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Problematische Filmklassiker Warum wir gelassen damit umgehen sollten, dass Der Herr der Ringe rassistisch ist

Der Herr der Ringe ist ein Klassiker. Doch wie bei vielen Filmen, die 20 Jahre oder älter sind, beschleicht uns der Verdacht, dass hier Rassismus reingelesen werden kann. Sollten wir den Film deshalb canceln? Eine persönliche Auseinandersetzung mit einem Lieblingsfilm.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 17.03.2021

Herr Der Ringe | Bild: Warner

Immer mehr Menschen sind für das Thema struktureller Rassismus sensibilisiert. Das heißt, sie erkennen an, dass sie in einer Gesellschaft mit rassistischen Strukturen sozialisiert wurden. Für die Popkultur hat das aber zur Folge, dass immer mehr Filmklassiker in Verruf geraten und mit Rassismus-Vorwürfen konfrontiert werden. Denn Stereotype oder Verhaltensmuster, die andere diskriminieren, fallen uns in alten Filmen heute einfach stärker auf. Nicht selten wenden sich Menschen deshalb von ihren früheren Lieblingsfilmen angewidert ab, können das was sie dort sehen nicht mehr gernhaben, obwohl sie es mal gernhatten. Und das tut unglaublich weh und macht auch die Debatte emotional. Der Streaming-Dienst Disney+ stellt wegen der Rassismus-Vorwürfe seit letztem Jahr Warnungen vor Filme wie Das Dschungelbuch oder Dumbo und weist darauf hin, dass es sich hier um veraltete kulturelle Inhalte handelt.

In dieser Reihe wollen wir Filmklassiker unter die Lupe nehmen, die mit solchen Vorwürfen konfrontiert sind. Einer der ersten Filme, den diese Kritik in der neueren Filmgeschichte getroffen hat, feiert dieses Jahr sein 20-Jähriges Jubiläum: „Der Herr der Ringe“. Schon im Jahr 2002, kurz nach der Veröffentlichung des zweiten Films, behauptete der britische Literaturwissenschaftler Stephen Shapiro, dass Tolkiens Werk rassistisch sei, zu sehr auf schwarz-weiß Symbolik setze und Fremdenfeindlichkeit befeuere. Saurons Feldzug, sie alle zu knechten und ins Dunkel zu treiben, sei eine Warnung vor der Übernahme des christlichen Abendlandes durch die Schwarzen und deshalb rassistisch, so sein Argument. Seitdem mahnen Filmkritiker*innen immer mal wieder an, dass man die Filme heute deshalb nicht mehr feiern darf. Das ist an den Vorwürfen dran.

Herr der Ringe-Nostalgie

Vorne weg: Ich liebe „Herr der Ringe“. Immer wenn ich krank bin, schaue ich alle drei Filme am Stück, einmal pro Jahr sind sie mindestens Pflicht. Für mich waren das die ersten Momente in meiner Kindheit, wo ich mit spannender „Erwachsenen-Fiktion“ in Berührung kam. Ich war ein bisschen zu jung für die FSK12-Freigabe, durfte den ersten Teil aber damals trotzdem schauen – mit Hilfe gebrannter DVDs, die ein Kollege meiner Mutter ihr unter dem Schreibtisch zugesteckt hatte. Die Filme haben mich durch meine Jugend begleitet, den Soundtrack habe ich später am Klavier gespielt, und Gollum zitiere ich gerne noch heute, mein Schatz. So wie mir geht es vielen. Immerhin waren die Filme damals nicht umsonst 30 Mal für einen Oscar nominiert und haben 17 davon gewonnen.

Alle Haupt-Charaktere sind weiße Männer

Frodo und Gandalf - zwei alte weiße Männer?

Wenn ich zurzeit aber an den Herrn der Ringe denke, merke ich auch, dass nicht alles so schön und cool ist, wie ich es in Erinnerung habe. Der Literaturwissenschaftler hat recht. Ich finde, man kann die Filme heute auch rassistisch lesen. Das Offensichtlichste zuerst: Alle Haupt-Charaktere sind weiß. Sogar weiß und männlich. Die Frauen haben weder in Filmen noch Büchern wirklich etwas zu sagen. Okay, Arwen und Eowyn spielen zwei halbwegs wichtige Nebenrollen, aber wirklich viel Screen-Time bekommen sie nicht. Stattdessen dreht sich viel um Aragorn, Legolas, Gimli, Frodo und Sam – und selbst der alte Zauberer Gandalf wird in seiner mächtigsten und wichtigsten Version von Gandalf dem Grauen zu – aufgepasst – Gandalf dem Weißen. Umgekehrt ergeht es dagegen seinem Zauberer-Kollegen Saruman. Als der zunächst noch gutmütige Hexenmeister in Ungnade fällt, weil er sich mit dem dunklen Herrscher Sauron verbündet, verliert er seinen Status als Weißer und Gandalf kann in der Hierarchie aufsteigen. Im Herrn der Ringe steht die Farbe Weiß für gut, die Farbe Schwarz für böse. Das war filmgeschichtlich natürlich schon häufig so - da stand schwarz und weiß häufig für Tag und Nacht. Aber beim Herrn der Ringe wird das anders interpretiert. Denn da sind die Weißen die Hauptcharaktere und die Guten.

Peinliche Rassen-Stereotype

Und dann sind da natürlich noch die vielen Rassen, die alle ganz unterschiedliche Eigenschaften haben. Die Message: Wenn du die Rasse kennst, kennst du eigentlich auch den Charakter. Zwerge sind zum Beispiel stur und dickköpfig, Elben anmutig, grazil und weise, Menschen habgierig und tapfer. Die einzige Rasse „of color“ im Herrn Der Ringe sind Orks – und die sind böse und sind eigentlich nur dazu da, bedrohlich auszusehen und abgeschlachtet zu werden. Genau wie die Haradrim, die die Orks im dritten Teil unterstützen. Das sind orientalisch wirkende „böse“ Menschen, die aus dem Osten von Mittelerde kommen und auf Kriegselefanten kämpfen. Eine prise Orientalismus darf also auch bei Tolkien nicht fehlen. Aus heutiger Sicht ist Tolkiens Mittelerde deshalb eigentlich die Allegorie einer weißen Merheitsgesellschaft. Und wer darüber hinaus Diversität und Pluralismus innerhalb der jeweilgen Rassen finden möchte, sucht vergeblich. Klar sind da hin und wieder Typen wie Denethor oder Grima Schlangenzunge – aber genau wie die Frauen, braucht der Film die gar nicht für seine Handlung. Grundsätzlich sind die guten Rassen die Guten und die bösen Rassen die Bösen. Es fehlt der eine gutmütige Ork, der keinen Bock auf Menschenfleisch hat und lieber mit den Elben am Fluss chillen will.

Auch, was den interkulturellen Austausch betrifft, mangelt es an allen Ecken und Enden. Selbst die guten Rassen hassen sich alle gegenseitig und arbeiten eigentlich nur zusammen, wenn sie Orks abschlachten dürfen. Das höchste der Gefühle ist da noch die Männerfreundschaft zwischen Zwerg Gimli und Elb Legolas. Am Ende heißt es da immerhin: „Seite an Seite sterben mit einem Elf?“ „Nein, Seite an Seite sterben mit einem Freund.“ Vielleicht ein kleiner Hoffnungsschimmer in Tolkiens platter Rassenkunde.

Man muss die Filme als das sehen, was sie sind

Sind hässlich und gehören abgeschlachtet: Die Orks im Herrn der Ringe

Das hört sich alles ziemlich schlimm an, ist es aber nicht. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani argumentiert hier zum Beispiel, dass man strukturellen Rassismus überall finden wird, egal wo man sucht. Seitdem ich diesen Gedanken im Kopf habe, kann ich die Herr der Ringe-Filme auch rassistisch lesen. El-Mafaalani fordert deshalb, sich nicht zu sehr über den strukturellen Rassismus aufzuregen. Man wisse ja, dass er da war und da ist – also könne man sich stattdessen auch auf die Zukunft und die eigenen Handlungen konzentrieren. Und wenn ich mich während dem Filmschauen ständig frage, an welcher Stelle das nächste rassistische Klischee wohl kommen wird, würde das auch meinen Blick auf alles verstellen, was an den Filmen so großartig ist. Die Dialoge, die Action, die Spannung, dieses erste große Fantasy-Epos. Und natürlich Gollum, mein Schatz.

Sollten wir den Herrn der Ringe canceln?

Nein, natürlich nicht. Es wäre ein Fehler, den Herrn der Ringe zu canceln, weil man den strukturellen Rassismus darin sieht. Ich kann diesen Film auch dann genießen, wenn ich seine Handlung nicht nach den Maßstäben von 2021 bewerte. Natürlich ist der Herr der Ringe ein Stück weiße Kultur. Und natürlich lese ich ihn deshalb auch strukturell rassistisch. Ich kann mich bei diesen Filmen aber immer noch über den großartigen Look freuen, die Landschaft, die Motion-Capture bei Andy Serkis, die epochalen Schlachten, die witzigen Dialoge und die großen Gefühle am Ende. Nur glorifizieren sollte man das alles heute nicht mehr.


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