Bayern 2 - Zündfunk

Zündfunk präsentiert Henry Rollins

Hardcore-Ikone Henry Rollins lebt seit Jahrzehnten kerngesund und durchtrainiert in LA. Seine als „Lesungen“ deklarierten Vorträge sind wegen ihres Humors legendär. Und im Kino wird er gerne als knallharter Cop besetzt, also als das Gegenteil des linksorientierten Freiheitskämpfers, der er ist...

Von: Zündfunk

Stand: 07.10.2021 16:30 Uhr

Henry Rollins | Bild: Propeller-Music München

29 Januar

Samstag, 29. Januar 2022, 20:00 Uhr

Muffathalle (bestuhlt), Zellstrasse 4, 81667 München:

Einlass: 19:00 Uhr / Beginn: 20:00 Uhr / VVK: 35,- € + VVK-Gebühr

Er ist ein Musiker, Schriftsteller, Verleger und Schauspieler. Allem voran aber ist er Selbstdarsteller: Henry Rollins

Rollins wurde Sänger von Black Flag, einer der ersten amerikanischen Hardcore-Bands, die allerdings außer großer Wut mitunter auch ein paar kompliziertere musikalische Ansätze verfolgten. Henry Rollins aus Washington, DC wurde nicht zufällig Sänger der kalifornischen Black Flag. Sondern war schon lange vorher Fan. Er war der Band hinterhergereist und konnte so ziemlich alle Stücke mitsingen. Den Rest improvisierte er. Dieses Talent war und ist wesentlicher Bestandteil seiner Performances. 

Als Beweis für Rollins' tiefe Begeisterung für seine Band Black Flag  reicht ein Blick auf seinen massigen Nacken, wo die gleichen vier Striche prangen wie auf den Platten von Black Flag. Es ist nicht das einzige Tattoo, das man von ihm kennt. Rollins wurde oft fotografiert. Nicht weil er so ein hübscher Kerl wäre, sondern wegen seiner Ausstrahlung, seinem durch viele Stunden im Studio gestählten Körper und den auffälligen Tattoos darauf. Als wilder Mann auf der Bühne war er immer ausgesprochen ansehnlich. Sein tätowierter Stempel auf dem Rücken: "Search And Destroy". Es geht alles Hand in Hand mit dem Sound des angry - inzwischen nicht mehr ganz so - young man.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Rollins Band - Illumination | Bild: RollinsBandVEVO (via YouTube)

Rollins Band - Illumination

Nach dem Ende von Black Flag 1986, machte Henry Rollins alleine weiter. Seine erste Platte veröffentlichte er gleich ein Jahr später, 1987, grell rosa im Coverartwork von Mark Mothersbough (Devo). Erst später stand nicht mehr Henry Rollins, sondern The Rollins Band auf seinen Platten. Der Plattentitel "Hot Animal Machine" war Rollins auf den Leib geschrieben, und ab diesem Zeitpunkt war er nicht mehr zu bremsen. Er nahm auf, tourte, er veröffentlichte Live-Alben, nahm auf, tourte wieder und veröffentlichte. Noch als Black-Flag-Mitglied hatte er damit begonnen, mit Spoken Word Auftritten von sich reden zu machen.

Die waren genauso gut wie seine Konzerte. Zuerst stand er gemeinsam mit Lydia Lunch auf der Bühne, die damals bekannter war als Rollins. Dann aber reichte der Name Henry Rollins für Lesetouren, die niemals Lese-, sondern immer Freisprech-Touren waren. Rollins erwies sich auch da als der geborene Performer, der frei und flüssig erzählen konnte, stundenlang, dazwischen aufs Publikum einging, dann aber wieder problemlos bei seiner Geschichte anknüpfte, ohne je den Faden zu verlieren. Das ganze gern gewürzt mit Schauspiel-Einlagen. Stand-Up Comedy, in der er witzig und selbstironisch eine halbe Stunde übers Onanieren sprach, oder auch darüber, wie er als Kind zusammengeschlagen wurde. Natürlich wurden diese Auftritte veröffentlicht, ebenso wie sein Tour-Tagebuch mit Black Flag namens "Get in the Van". Immerhin gab es ja auch noch sein Label,  auf dem er veröffentlichen konnte, wozu er Lust hatte.

Henry Rollins KANN witzig sein, ist aber genauso hoch moralisch in seinen Texten. In seinen ersten Texten schreibt er von rassistischen Polizisten, von Schlägertrupps, die kleine Jungs missbrauchen, er beobachtet und kritisiert die Welt. Er schreibt von Gewalt und Gewaltphantasien, von Frauen, die Männer hassen. Und Männer, die Frauen hassen. Und passte damit gut zu der Radikal-Emanze  und Performerin Lydia Lunch, die in den Achtzigern gern ohne Unterhose auftrat und nonstop von Sex sprach, dabei aber merkwürdig distanziert blieb. Dazu Rollins, der maskulinste Beinahe-Feminist mit dem männlichsten Trimm-Dich-Körper, den die Popwelt je erlebt hat. Einer, der seinen platonischen Freundinnen beim Shoppen die schweren Taschen trägt. Nachhören und nachlesen lassen sich jede Menge seiner Geschichten. Rollins war Facebook, lange bevor es Facebook gab: Innere Gedanken, Triviales und Wichtiges, Belangloses oder Wut-raus-lassen und das Ganze veröffentlichen. Kein Problem.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Henry Rollins - Liar - Higher Quality | Bild: OveRMinD (via YouTube)

Henry Rollins - Liar - Higher Quality

Tatsächlich scheint es, als wäre Musik und Wort für Rollins die Rettung gewesen. Dass er eine schwierige Kindheit hatte, war lange Jahre Thema in Interviews und in seinen Büchern. Die Jahre zwischen 14 und 18 hat er vorwiegend auf dem Skateboard verbracht und viel auf der Strasse statt in einem behüteten Zuhause. Einmal schrieb er, dass er am liebsten die Schule sprengen und die Lehrer umbringen wollte. Glücklicherweise hat er in der Musik ein besseres Auslassventil gefunden.

Nichttrinker, Nichtraucher, Drogenabstinenzler: Zumindest nach dem Ende von Black Flag wurde er zum Gesundheistsapostel, wie sie heute üblich sind. In den Achtzigern und Neunzigern war Rollins ein Pionier des Gesundheitswahns, ein Exot... Trank nicht mal Bier. Verbrachte täglich drei bis vier Stunden im Fitnessstudio, und kultivierte das Wort "Arbeit". Vielleicht eine Spätfolge seines Aufenthaltes in einer ihm verhassten Militärschule.

Der gestählte Körper, die harte Schale, eine Mauer. Trotzdem wirkt der gute Henry Rollins immer unglücklich, wenn er mal vergisst, tough und grimmig drein zu schauen, und aus Versehen seinen Dackelblick drauf hat. Rollins ist großer Fan von den üblichen Verdächtigen wie Black Sabbath und Thin Lizzy, von Curtis Mayfield, Brian Wilson, Patsy Cline, Public Enemy und Suicide. Und eben von Jazz. Also eigentlich von allem, was gut ist. Songs von Lou Reed und Suicide hat er selbst gecovert, und ein paar Platten seiner Helden hat er auf seinem Label wiederveröffentlicht. Das Label heisst: 2.13.61. Benannt nach seinem Geburtsdatum.  

Nachdem er vor einigen Jahren seine musikalische Laufbahn beendet hatte, schreibt er nun Bücher wie verrückt, hat in Los Angeles eine wöchentlich Radioshow und geht - wann immer es möglich ist - weltweit auf Lesetour. Allerdings liest er nie etwas NUR vor. Er steht einfach da und hält einen mehrstündigen Vortrag, ohne Notizen, Freestyle.

präsentiert von Bayern2/Zündfunk.