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Kapitalismus-Kritik und der Dude „The Big Lebowski“ ist heute politisch relevanter als je zuvor

Der im Jahr 1998 erschienene Film „The Big Lebowski“ gilt heute als absoluter Kultfilm. Das hat einen Grund, denn der Streifen der Coen-Brüder ist extrem gut gealtert. Auch heute noch zerstört er die Ideale des Kapitalismus wie kaum ein anderer Film, kommentiert Ferdinand Meyen.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 02.06.2021

Der Dude und sein Freund Walter in "The Big Lebowski" | Bild: picture alliance / United Archives | United Archives/Impress

Neulich bin ich beim Stöbern in den sozialen Netzwerken auf einen Post eines alten Schulkameraden gestoßen. Ein Bild wie ein Foto aus einer Fitness-Zeitschrift. Er - braun gebrannt, Oberkörper frei, volle Schärfe auf das Sixpack. Dazu ein leichter Schweißfilm über dem perfekt trainierten Körper, an dem man jede einzelne Muskelfaser genau erkennen kann. Und natürlich steht darunter auch ein inspirierender Text. „Challenge Yourself“, heißt es. Warte nicht auf den perfekten Moment, fang klein an, bis du dein Ziel erreichst. Weiter schreibt der Schulkamerad, dass er sich in seinem Leben immer weiterentwickelt habe, sei es durch seine vielen Weltreisen, sein hartes Fitness-Training oder den Aufbau eines Online-Start-Ups. All das, während er Vollzeit arbeitet. Was für ein toller Typ, schreit es aus jeder Text-Zeile und aus jedem Muskel des braun gebrannten Körpers. Wahrscheinlich war es nur gut gemeint, sollte inspirierend und motivierend wirken und natürlich viele Likes abgreifen. „Ein Gefällt mir pro Muskelfaser“, hätte er noch dazuschreiben können. Ich habe über diesen Post nur den Kopf geschüttelt - und ich glaube, der Dude aus „The Big Lebowski“ hätte das auch.

Die Lebensphilosophie des Dudes

Okay, auf den ersten Blick hat ein Uralt-Film wie „The Big Lebowski“ wenig mit der Abneigung gegen einen perfektionistischen Social-Media-Post eines neoliberalen Individuums zu tun. Auf den zweiten aber ziemlich viel. Im Zentrum des Meisterwerks der Coen-Brüder steht Jeffrey Lebowski, auch „der Dude“ genannt. Gespielt von Jeff Bridges, verkörpert er so ziemlich alles, was mein alter Schulkamerad nicht ist. Wenn man dem Dude sagen würde „Challenge Yourself!“, würde er sich erstmal in die Badewanne legen, Walgesänge auflegen und entspannt einen durchziehen. Was der Dude unter Fitness-Training versteht: Gemütlich in die Bowling-Halle schlendern und ein, zwei oder drei White-Russian bestellen.

Was Jeffrey Lebowski im Film von 1998 verkörpert, ist für viele Menschen heute zur Lebenseinstellung geworden. Es gibt sogar eine Art Religion namens „Dudeismus“. Sie vereint die Lebensansätze des Dudes mit dem chinesischen Taoismus und hat weltweit über 450.000 Anhänger*innen. Die Mantren: „Take it Easy“ und „Abide“, letzteres bedeutet auf Deutsch Verweilen oder Aushalten. Leitlinien des Kapitalismus wie Ruhm, Geld, Status oder Erfolg werden hier zweitrangig. Eine Dudedistin schätzt stattdessen die einfachen Dinge des Lebens. Abhängen mit den Freunden, Genuss, Drogen, ein selbstbestimmtes Leben und ganz allgemein die Freiheit zu tun und lassen, was sie will.

Kapitalismus-Kritik in „The Big Lebowski“

Und dann ist da natürlich noch die grandiose Handlung des Films, geschrieben von den Coen-Brüdern. Denn das Leben des Dudes ändert sich schlagartig, als zwei Typen in seine Wohnung eindringen, weil sie ihn mit dem gleichnamigen verschuldeten Millionär Jeffrey Lebowski verwechseln. Eher sich der Dude versieht, wird sein Kopf in eine Toilette gedrückt und jemand uriniert in seine Wohnung, ausgerechnet auf seinen Lieblingsteppich. In seiner Ehre gekränkt versucht der Dude das Missverständnis aufzuklären. Zunächst ohne Erfolg, doch dann wird die junge Ehefrau des Millionärs, Bunny Lebowski, entführt und eine wilde Achterbahnfahrt der Gefühle beginnt für Jeffrey und seine Freunde. Immer im Zentrum – die Schulden von einer Millionen Dollar, für die plötzlich der arme Dude verantwortlich gemacht wird. Eine Entführung, ein feministisches Kunstwerk, einen abgeschnittene Zeh, eine Verfolgungsjagd, einen Herzinfarkt, eine Pornofilmproduktion und ein paar Bowlingrunden später stellt sich dann heraus, dass das Geld eigentlich nie wirklich existiert hat und die Millionärsfrau sich nur selbst entführt hat. Das ist Kapitalismuskritik vom feinsten. Das Spiel der Reichen wird als undurchsichtig, verworren und ungerecht gezeichnet. Und das für den Dude niederschmetternde Fazit ist, dass es die ganze Zeit nur um eine Finanzblase ging, die es eigentlich gar nicht gibt. Vielleicht hat „The Big Lebowski“ so schon im Jahr 1998 die Finanzkrise Ender der Nuller Jahre vorhergesagt.

Das Recht auf Faulheit heute

Aber nicht nur deswegen ist der Film heute aktueller als je zuvor. Im Jahr 2021 orientieren sich viele Wissenschaftler*innen indirekt am Dude und fordern ein gesellschaftlich etabliertes Recht auf Faulheit. Der Tenor: Der in kapitalistischen Gesellschaften herrschende Arbeitszwang verhindert das gute Leben. In Deutschland wird das zum Beispiel durch die Hartz IV Maßnahmen deutlich, die Arbeitslose in den Niedriglohnsektor drücken und einen dudeistischen Lifestyle nahezu unmöglich machen. Die Folgen: Politische Selbstbestimmung, der Fokus auf die Bedürfnisse einer Gesellschaft, Ideen des guten Zusammenlebens von Menschen und Umwelt werden vom Zwang der kapitalistischen Verwertungslogik und der Sucht nach Arbeit geradezu verschlungen. Der Münchner Soziologe Stephan Lessenich argumentiert zum Beispiel, dass im Falle einer Kulturrevolution, der Bruch mit der herrschenden Arbeitsmoral ein elementarer Bestandteil eben dieser sein muss. Auch der ecuadorianische Philosoph Alberto Acosta setzt seinen Fokus auf ein „Buen Vivir“. Auf ein gutes Leben, das für ihn auch ein Ausweg aus der Klimakrise sein könnte. Ein Bruch mit Wachstums- und Fortschrittskonzepten könnte nämlich dazu führen, dass Glück durch ein harmonisches Zusammenleben in einer intakten Umwelt das Bruttosozialprodukt als wirtschaftliche Leitidee ablösen. Eigentlich Dudeismus auf gesellschaftlicher Ebene.

Raus aus den Bullshit Jobs, mach’s wie der Dude!

Der Dude im Supermarkt

Auch war dem Dude schon im Jahr 1998 bekannt, dass Arbeit meistens ziemlich sinnlos ist. Eine Einstellung, die viele Menschen heute mit ihm teilen, wie die berühmte These des verstorbenen Anthropologen David Graeber zeigt. Sein Argument: 33 Prozent aller Jobs sind Bullshit Jobs und damit komplett sinnlos. Die Menschen, die solche Jobs ausüben, so Graeber, würden selbst davon ausgehen, dass ihre Arbeit keinen gesellschaftlichen Nutzen hat – und nur deshalb nicht kündigen, weil sie glauben, dass man im Kapitalismus eben arbeiten müsse. Die Folgen der Bullshit Jobs, die Graeber im gleichnamigen Buch dokumentiert: Psychische Probleme, Krankheiten und ein unerfülltes Leben. Darüber hinaus zeigte der Anthropologe: Je mehr Geld die Menschen verdienen, umso größer der Anteil an Bullshit in ihrem Job. Der Dude weiß das, und am Ende seiner Reise in „The Big Lebowski“ sieht er sich in seiner anarchistischen Lebenseinstellung bestätigt. Er kann zwar seine Miete nicht zahlen, hat aber trotzdem alles was er braucht. Die Freunde, die Bowlingbahn, die Drogen und seinen Lieblingsteppich. Der komplette Gegenentwurf einer vom Kapitalismus definierten erfolgreichen Laufbahn. Wenn ich meinen alten Schulkameraden mit seinem Online-Business und seinen definierten Muskeln irgendwann mal wieder treffen sollte, würde ich ihm das wahrscheinlich genauso sagen: Sieh es doch mal wie der Dude! Bestell dir einen White Russian, mach ein bisschen langsamer, ab auf die Bowlingbahn, abide und take it easy!


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