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Boulevard der zerbrochenen Träume Warum deutscher R&B bislang nicht funktioniert (hat)

In den letzten zehn Jahren war Deutschrap melodischer denn je. Künstler*innen wie Apache207, Nura, oder Samra treten als Hybride zwischen Gesang und Rap in Erscheinung. Die eigentlichen R&B-Künstler*innen, jedoch: Zum Beispiel Moe Phoenix, Moe Mitchell oder Zemine. Die blieben, trotz Know-How und Herz, oft auf der Strecke.

Von: Malcolm Ohanwe

Stand: 20.12.2019

Fast schon hellseherisch macht einer DER deutschsprachigen Hip Hop-Mega-Stars des Jahrzehnts RAF Camora in einem Interview vor drei Jahren diese Zukunfts-Prognose: „Also ich würde mal prophezeien: In den nächsten fünf Jahren wird keiner mehr rappen, jeder wird nur noch singend rappen. Niemand wird mehr Sprechgesang machen, das wird alles nur Singen auf einem gewissen Ton mit Autotune sein.“ Der österreichische Rapper sollte Recht behalten. Es wird zwar noch gerappt, aber den großen Erfolg fahren Rapper*innen vor allem mit melodischen Gesangseinlagen ein. Dazu muss man nur in die Nummer-Eins-Hits der deutschen Charts Ende 2019 reinhören. Berufs-Rapper die mehr oder minder begabt nun auch singen, sind also mitten im Mainstream angekommen. Aber was ist eigentlich mit Hip-Hops Schwester-Genre R&B? Da wurde doch schon immer gesungen!

Deutschrap mit Gesang ist im Mainstream angekommen

Der Bremerhavener Moe Mitchel ist einer der größten R&B-Sänger Deutschlands. Er hat namhaften Rappern wie Olli Banjo, Fler, Azad, Alpa Gun, aber vor allem Kool Savas durch seine unverkennbaren virtuos gesungenen Melodien und Refrains mit zu ihren größten Hits verholfen. Den Autotune-Gesang der vielen Hobby-Sänger*innen im Deutschrap sieht er kritisch: "Ich weiß nicht, ob ich mich da verarscht fühlen soll. Die singen nicht richtig. Die singen mit ihrer Sprechstimme quasi. Da ist jetzt nicht viel, was da passiert und kaum einer von denen kann Harmonien einsingen."

Es scheint, dass richtige R&B-Sänger*innen wie er, die gesangliche Akrobatik vollziehen, die Harmonien verstehen, für ihre Arbeit nicht so richtig honoriert werden. Nachdem sich der Sänger Anfang der 2010er von seinem Mentor Kool Savas emanzipiert hatte und sein zweites Album  rausbrachte, merkte er, dass sich die Leute für seine Solo-Musik kaum noch interessierten: "Damals war es 'Ey Moe was geht, lass was machen', aber als er weg war ging keiner mehr als Telefon. Eigentlich hätte ich damals nicht über sowas gesprochen, aber ich sag das jetzt. Irgendwann wenn es zu Shows ging, habe ich, wenn richtige Kohle über den Tisch gegangen ist, nur 250€ pro Auftritt bekommen. Sechs Jahre lang. Savas hätte sagen können 'Für dieses Festival habe ich jetzt 60.000€ bekommen, da kriegst du wenigstens zehn Prozent'.

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Kool Savas "Immer wenn ich rhyme" feat. Olli Banjo, Azad & Moe Mitchell (Official HD Video) 2010 | Bild: Optik Records TV (via YouTube)

Kool Savas "Immer wenn ich rhyme" feat. Olli Banjo, Azad & Moe Mitchell (Official HD Video) 2010

Eine ähnlich schmerzhafte Erfahrung hat der genauso begnadete R&B-Sänger Moe Phoenix machen müssen. Auch er war jahrelang Refrain-Sänger für allerlei namhafte Rapper wie KC Rebell oder PA Sports. Aber viel Respekt oder gar Geld, gab es dafür kaum: "Ich wurde wie eine Marionette behandelt und habe mich genauso gefühlt. Ich hatte null Selbstwertgefühl. Ich war halt die ganze Zeit mit Rappern unterwegs, die im Rampenlicht standen. Sie haben sich vom Gesang bedient. Es ging mir nie ums Geld sondern um Anerkennung. Geld ist von den alten Songs, kein Cent geflossen. Ich möchte da keine Namen nennen, aber es ist zu achtzig Prozent bei allen so gewesen."

Egal ob Sänger Julian "J-Luv" Williams, der bestätigt: "R&B ist aus den USA und wird in Deutschland wird nie funktionieren, genauso wenig wie Schlager in den USA", oder eben Moe Mitchell, der sich der Problematik mit dem Titel "Respektiert R&B" widmet. Es ist klar: So richtig kam die Musikrichtung nie an in Deutschland, obwohl sie in gewissen Communitys sich großer Beliebtheit erfreut. Rapperin und Autorin Lady Bitch Ray beschreibt in ihrem Buch "Yalla, Feminismus", das R&B schon immer eher die "Schwarzen und Kanaken" in der Schule gehört haben.

Die deutsche Musikindustrie war schon immer mit R&B überfordert.

Musikjournalist und HipHop.de-Chefredakteur Aria Nejati.

Musikjournalist und HipHop.de-Redakteur Aria Nejati beschäftigt sich seit Jahren mit der urbanen Musikszene in Deutschland. Für ihn fehlt es ganz klar an Kompetenzen innerhalb der Industrie: "Warum R&B in Deutschland industriell nicht ernstgenommen wird, hat einen ganz einfachen Grund: Die Strukturen. Wenn man sich die Entscheider und Meinungsmacher in der deutschen Musik-Industrie anschaut, stößt man auf sehr viele Leute die weder mit R&B aufgewachsen sind, noch die Mechanismen und Beweggründe hinter dem Genre verstehen oder den Durchblick haben, was da musikalisch überhaupt passiert. Der deutsche Musikmarkt wurde nie ordentlich auf R&B sozialisiert, die Künstler*innen müssten also kreativer vermarktet werden. Hip-Hop kann da ein guter Türöffner sein, wie zum Beispiel Nura. Sie hat mit der Rap-Gruppe SXTN gestartet und hat jetzt ein erfolgreiches R&B-Album veröffentlicht. Ebenso Shirin David, die trotz überwiegender gesanglicher Performance industriell als Rapperin gelesen wird. Ihr R&B-Album wurde mit Hip-Hop vermarktet und konnte damit die Berührungsängste überbrücken. Es liegt also nicht an dem Inhalt oder dem Genre, sondern oft an der Verpackung. Der Musikrichtung an sich das Potenzial abzusprechen, das wäre ignorant.“

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Moe Phoenix - Nie Nie (prod. by UNIK) | Bild: LifeisPainTv (via YouTube)

Moe Phoenix - Nie Nie (prod. by UNIK)

Moe Phoenix ist mit dieser Devise, einer anderen Verpackung, im vergangenen Jahrzehnt erstmals aus dem Schatten der großen Rapper herausgetreten. Sein Trick: Er hat für seinen neuen R&B mit Singles wie "Habibi", "Mama / Baba" oder "Mohammad" auf eine etwas andere Ästhetik gesetzt. Arabeske Elemente seiner libanesischen Heimat mischt er mit amerikanischem Soul und Trap. Dazu erklärt er: "Es war kein Plan. Als ich angefangen hatte mein Album zu machen, habe ich mir überlegt, 'Was machst du jetzt? Du hast Liebe, du hast dieses, du hast jenes'. Und dann dachte ich mir, 'Warte mal, Mohammad, dein Vorname, ist der häufigste Vorname der Welt!' Habibi war dann auch so ein Song, wo man das mittransportieren konnte. Sehr trappige, amerikanische Sounds. Nur, die wollten was anderes hören und das ist das, was ich denen geboten habe. Dieses Orientalische und Intellektuelle auf Deutsch halt."

Sängerin Zemine.

Moe Phoenix gelingt der Coup. Diesen Ethno-R&B-Mix machen mittlerweile auch Künstler*innen wie Yonii oder Namika. Für seinen neuen deutschen R&B-Dreh erntet er auch eine Lobes-Hymne Deutschrap-Größe und ehemaliger DSDS-Juror Kay One: "R&B war tot in Deutschland. Was Moe Phoenix geschafft hat, ist R&B für heutige Jugend zugänglich zu machen. Mit seiner eigenen Interpretation, gemischt mit Arabesk. Nix gegen die anderen R&B-Künstler, es gibt so viele die das auch krass machen".

Eine R&B- und sogenannte Hook-Sängerin, die noch vor ihrem Solo-Durchbruch steht, ist die Düsseldorferin Zemine. Sie hat schon für Größen wie Summer Cem, Farid Bang oder Manuellsen Refrains eingesungen. Die geschilderten Schwierigkeiten hatte sie nicht: "Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass das das nicht gewertschätzt wird. Die Dankbarkeit war da – immer. Ich habe mich nie ausgenützt gefühlt. Ich habe dadurch immer profitiert." Sie weiß aber, dass sie für das neue Jahrzehnt nicht allein auf Gesang und R&B setzen kann: "Ich bin durch die Hooks ins Musikbusiness reingekommen. Ich habe vorher nur gesungen und jetzt habe ich angefangen auch zu rappen. Jetzt weiß ich: Ich kann beides machen. Ich kombiniere das und genau so, will ich kommen!"

Vielleicht sollten Sänger*innen einfach mehr den Rap infiltrieren

Auch Interpret*innen, wie Aisha Vibes, Hava oder Chefket waren erst Gesangs-Stars, bis sie in den 2010ern den Rap für sich vereinnahmt haben. Vielleicht ist das ja der Lösungs-Ansatz: Jetzt wo Rap-Stars vermehrt singen, sollten die Sänger*innen einfach mehr an ihren Rap-Skills feilen und sich so ihren wohlverdienten Respekt zurückholen.


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