Umstrittener Spiegel-Artikel Volker Beck kritisiert Spaziergang mit Attila Hildmann als "reine Promo", ein Autor kontert

Ein Waldspaziergang, der massive Kritik auslöst. Spiegel-Reporter haben den Verschwörungsideologen Attila Hildmann getroffen, den Text daraufhin veröffentlicht. Die Opfer der Morddrohungen Hildmanns verurteilen das aufs Schärfste.

Von: Franziska Timmer

Stand: 27.07.2020

Bild: picture alliance/Horst Galuschka/dpa/Horst Galuschka dpa

Grünen-Politiker Volker Beck ist Drohungen gewöhnt. Seine erste Pistolenkugel habe er 1996 in der Post gehabt, sagt er. Und das Landeskriminalamt habe ihm schon fünf Jahre zuvor gesagt, dass sein Name nicht am Türschild stehen sollte. „Deshalb weiß ich, dass es das gibt und passiert ist mir bislang Gott sei Dank nichts“, sagt er.

Volker Beck erhielt Morddrohungen von Attila Hildmann

Attila Hildmann auf einer Corona-Demo Bild: picture alliance/Christophe Gateau/dpa

Aber vor rund zwei Wochen geht es ihm dann zu weit. Volker Beck wird zur öffentlichen Hassfigur von Attila Hildmann, einst als veganer Koch, jetzt vor allem als Verschwörungsideologe bekannt. „Er hat öffentlich erklärt, er plane die Todesstrafe durch öffentliches in die Eier treten für mich, wenn er Reichskanzler würde“, erzählt Beck. „Und hat dann noch seine Meute gefragt, wer denn mitmachen würde.“ Hildmann droht dem Politiker öffentlich auf einer Corona-Protestaktion vor dem Alten Museum in Berlin. Volker Beck erstattet Anzeige. Die Ermittlungen gegen Hildmann wegen Volksverhetzung und Bedrohung laufen.

Doch Volker Beck ärgert sich nicht nur über Attila Hildmann selbst, sondern auch über diejenigen, die diesem Mann, trotz allem eine öffentliche Bühne geben. „Ich verstehe nicht, warum man so jemandem dieses Podium bietet.“ Das Fazit von Volker Beck: „Das ist reine Hildmann-Promo.“

Spiegel-Reporter teilen Kritik nicht

Volker Beck bezieht sich damit auf den Artikel über Hildmann in der aktuellen Ausgabe des „Spiegel“. Ein Porträt, bei dem sich die Autoren mit dem Verschwörungsideologen auf einen Spaziergang im Wald treffen. „Wer Attila Hildmann mal ganz sanft erleben will, muss mit ihm in den Wald gehen.“ So beginnt der Artikel. Ironie oder ernst gemeint? Wir fragen nach bei einem der Autoren, Alexander Kühn. Der kann die Kritik nicht nachvollziehen.

In seinen Artikeln würde immer Ironie stecken, sagt er. Zwar nicht an den Stellen, wo es um Hildmanns grausame Rhetorik und Gewaltphantasien geht. Aber sehr wohl beim Einstieg. „Sie dürfen sicher sein, dass dieser Einstieg – Hildmann mit seinem Hund im Wald – und wo er ihn als kleinen Racker bezeichnet, dass das von mir ironisch intendiert ist.“ Der Spiegel habe nicht zeigen wollen, was für ein weicher Typ Attila Hildmann in Wahrheit sei.

Streit über Umgang mit Attila Hildmann

Nicht nur Volker Beck, auch zahlreiche andere Menschen kritisieren den Artikel scharf. So schreibt zum Beispiel die Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun auf Twitter, sie sei krass enttäuscht vom Spiegel und frage sich, ob das Medienhaus den Opfern von Verschwörungsideologen ebenso viel Raum gebe. Und Medienkritiker Stefan Niggemeier bezeichnet in einem Artikel für die Website Übermedien, die Mini-Versuche, die die Spiegel-Redakteure unternehmen, Hildmann bloßzustellen, als „rührend hilflos“.

Darf Attila Hildmann überhaupt Raum bekommen, ein Artikel über ihn und seine Person, gerechtfertigt? Volker Beck sagt: „Nein.“ Man müsse Hildmann weitgehend ignorieren. „Recherche und Analyse, ja. Aber Promotion von einem mehr oder minder Wahnsinnigen, das halte ich politisch für fahrlässig.“

Wie berichtet man über Verschwörungsideologen?

„Ich glaube nicht, dass wir Attila Hildmann ein Podium gegeben haben“, sagt Spiegel-Autor Alexander Kühn. Eine Bühne würde heißen, man gebe Hildmann zwei Seiten im Spiegel und er dürfe schreiben, was er wolle. „Das ist ein großer Unterschied“, so Kühn weiter.

Eines macht die Debatte um den Spiegel-Text auf jeden Fall klar: Attila Hildmann totschweigen funktioniert nicht, dazu ist er längst zu bekannt geworden. Die Frage, wie sich Medien auf angemessene Weise mit ihm beschäftigen, wird dadurch umso wichtiger.