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Feminismus auf Pro Sieben #Aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek kritisiert "Männerwelten" von Joko und Klaas

Joko und Klaas haben gestern 15 Minuten Sendezeit von Pro Sieben gekapert. Für ein Thema, das zur Prime Time eher selten vorkommt: Sexuelle Gewalt. In den 15 Minuten führt uns Sophie Passmann durch die "Männerwelten": Eine virtuelle Ausstellung über die alltäglichen Facetten des Sexismus. Dieses Thema so zu platzieren, bringt viel Lob. Aber was genau loben wir dabei eigentlich? Anne Wizorek findet, wir waren schonmal weiter.

Von: Anna Klühspies

Stand: 14.05.2020

Screenshot Männerwelten | Bild: BR

Sophie Passmann, die wir als Autorin des Buches "Alte weiße Männer" kennen, moderiert sich langsam durch einen dunklen Raum, der nach Industriegebäude aussieht. Mehrmals hat sie betont, dass das, was gleich kommt, nichts für schwache Nerven ist. Alles, was in der Ausstellung Männerwelten zu sehen sein wird, ist echt und wirklich so passiert. Zum Beispiel die dick-pics, die die Moderatorin Palina Rojinksi vorstellt. Wie in einem Museum aufgereiht, hängen an einer langen Wand Bilder von erigierten Penissen. Die ungefragt in Palina Rojinskis Postfach landen.

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Männerwelten - Belästigung von Frauen | Joko & Klaas 15 Minuten Live | Bild: Joko & Klaas (via YouTube)

Männerwelten - Belästigung von Frauen | Joko & Klaas 15 Minuten Live

Es ist eine Mischung aus dunklem Humor und bitterem, ekelhaften Ernst, die sich durch die ganzen 15 Minuten ziehen wird. 15 Minuten Feminismus zur besten Sendezeit um 20.15 – und das auch noch bei Pro7. Wo sich ein Massenpublikum vielleicht noch nicht so ausführlich mit sexueller Belästigung und sexualisierter Gewalt auseinandergesetzt wie wir in unseren Twitter-Blase.

Das Video ist gut gemeint – aber auch gut gemacht?

Auch Anne Wizorek hat sich das Video angesehen. Sie hat 2013 unter dem Hashtag ‚Aufschrei‘ eine Debatte über Sexismus ausgelöst – und blieb nach den 15 Minuten mit gemischten Gefühlen zurück: "Für mich persönlich hat es nicht so gut funktioniert. Dass es so hin – und her switched, einerseits machen wir uns über diese übergriffigen Männer lustig, andererseits sprechen wir dieses Thema aber auch ernsthaft an, also das Thema sexualisierte Gewalt. Und was ich aber vor allem schwierig finde, mir drängt sich einfach dieser Eindruck auf, dass wir nicht darüber hinaus kommen. Dass es statt dessen immer wieder darauf hinausläuft: Frauen müssen wirklich zigfach und immer wieder beweisen, dass diese Sachen auch wirklich passieren."

Im weiteren Video lesen Frauen Nachrichten und Kommentare vor, die sie täglich bekommen. Das Model Stefanie Giesinger liest über sich selbst: "Viel zu dünn. Sie bricht bestimmt durch, wenn man ihr ordentlich im Bett gibt." Und die Moderatorin Jeannine Michaelsen liest über sich: "Ich finde, wenn schon keine Titten hat, muss man nicht auch noch so kack Hosen tragen." So etwas über sich selbst noch einmal vorzulesen: Das erfordert viel Mut. Weil es ziemlich wahrscheinlich noch einmal genauso ekelhafte Nachrichten triggern wird.

Aber waren wir nicht schonmal weiter?

Aber genau an diesem Punkt waren wir schon so oft, sagt Anne Wizorek: "Es geht um diesen Anspruch; wenn Frauen darüber reden wollen, was ihnen passiert ist, dann müssen sie auch jedes kleinste Detail ausbreiten, sonst fangen wir gar nicht an mit der Diskussion. Das finde ich extrem schwierig. Gerade als jemand, die jahrelang zu dem Thema arbeitet und sich in der Öffentlichkeit äußert. Man sollte doch von einem Kenntnisstand ausgehen können: Okay, das ist Realität, das müssen wir gar nicht erst großartig beweisen. Und statt dessen fragen: Was können vor allem Männer tun, untereinander, wie können Männer untereinander einschreiten, sich in die Verantwortung nehmen, dass dieses Verhalten erst gar nicht stattfindet."

Die Kritik am Video zeigt, wie komplex das Thema ist

Noch eine andere Kritik wurde nach der Sendung laut. Es seien nur weiße cis-Frauen zu Wort gekommen. Das wirft Fragen auf: Konnte man das Thema nur über diese Frauen dem Publikum näherbringen? Und wieso wurde mit Terre des Femmes eine Organisation ins Boot geholt, die wegen ihrer Haltung gegenüber muslimischen Frauen, Sexarbeitenden und Trans-Frauen kritisiert wird? Doch diese Kritik stößt auf weitere Kritik: Man könne nun mal in 15 Minuten nicht alles abdecken, immerhin sei es schon gelungen, viele wachzurütteln. Reicht das nicht? Nein, sagt Anne Wizorek:

"Warum müssen wir uns damit zufrieden stellen, jetzt habe das Thema mal stattgefunden, jetzt habe es mal Reichweite bekommen. Das Ding war 15 Minuten lang, da hätte man ja durchaus beides unterbekommen können. Einerseits über den Status Quo sprechen zu können, anderseits aber auch darüber, was getan werden muss. Man wird als Zuschauerin ratlos zurückgelassen. Und viele Männer werden sich sagen können; Uh, das ist aber schlimm. Und dann machen sie weiter mit ihrem Tag. Also, wo ist dieser Aufruf an übergriffige Männer oder Männer überhaupt, sich zu reflektieren. Wo habe ich mich selber schon so verhalten und wo war das scheiße und wie gehe ich damit um? Also diesen Lernprozess mal anzustoßen, daran bin ich viel interessierter. Da müssen wir hinkommen."


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