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"Heavy Light" U. S. Girls glauben an den Antikapitalismus – und Disco und Indie

Meghan Remy alias U.S. Girls hätte es verdient: Den Durchbruch, den ganz großen Erfolg, den Himmel auf Poperden! Wenn, ja, wenn diese Welt gerecht wäre. Die 34-Jährige packt Kapitalismuskritik und Vergangenheitsbewältigung in ein funky Indie-Disco-Format. Grandios.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 11.03.2020

“I would like to do the opposite of everything that is making money these days”. Ich möchte das Gegenteil von dem tun, womit Geld gemacht wird. Hat Meghan Remy vor einigen Jahren in einem Interview gesagt. 2020 isst sie Geld - im Video zu “4 American Dollars”. Hier verschwindet ein Tortenstück mit dem Aufdruck eines Ein-Dollar-Scheins in Mündern, zerknüllte Geldscheine liegen auf Zungen. Damit möchte nun wirklich niemand mehr an der Kasse zahlen. Meghan Remy, die unter anderem Papierkunst studiert hat, zeigt, was sie von allein durch Druck aufgewertetem Papier hält: Nichts. Sie glaubt nicht an die Währungen, die unseren Alltag dominieren, für die wir uns krumm machen, weil sie das Gerüst sind, innerhalb dessen alles stattfindet.

Der Opener vom neuen U.S Girls Album  zeigt, in welchem Rahmen sich die Geschichten zutragen, von denen Meg erzählt: in einem kapitalistischen System. Dieser Welt begegnen wir mit ihrem State of Mind, den sie jetzt hat, als 34-jährige Amerikanerin, die seit Jahren in Kanada lebt. Von nun an rudern wir uns in die Vergangenheit. Wir alle würden unsere Kindheit mit uns herumtragen, sagte Remy neulich in einem Interview mit der New York Times - und je bewusster wir uns dessen sind, desto besser würde sich das Kind in uns verhalten. Alles was uns ausmacht, hat seinen Ursprung in unserer Kindheit. Zwischenstopps auf dem Zeitstrahl sind kürzere Tracks, in denen nur gesprochen wird. Titel wie „Advice To Teenage Self“. Darunter sind bewegende Botschaften: „Ich wünschte, ich könnte meinem Teenager-Ich sagen: Mach dir keine Gedanken, was andere denken. Und dass das Leben lang ist, nicht kurz. Hab Spaß so lange du kannst, sehr schnell wird es freaky genug werden.“

In welcher Farbe war dein Kinderzimmer gestrichen?

Später eine Überschrift “The Colour Of Your Childhood Bedroom”. Mit Erinnerungen an die Farbe des Kinderzimmers. Gleich noch ein Kernthema von U.S. Girls: Gender. In welcher Farbe war unser Kinderzimmer gestrichen? Rosa? Weil wir Mädchen waren? Blau, weil… Jungs? Blieb was offen? Welche weiß gelassenen Leerstellen konnten wir uns selbst erschließen? Und ganz zum Schluss der Song “Red Ford Radio”. „Windy city don't look so good from here“ - die windy City könnte Chicago sein: Remy ist in Illinois aufgewachsen, vor allem von ihrer Mutter großgezogen. Aber hier geht es um ihren Vater. Und einen roten Ford, in dem sie nicht mehr atmen kann.

Allein durch das Wort “Vater” ist der Song „Red Ford Radio“ schneller biografisch zu lesen - ob korrekt oder nicht - als in seiner ursprüngliche Version von 2010, in der vom Wort “Vater” keine Spur war. Meghan Remy hat älteren U.S. Girls-Songs einen neuen Anstrich verpasst. Und hat sich dafür neue Musiker*innen dazu geholt. Unter anderem Bruce Springsteens Saxophonisten Jake Clemons. Das Album klingt über weite Strecken, als hätte es schon in den 60ern aufgenommen worden sein können. Und deswegen auch  weise, althergebracht und mächtiger. So wie Worte in einem gebundenen Wälzer mehr Schlagkraft haben, mehr Eindruck hinterlassen als in einem privaten Blogeintrag. Alles verströmt Autorität.

Das Gegenstück zu Eskapismus

Leider, leider wird “Heavy Light” immer noch nicht der Durchbruch von U.S. Girls werden, egal wie viel Disco und Funk uns tänzeln lässt. Denn auf dieses Gegenstück zu Eskapismus muss man schon wirklich Lust haben. Es ist dann eben doch mehr heavy als light.


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