Bayern 2 - Zündfunk


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Flüchtlinge im Camp Moria Unterwegs auf Lesbos - einer Insel, die wir nicht vergessen dürfen

2015 war die griechische Insel Lesbos überall in den Medien. Heute ist die Aufmerksamkeit weg - und im Camp Moria stecken dort immer noch tausende geflüchtete Menschen fest. Zündfunk-Reporterin Alexandra Martini war vor Ort - und hat viele Fragen gestellt.

Von: Alexandra Martini

Stand: 28.02.2019

2015 war Lesbos überall in den Medien. Als 2015 hunderttausende Flüchtlinge mit Booten aus der Türkei nach Lesbos kamen, war das eine Ausnahmesituation. Aber eine vorübergehende. Die meisten von ihnen flohen vor dem Bürgerkrieg in Syrien, damals wollten viele weiter: aufs griechische Festland, in andere europäische Länder wie Deutschland.

Dann kam das EU-Türkei-Abkommen, am 18. März 2016. Seitdem herrscht ein dauerhafter, belastender Ausnahmezustand: Geflüchtete dürfen die Insel erst Richtung Festland verlassen, wenn ihr Asylverfahren durch ist.

"Man hat eine Grenze erfunden, wo keine ist: zwischen den griechischen Inseln und dem Festland."

Lorraine Leete

Lorraine Leete (rechts) mit ihrer Kollegin Ossian im Büro des „Legal Center Lesvos“

Die Menschenrechtsanwältin Lorraine Leete betreut mit dem "Legal Center Lesvos" kostenlos Flüchtlinge bei ihren Asylverfahren oder kämpft gegen Abschiebungen und Abschiebhaft ihrer Klienten. Sie findet es untragbar, dass die meisten von ihnen monatelang, manchmal jahrelang im überfüllten Hot Spot Camp Moria festsitzen. Manchmal, wenn es eindeutig zu voll wird, werden ein paar Tausend aufs Festland gebracht.

Jetzt im Februar sind es "nur" circa 5.000 Menschen in einem Camp für 2.000, doch zu Peak-Zeiten drängen sich 10.000 Menschen in Zelten und Containern in Moria. Es gibt zu wenig Duschen, schlechtes Essen und Probleme mit dem Abwasser. Und immer wieder entladen sich die Umstände in Gewalt unter den Geflüchteten.

"Obwohl die (griechische) Regierung durch Transfers die Zahl der Flüchtlinge auf 5000 reduziert hat: Hunderte Flüchtlinge leben weiterhin in mangelhaften Unterkünften und unbeheizten kleinen Zelten."

Boris Cheshirkov, UNHCR Associate Communications Officer

Das zentrale Lebensgefühl: Warten.

Amir hat seine Familie auf dem Weg in die Türkei verloren. In der Türkei hat er gearbeitet um sich die Überfahrt zu verdienen.

Alles ist hier ungewiss: wie lange das Asylverfahren dauert, wann man von Lesbos wegkommt, ob man einen Arzttermin bekommt. Im Bus, der von der Hauptstadt Mytilini zum Moria Camp fährt, treffe ich Amir, einen 15-jährigen Geflüchteten aus Afghanistan. "Ich stehe stundenlang in der Essenschlange", sagt er. "Ich esse und schlafe. Sonst mache ich eigentlich gar nichts. Wir können in unserem Container mit 20 anderen Menschen nicht gut schlafen, aber wir können auch nicht raus und in ein Zelt umziehen, weil das Wetter so schlecht ist."

Medizinische Grundversorgung fehlt

In so einem Container leben rund 10 Menschen zusammen.

Die Infrastruktur und Versorgung in Moria ist mehr als mangelhaft. Krankheiten wie Windpocken und Krätze gehen um, viele holen sich im Winter ernsthafte Erkältungskrankheiten. Ganz zu schweigen von vielen psychischen Härtefällen: Opfer von sexueller Gewalt oder Folter. Alles wird notdürftig von Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen getragen. Sie behandeln psychisch kranke Menschen, Kinder und Schwangere. Ein großes Problem: Dass die meisten Kinder und Frauen ungeschützt im Camp leben.

"Für Frauen die alleine mit Kindern reisen, ist es allein schwierig, Essen zu besorgen: Dann steht die Mutter zwei, drei Stunden in der Warteschlange und die Kinder sind allein im Zeit. Das sind Unsicherheitsfaktoren, die dazu führen können das sexuelle Übergriffe passieren, auch Kindern gegenüber."

Cordula Häffner, Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen auf Lesbos

Lesbos verschwindet langsam vom Radar der Öffentlichkeit. Vielleicht weil es einfach nichts "Neues" gibt. Aber weil genau das ein Skandal ist, dass sich die Lage nicht eindeutig verbessert, sollten wir die Menschen auf Lesbos nicht vergessen. Die ganze Reportage hierzu hört ihr oben im Podcast.


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