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„Dance of Urgency“ Von Tiflis bis Berlin: Techno wird wieder politisch

"AfD wegbassen": Im Mai letzten Jahres riefen die Berliner Clubs zur Demo - es kamen 60.000 Menschen. In Tiflis gab es eine Raveolution. In Wien arbeitet man an Techno Think Tanks. Florian Fricke erklärt, warum Techno wieder politisch wird.

Von: Florian Fricke

Stand: 28.06.2019

„Welchen Zusammenhang gibt es zwischen der „Rave-o-lution“ im März 2018 vor dem georgischen Parlament in Tiflis, den anti-faschistischen Protesten in Berlin und antiken dionysischen Ritualen, und warum kommt der Soundtrack zu diesen Ereignissen von Drums von AfroamerikanerInnen?“, fragt dieAusstellung „Dance of Urgency“, die zur Zeit im Wiener Ausstellungsraum Q21 läuft: Techno als „Call for action“.

In der Ausstellung vertreten ist Mark Flash vom Kollektiv Underground Resistance aus Detroit. UR ist ein Label und eine Lebenseinstellung. Detroit steht für die schwarzen Ursprünge von Techno, Berlin für die weißen, und der frühe Schulterschluss der beiden Szenen steht für die egalitäre Kraft der Clubs. Mark Flash hat zusammen mit Cornelius Harris für die Ausstellung ein Video über die Geschichte der Sklaverei produziert, in dem sie historisch weit zurückgehen. Damals in Afrika verständigten sich die Dörfer über Codes in Rhythmen, die über Trommeln übertragen wurden. Als Sklaven in die neue Welt verschleppt, verständigten sie sich ebenso über Codes in ihrem Slang, den die weißen Master nicht verstanden. „Und genauso funktioniert Hip-Hop heutzutage. Wer den Slang nicht kennt, wird nicht verstehen, um was es da geht, wird nicht verstehen was auf der Straße los ist, denn darum geht es oft im Hip-Hop. Und Techno – das ist wie die B-Seite. Da geht es um ein Gefühl“, erklärt Flash.

Der Dancefloor als Mittel gegen den Krieg

Dieses Gefühl kennt Bogomir Doringer, Kurator der Wiener Ausstellung „Dance of Urgency“, nur zu gut. Er kann selber auf eine bewegte Clubvergangenheit zurückblicken, erkundete als Teenager das Belgrader Nachtleben – zu einer Zeit, als die NATO Serbien bombardierte:

„1999 hatte ich die beste Zeit meines Lebens, das ist nun genau 20 Jahre her. Irgendjemand organisierte diese Partys und als Teenager bist du einfach auf den Zug aufgesprungen. Schnell dämmert es dir: Der Dancefloor ist das Mittel, um dieser Gefahr zu begegnen. Wir verhöhnten den Tod, wir tanzten als wäre es der letzte Tag in unserem Leben. Ich bin den Veranstaltern wirklich dankbar, dass sie diesen Raum ermöglichten, in dem wir vor Euphorie schrien. Wir schrien, weil wir dachten, wir wären cool, aber eigentlich hatten wir Angst. Es war wie eine interaktive Kunstperformance. Es gab aber auch andere Partys, zum Beispiel um die Brücken zu schützen.

Das waren Konzerte mit richtig mieser Musik: Turbo-Folk. Aber die Leute kamen und schützten so die Brücke vor Bombenangriffen.“

Reclaim Club Culture

Das Gefühl materialisierte sich auch auf dem Maidan in Kiew vor dem georgischen Parlament - und auch in der Partyhauptstadt Berlin haben der allgemeine Rechtsruck und die permanente Bedrohung der Freiräume für Subkultur die Raver in den letzten Jahren politisiert. Das Bündnis Reclaim Club Culture vereint Clubs, Festivals und Kollektive. Gemeinsam organisierte man „AfD wegbassen“: Zum Anti-AfD-Demo-Rave letztes Jahr in Berlin kamen 60.000 Menschen. Seitdem traut sich die AfD nicht mehr so richtig auf die Straßen Berlins.

Techno Think Tanks

Für die Ausstellung „Dance of Urgency“ im Wiener Q21 konnten die Künstler, Produzenten, DJs und Clubmacher während monatelanger Stipendien vor Ort ihre Aktivitäten reflektieren, sich untereinander vernetzen und die Ausstellungswerke erarbeiten. Kurator Bogomir Doringer sieht in solchen Think Tanks die Zukunft einer neuen interdisziplinären Protestkultur: „Dimitri Hegemann, der Gründer des Tresors, meinte neulich, dass es für die Techno-Szene in Detroit das Beste wäre, wenn sie sich zu einer Religionsgemeinschaft erklären würde. Dann müssten sie keine Steuern zahlen und das Geld wäre frei für Bildung. Oder Chiara Baldini, die dargelegt hat, wie das Gesetz gegen den Bacchus-Kult im antiken Rom als erstes Gesetz aufgefasst werden kann, um eine Gegenkultur einzudämmen. Es ist interessant, wie da sogar Religion ins Spiel kommt. Für die Zukunft erwarte ich also einen Hybriden aus Hightech-Aktivismus, Spiritualismus und Clubkultur – und das klingt auch nach einer neuen Science Fiction-Erzählung.“

Neue utopische Narrative

Neue utopische Narrative werden ja zurzeit händeringend gesucht. Techno startete politisch, die Clubs waren weltweit oft der erste Safe Space für die LGBTQ-Gemeinschaft. In einer neuen Politisierung liegt die Hoffnung für ein neues Wir-Gefühl – nicht nur der Partyszene, sondern für die gesamte Gesellschaft.

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