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Weltweiter Rohstoff-Mangel Warum ein Vinyl-Engpass die Existenz von kleinen Platten-Labels bedroht

Auf den Vinyl-Boom folgt die Vinyl-Krise. Denn einerseits steigt die Nachfrage nach Schallplatten, andererseits fehlen die Rohstoffe. Das bedroht vor allem die kleinen Labels in ihrer Existenz.

Von: Dominik Kalus

Stand: 15.10.2021

Schmidt Max und die Magie der Schallplatte: gegen Staub auf Schallplatten hilft...waschen | Bild: André Goerschel

Die Preise für Vinyl seien seit Anfang des Jahres um sechzig Prozent gestiegen, und auch die Wartezeit habe sich vervielfacht. "Das ist bereits für viele Labels eine Existenzbedrohung. So klar muss man das leider sagen", sagt Mirko Gläser vom Indie-Label UncleM. Der Stau in den Presswerken sehe momentan so aus, dass viele Presswerke hinter vorgehaltener Hand sagen, dass sie im Grunde ein Jahr lang keine neuen Aufträge annehmen dürfen. Und selbst dann müsse man abarbeiten, was bereits in den Büchern stehe. Das bestätigen uns diverse Pressewerke, bei denen wir angefragt haben. Eines in Leipzig hat beispielsweise eine Warteliste von einem halben Jahr - nimmt aber gar keine Neukunden mehr auf.

Vom Schallplatten-Engpass zum Existenz-Problem

Ein Grund für die Engpässe ist der weltweite Rohstoffmangel. Nicht nur der Kunststoff PVC ist knapp, den man für die Herstellung von Schallplatten braucht. Auch Papier und Kartonagen für die Verpackung der Platten seien viel schwerer verfügbar, wie Branchenvertreter berichten. Den zweiten Grund nennt uns Mirko Gläser: "Der Vinylmarkt in Deutschland ist mittlerweile ein Thema für die Majorlabels geworden. Früher war es so, dass eher kleine Indieveröffentlichungen auf Platte gepresst wurden. Heutzutage ist es so, dass bis hoch zu Taylor Swift wirklich fünfstellige Summen erwirtschaftet werden." Die Folge: Die Aufträge würden eher an die großen, etwas besser zahlenden Firmen vergeben als an kleinere Indie-Labels.

Gibt es bald nur noch Major-Artists im Plattenregal?

Die Großen verdrängen also die Kleinen – mal wieder. Wir haben die drei größten Majorlabels, Universal, Sony und Warner Music, um eine Stellungnahme gebeten, aber keine Antwort bekommen. Für kleine Labels wird der Schallplatten-Engpass derweil zum Existenz-Problem, weil viele mit dem Verkauf eines Albums die Produktion des nächsten erst finanzieren können. Vergeht dazwischen zu viel Zeit, geht die Rechnung nicht mehr auf. Mirko Gläser vergleicht das mit der Führung eines kleinen Cafés: "Stell dir vor, dein Lieferant für Kaffeebohnen teilt dir mit, dass er nicht mehr Monat für Monat deine Kaffeebohnen liefern kann, sondern du musst jetzt deine gesamte Jahresration bezahlen und wirst erst im Mai nächstes Jahr wieder beliefert. So ungefähr stellt sich die Situation für Vinyl-Labels dar."

Vinyl-Pressung ist sehr aufwendige manuelle Arbeit

Auch Bands haben mit den knappen Kapazitäten zu kämpfen, vor allem weil in Pandemiezeiten Vinyl zu einer der wichtigsten Einnahmequellen geworden ist. Jakob Riepl von der Regensburger Band Some Sprouts erzählt uns, dass der Vinyl-Engpass sie als Band kalt erwischt habe: "Wir hatten das alles schon fix ausgemacht, und dann hieß es, wir müssen ein halbes Jahr auf eine Platte warten. Da waren wir erstmal sehr schockiert." Glücklicherweise habe die Band dann durch einen österreichischen Kontakt noch ein Presswerk in Österreich gefunden. Und konnte so ihren Release-Termin einhalten.

Den Presswerken ist die Problematik der Situation bewusst. Doch es ist fraglich, ob sich daran etwas ändern lässt. Warum sich nicht einfach so selbst ein Presswerk gründen lässt, erklärt Mirko Gläser vom Indie-Label UncleM: "Es ist so, dass die Pressung von Vinyl eine sehr aufwendige manuelle Arbeit ist. Das heißt, mit der reinen Pressmaschine ist es nicht getan, sondern du benötigst auch Personal." In Deutschland gebe es jedoch nur zwanzig bis fünfundzwanzig Experten, die diese Maschinen so bedienen können, wie es eine anspruchsvolle Vinylpressung brauche. "Das heißt wenn wir jetzt so ein Presswerk gründen würden, würden wir vor dem nächsten Problem stehen."

Den Labels bleibt letztlich nichts anderes übrig, als die gestiegenen Preise an die Kunden weiterzugeben. Ob die das auf die Dauer mitmachen, ist fraglich. Und so könnte der Schallplattenboom, wieder eine Schallplattenkrise nach sich ziehen.