou ist Schwarz, lesbisch und spricht so, wie viele junge Menschen heute sprechen: Viele Anglizismen, viele kulturelle Referenzen aus der digitalen Meme-Welt. Außerdem steht sie auf ihre vietnamesisch-deutsche Mitschülerin Kieu My, die ihre ersten lesbischen Erfahrungen mit Fatou macht. „DRUCK“ setzt auf eine realitätsgetreue Abbildung unserer diversen Gesellschaft. Wie wichtig das ist, weiß auch die Autorin der Serie Raquel Dukpa: „In der Schule wurde ich immer Pocahontas genannt, das war, glaube ich, die einzige Repräsentation von nicht-weißen, light-skin POC-Personen, die es gab.“

Hyperauthentizität meets Romantik

Das Setting bei „DRUCK“ bleibt immer gleich: Die Figuren gehen in die Oberstufe und stehen teilweise kurz vor ihrem Abschluss. Die Probleme der Figuren sind aber vielschichtig und divers: Matteo ist schwul und verliebt sich in eine trans Person. Nora muss sich mit ihrer alkoholkranken Mutter auseinandersetzen und kämpft mit einer so genannten Dissoziation, die sie nichts mehr spüren lässt. Und für Amira ist Religion das wichtigste auf der Welt – bis sie sich verliebt. Der Fokus von „DRUCK“ liegt aber nicht nur auf dem Verlieben, sondern auf der alltäglichen Realität der Jugendlichen. Ausgespielt wird auf Youtube und in den Mediatheken. Jonas Lindt, der Headautor von „DRUCK“, erklärt die Vision hinter der Serie: „Hyperauthentizität meets überkrasse Romantik meets Repräsentation von wichtigen Sachen, die es sonst nicht so sehr im deutschen oder internationalen Fernsehen zu sehen gibt.“

Authentisch

Für meine Freund*innen und mich fühlt es sich besonders an, diese Serie zu gucken. Die Liebe für das Genre Coming-of-Age trifft plötzlich noch mehr auf die eigene Lebensrealität zu. Was die Menschen, die Sprache, die Geschichten angeht – aber auch die Musik. Denn auch der Soundtrack von „DRUCK“ - bestehend aus Deutschrap, Hip-Pop, Indie und Alternative war in öffentlich-rechtlichen Serien bisher noch nicht angekommen.

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Apache 207 - Bläulich prod. by Juh-Dee & Young Mesh (Official Video) | Bild: Apache 207 (via YouTube)

Apache 207 - Bläulich prod. by Juh-Dee & Young Mesh (Official Video)

In dieser Serie wirkt nichts aufgesetzt, sondern authentisch. Die Serie schafft es ganz selbstverständlich von neuen deutschen Realitäten zu erzählen. Auch meinem zehnjährigen Ich hätte das sehr gefallen.

Zu sehen bei: ARD Mediathek, ZDF Mediathek, Youtube


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