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Debatte im Fußball Der Spielabbruch als letztes Mittel gegen Rassismus auf dem Fußballplatz

Ein Spieler wird in der Amateurliga rassistisch beleidigt. Sagt er. Der Schiedsrichter hat nichts gehört. Sagt er. Für einen Spielabbruch sorgt die Mannschaft – denn sie solidarisiert sich und verlässt das Spielfeld.

Von: Niklas Münch

Stand: 28.11.2019

Fans zünden Pyrotechnik | Bild: picture-alliance/dpa

„Du fauler Affe, komm her.“ Daran erinnert sich Abdul Wahab Ussif noch rund zwei Wochen nach dem Vorfall. Ein Zuschauer habe ihn so beschimpft. Abdul Wahab ist noch sichtlich aufgewühlt, als er davon erzählt.

Aber der Reihe nach:

Es ist der 17. November, Abduls Verein SSV Höchstädt spielt auswärts beim TSV Möttingen, nahe Donauwörth. In der ersten Spielhälfte grätscht Abdul einen gegnerischen Spieler um, der Ball fliegt in Richtung Zuschauerrang. Zwei Zuschauer des TSV Möttingen rufen daraufhin Abdul die rassistische Beleidigung zu. Der zeigt ihnen den Mittelfinger. Die Beleidigung bekommt der Schiedsrichter nicht mit, den Mittelfinger schon und zieht daraufhin die rote Karte – für Abdul. Der verlässt den Platz, geht in die Kabine und weint, wie er sagt.

Doch Abdul ist nicht der einzige, der an diesem Tag den Platz verlässt: Seine gesamte Mannschaft tritt ab. Aus Solidarität, wie es der Trainier Ümit Tosun sagt. Das Spiel wird abgebrochen.

Der Bayerische Fußballverband prüft den Fall jetzt. Hätte sich der SSV Höchstädt nicht beim Sportgericht beschwert, wäre er untergegangen. Denn der Schiedsrichter vermerkte die rassistische Beleidigung nicht im Spielberichtsbogen, er bestreitet, dass es dazu gekommen ist.

Rassistische Vorfälle kommen nur in den Spielbericht, wenn der Schiedsrichter sie als solche erkennt

Der Bayerische Fußballverband spricht von rund 100 rassistischen Vorfällen, die vom Sportgericht verhandelt und geurteilt wurden, in der letzten Saison – bei knapp 270.000 Amateurfußballspielen. Grundlage hierbei sind die Spielberichtsbögen, bei denen die Schiedsrichter anmerken können, wenn es bei einem Spiel zu Gewalt oder Diskriminierung gekommen ist. Doch Kritiker bezweifeln die Aussagekraft dieser Statistik. Die Dunkelziffer sei deutlich höher, so Gerd Wagner, Rassismusexperte bei der Koordinationsstelle Fanprojekt, da zahlreiche Vorfälle nicht gemeldet werden. „Meines Wissens gibt es keine offiziell belast- und belegbaren Zahlen zu rassistischen Vorfällen im Amateurfußball“, sagt Wagner. Der DFB führe zwar eine Statistik über Vorfälle, die von den Landesverbänden gemeldet werden, aber die sei unvollständig – das zeige nicht zuletzt Abdul Wahabs Fall.

Rassismus ist im Amateurfußball noch ein Tabuthema

Während im Profifußball rassistische Äußerungen oftmals direkt diskutiert und skandalisiert werden, werden sie im Amateurbereich eher geduldet oder verschwiegen, so Wagner. Das liege unter anderem an der mangelhaften Datenlage.

Auch im Profigeschäft kommt es zu rassistischen Beleidigungen von den Rängen. Zuletzt sorgten ein Spiel in der niederländischen Profiliga und das EM-Qualifikationsspiel Bulgarien gegen England für Diskussionen. Bei einem Spiel der niederländischen Clubs FC Den Bosch und Excelsior Rotterdam Anfang November stimmten die Zuschauer rassistische Gesänge an und beleidigten einen Spieler mit Affengeräuschen. Beim Spiel Bulgarien gegen England Mitte Oktober kam es zu ähnlichen Szenen aus Reihen der bulgarischen Fans, vereinzelt wurde der Hitlergruß gezeigt.

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Bulgarien gegen England: Hitlergruß und rassistische Parolen im Stadion | DW Deutsch | Bild: DW Deutsch (via YouTube)

Bulgarien gegen England: Hitlergruß und rassistische Parolen im Stadion | DW Deutsch

Die UEFA, der europäische Fußballverband, verhängte daraufhin eine Geldstrafe von 85.000 Euro und eine Zuschauersperre bei zwei Spielen gegenüber dem bulgarischen Fußballverband. Aber das sei nur eine Möglichkeit, um auf die Missstände aufmerksam zu machen, so Gerd Wagner. Denn wichtig sei vor allem, „dass sich die Mitspieler solidarisch zeigen.“

Das wichtigste ist die Solidarität der Mitspieler

Sprich: Die Mitspieler können den Platz verlassen. Damit hat die englische Nationalmannschaft gedroht, sollte es zu rassistischen Beleidigungen kommen. Und das hat auch Abdul Wahabs Team gemacht, nachdem der Schiedsrichter die Äußerung von den Rängen nicht geahndet hat: Alle Mitspieler sind vom Platz gegangen. Aus Protest.

Der Spielabbruch gilt unter Experten als das letzte Mittel, auf das Vereine zurückgreifen können. Dann, wenn die Verbände im Vorfeld nicht genug gegen Rassismus unternehmen. Abdul Wahabs Trainer, Ümit Tosun, sagt, er wird als aktiver Spieler ebenfalls oft Ziel von Rassismus. Er ist froh über die Entscheidung seines Vereins, geschlossen das Spielfeld zu verlassen. „Wenn wir jetzt weitergespielt hätten, hätte am nächsten Tag keiner mehr was davon gewusst.“ Heute werde weiter in der Öffentlichkeit, in der Liga, und womöglich auch unter den Fans über diesen Vorfall gesprochen. Insofern war es richtig, so Tosun, dass sein Team „ein Zeichen gegen Rassismus“ gesetzt hat.


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