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Kultur trotz Corona Warum Autokinos vielleicht bald ein Comeback feiern

In atemberaubender Geschwindigkeit hat sich das ganze Kulturleben digitalisiert und ins Netz transferiert. Gut so, aber nach echtem Theater, Konzert oder Kino fühlt sich das einfach trotzdem nicht an. Man will gemeinsam an einem Ort sein, Kultur zusammen genießen - aber eben auch Corona in den Griff kriegen. Das Konzept Autokino gibt uns ein zartes Hoffnungs-"Flimmern“ am Horizont.

Von: Bene Mahler

Stand: 29.04.2020

Tun wir mal kurz so - nur ganz kurz, für einen Moment - als gäbe es dieses verdammte Virus nicht. Stellen wir uns lieber vor, es ist Sommer und auf jeden Fall noch so letztes Jahrhundert. Wir sind jung. Wir wissen nicht, was wir tun. Wir sind stolze Besitzerinnen eines paradiesapfelroten Alpha Spiders. Wir sind möglicherweise verliebt. Auf jeden Fall lieben wir Kino. Folgerichtig lieben wir erst recht das Autokino. Dort fahren wir hin, um zu sehen und gesehen zu werden – natürlich mit Begleitung.

Wir parken in einer der ersten Reihen, drehen eine Zigarette, öffnen eine Dose Coke und machen das Radio an. Denn über eine ganz bestimmte Frequenz kommt der Ton aus dem Film zu uns hinein in den heimeligen Blechverschlag. Vom Film kriegen wir dann vielleicht gar nicht so viel mit, zumindest nicht alles, denn es wird geraucht, geknutscht, gekuschelt und gefummelt. Wir sind ja jung. Und wissen nicht, was wir tun. Diese nostalgische Schwelgerei ist so schön. Ja, sooo schön, dass es überhaupt kein Corona gebraucht hätte, um auf die Idee zu kommen, das Kulturgut Autokino zu neuem Leben zu erwecken.

Burger, Hotdogs, Rollschuhkellner*innen

"Also vor der Coronakrise wollten wir das als Happening machen. Wir wollten, dass die Leute schon früher vor den Vorstellungen kommen und, dass viele Oldtimer in der ersten Reihe stehen", erzählt mir Nicolas Nagel. Zusammen mit einem Kumpel hatte er Autokinos für ganz Bayern im Sinn und zwar schon im August 2019: "Es gibt Burger, Hotdogs, ein Bierchen auf die Hand und dann spielt akustisch ein Country-Sänger. Ganz der 'American Lifestyle'. Wir hatten auch überlegt, ob wir Kellner*innen auf Rollschuhen auf dem Platz fahren lassen. Wenn man dann sein Warnblinkzeichen anmacht, kommen die angerollt und nehmen die Bestellung auf. Lauter solche Sachen. Da haben wir ziemlich mit gespielt, weil wir es richtig zelebrieren und schön aufleben lassen wollten. Dann kam Corona und hat uns einen Strich durch die Rechnung gezogen."

Dresden, April 2020. In dem Autokino auf einem Parkplatz des Flughafens sind vorerst bis zum 3. Mai 500 Autos mit je zwei Personen zugelassen.

Der Strich durch die Rechnung hat einen Namen, heißt "Veranstaltungsverbot", oder "Allgemeines Versammlungsverbot". Aber, wäre das Prinzip 'Autokino' nicht die Lösung für so viele Probleme, die den Kulturschaffenden gerade so zu schaffen machen? Inspiration könnten allein schon die für den Virus-Test installierten Corona-Drive-Ins sein, die man in den Großstädten ja gerade deshalb eingerichtet hat, um weitere Infektionen zu vermeiden. Eine Art Blaupause? Maximal eine Kontaktperson im Auto, Abstandhalten zu allen anderen Besuchern - kein Problem. Die Tickets werden zu Hause gedruckt und durch die Fensterscheiben gescannt. Wer mal muss, der muss Maske tragen und natürlich Hände wasche. Auf die rollschuhfahrenden Kellner kann Nicolas im Notfall ja auch verzichten.

Aktueller Stand: Kein Autokino in Bayern erlaubt

Und überhaupt: Im Corona-geplagten Nordrhein-Westfalen sind Autokinos schon länger wieder erlaubt. Warum also nicht in Bayern? Wir haben beim Innenministerium und dem Gesundheitsministerium nachgefragt, wo denn die Bedenken liegen und ob man uns sagen könne, wann derartige Veranstaltungen wieder möglich wären. Die Antwort, ernüchternd:

"Die aktuellen Regelungen gelten zunächst bis zum 3.5.2020 und werden regelmäßig vor dem Hintergrund des dynamischen Infektionsgeschehens überprüft. Aktuell untersagt die zweite Bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung den Betrieb sämtlicher Einrichtungen, die nicht notwendigen Verrichtungen des täglichen Lebens, sondern der Freizeitgestaltung dienen. Dazu zählen insbesondere Kinos. Es kann auch keinen Unterschied machen, dass Autokinos im Freien veranstaltet werden und die Zuschauer im Auto sitzen bleiben. Denn der Besuch des Kinos mit dem Auto stellt keinen triftigen Grund zum Verlassen der eigenen Wohnung dar. Es handelt sich dabei insbesondere nicht um Bewegung an der frischen Luft.“ - Mit freundlichen Grüßen, ein Ministeriumssprecher.

Das heißt zumindest mal, dass die Idee nicht gleich vom Tisch ist – aber im Moment auch noch nicht realisierbar. Vielleicht ändert sich ja schon was am 3. Mai? Wer weiß. Trotzdem klingt das nicht sehr ermutigend. Und es gibt noch mehr Konfliktherde. Abgesehen davon, dass Autofahren in der Stadt eigentlich nicht mehr cool ist, viele Menschen – wie zum Beispiel ich – nicht nur kein Auto haben, sondern nicht mal einen Führerschein, stellt sich die Frage, wo wir die verplombten Parkflächen für die Kinoautos hernehmen sollen? Gut, zumindest in München stellt sich die Frage nicht mehr, seit dem man weiß, dass sie in diesem Jahr ja auch nicht stattfinden wird - Die Wiesn. Und damit ist die riesige Theresienwiese mitten in der Stadt unbespielt. Aber wer darf da drauf, wenn man denn dürfte - irgendwann?

Open-Air-Veranstaltungen mit Autos auf der Theresenwiese?

Da gibt es zum Beispiel Alexander Wolfrum, der ganz laut 'ICH' schreit. Wolfrum führt die GRAL-Veranstaltungsgesellschaft. Gral, das steht für "Gründliche Realisierung Allgemeiner Lebensfreunde“, das ist kein Witz, und GRAL ist eine GmbH mit großen Plänen, wie uns Wolfrum im Interview erzählt: "Wir planen auf der Theresienwiese 1200 Besucher willkommen heißen zu können. Wir planen mit 550-600 Fahrzeugen. Die muss man auf 30.000 m² stellen und die können dann die 288m² Leinwand anschauen."

Die leere Theresienwiese in München ist so groß wie 60 Fußballfelder.

Aber nicht nur Kino will Alexander Wolfrum dort machen, sondern auch Musikkonzerte veranstalten, Clubs betreiben, Theatervorstellungen ermöglichen - und bei allem soll das Publikum Virus-sicher angeschnallt im Auto sitzen. "Die Idee ein Autokino zu machen", erzählt Wolfrum weiter, "Also das waren einerseits Mitarbeiter und meine Kollegin, die meinte:- 'Wir haben doch früher immer KinoOpenAir gemacht, lass uns über Open-Air-Kino mit Autos nachdenken.' Dann kam eine junge Mitarbeiterin, die meinte: 'Ich komme aus Köln, da ist Sido gerade in einem Auto-Kino aufgetreten'. Zuletzt war es dann noch eine Münchner Zeitung, wo uns der Journalist auf die Theresienwiese bestellt hat und meinte: 'Ich will mit euch über diese Idee reden.'"

"Es brach eine Welle von Zustimmung über uns herein. Künstler und auch die Schausteller, die normalerweise die Wiesn beschicken kamen zu uns und sagten 'Ihr seid unsere letzte Hoffnung, wir wollen bei euch Popcorn und Mandeln verkaufen. Automobilhersteller sagen 'Wir können bei euch noch unsere Autos zeigen, wir helfen euch'. Oder auch Kulturtreibende, die sagen: 'Wir finden cool was ihr macht, wir wollen uns daran beteiligen'. All das wollen wir ermöglichen."

Pläne für Kultur im Auto stoßen auch auf Kritik

Okay, so cool finden es dann doch nicht alle. Kritik an Wolfrums Pläne äußern die Grünen im Bezirkstag. Pflichtgemäß sind sie gar nicht begeistert, dass die ganze Idee auf dem Prinzip Auto basiert. Sie fordern eine Begrünung der Fläche und Freizeitmöglichkeiten - in erster Linie für die Anwohner. Dazu melden sich lokale Künstler*Innen der freien Szene zu Wort: Zwei nicht weit entfernt von der Theresienwiese ansässige Kulturwerkstätten habe der Vorschlag von Alexander Wolfrum sogar "nachhaltig irritiert".

So wie in Karlsruhe am 22. April 2020 könnten vielleicht auch bald in Bayern Betreiber*innen ihre Gäste auf ihre Autokino-Plätze einweisen.

Einer von ihnen ist Andreas Alt. Er betreibt die Münchner Glockenbachwerkstatt und ist alles andere als begeistert von der Multiplex-Autokino-Idee, wie er uns berichtet: "Wir sind dafür da, kulturelle Teilhabe zu ermöglichen. Das ist natürlich möglich, wenn das möglichst kostenlos ist. Bei Leuten, die mit einem finanziellen Aufwand da reingehen ist das aber nicht möglich. Meine Wunschvorstellung wäre schon, dass die Theresienwiese für mehrere lokale Kulturveranstalter zur Verfügung gestellt wird. Wenn man es sich mal betrachtet: Bald ist Sommer und im Sommer gehen die Leute nicht in die Indie-Läden rein. Dann wäre das OpenAir-Gelände auf der Thereseinwiese optimal, wenn da mehrere Bühnen gleichzeitig oder nacheinander bespielt würde. Ich denke da zum Beispiel an Läden wie das Import/Export, Heppel&Ettlich, Milla . Das wäre natürlich super."

Freie Soziokulturelle Teilhabe versus Kultur-Kommerz

Die Debatte um freie soziokulturelle Teilhabe versus kommerziellen Kulturveranstaltungen, die man sich leisten können muss, ist also in München in vollem Gang: Wie also die Theresienwiese in diesem Sommer am besten nutzen? Alexander Wolfrum möchte auf die Künstlerinnen und Künstler zugehen: "Wenn ich mich an die Mitglieder der freien Szene wenden darf: Ja wir sind eine GmbH. Ja, ich bin eine Firma und Ja, ich muss genauso wie ihr von meiner Arbeit leben und dazu noch 20 Mitarbeiter versorgen. Aber wir sind nicht gierig. Gerade haben sich Leute vom 'QueerFilmFestival' an uns gewandt. Na klar, finden wir einen Abend, an dem die stattfinden können, aber klar müssen wir auch drüber reden, ob sich jemand beteiligen kann an unseren Infrastrukturkosten. Wir müssen die Leinwand hinstellen, wir müssen den Techniker zahlen. Das kostet eine Menge Geld. Wir sind mit allen, die zu uns gekommen sind im Gespräch und wir wollen, dass so was stattfindet."

Das Oktoberfestgelände ist so groß wie 60 Fußballfelder. Da wäre einiges möglich, wenn die Behörden sie freigeben. Der Diskurs hat begonnen: Welche Form von Kultur wollen wir in Zukunft? Und welche Kultur können wir uns leisten? Solange das Autokino noch nicht in meiner Stadt ist, bleibe ich einsam zuhause, streame Pulp Fiction und warte auf den Rollschuhkellner, der nie kommt.


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