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"Unhinged" Wenn Männer ausrasten - zur Geschichte des Selbstjustiz-Films

Mit „Unhinged“ kommt diese Woche mal wieder ein Film aus der Reihe „Wenn Männer ausrasten“ ins Kino. Das wäre an sich unerheblich, denn der Film ist schlecht. Roderich Fabian nimmt den Film aber zum Anlass, um zu fragen: Woher kommt dieses Genre eigentlich?

Von: Roderich Fabian

Stand: 16.07.2020

Unhinged (Szenenbild) | Bild: Leonine

Das generell Interessante an Filmen über Amokläufer ist die Fallhöhe: Ein bis dahin eher unbescholtener Normalo fällt auf einmal aus der Rolle, rastet völlig aus und wird zum Schwerverbrecher. So ist das auch in „Unhinged - Außer Kontrolle“: Eine schwer genervte Mutter ist mit ihrem Teenager-Sohn mit dem Auto in L.A. in Richtung Schule unterwegs. An einer Ampel fährt ein vor ihr stehender Mega-SUV einfach nicht los, obwohl grün ist. Die Frau hupt aggressiv und fährt dann an ihm vorbei. Doch der SUV-Fahrer holt sie ein und das Unheil nimmt seinen Lauf.

„Ignorier‘ ihn!“ Diese Ansage wird der Frau - gespielt von Caren Pistorious - noch sehr leid tun. Denn von nun an beginnt der SUV-Fahrer - gespielt vom inzwischen schwergewichtigen Russell Crowe - nicht nur sie, sondern auch ihre Freunde und Familie brutal zu terrorisieren. Warum der Typ so ausrastet, ob er etwas Traumatisches erlebt hat oder einfach eine Sicherung bei ihm durchgebrannt ist, das erklärt der Film nicht. Er ist halt einfach ein amoklaufender Psycho. Insofern sind Gut und Böse in „Unhinged“ also klar verteilt. Der Rest des Films besteht dann aus Verfolgungsjagden und Gewaltexzessen - nicht sehr spannend und nicht sehr einfallsreich. Die Existenz eines Psychokillers braucht anscheinend keine soziologische Erklärung mehr. Das war in den 90ern noch anders.

„Falling Down“

Michael Douglas in „Falling Down“ von 1993. Der Film des kürzlich verstorbenen Regisseurs Joel Schumacher legt wahnsinnig viel Wert auf die Motivation des Täters, der zu Fuß durch Los Angeles unterwegs ist und seine Probleme mit der Schusswaffe regeln will. Auch diese Figur ist nicht wirklich sympathisch, aber ihr Ausrasten wird durch eine allgemeine Überforderung erklärt. Nicht der Typ an sich ist das Problem, sagt „Falling Down“, sondern eine Gesellschaft, die dem einzelnen zu viel abverlangt. Und Michael Douglas war als durchgeknallter Spießer mit Bürstenschnitt und Krawatte natürlich großes Entertainment mit unterschwellig heiterer Note. Also wurde „Falling Down“ damals als fällige Sozialkritik gefeiert.

„Ein Mann sieht rot“

Ganz anders erging es dem Film, der das Genre des Selbstjustiz-Thrillers in den 70ern begründet hat: „Ein Mann sieht rot“.  Als 1974 Charles Bronson erstmals als Bürger antrat, der das Gesetz in die eigenen Hände nimmt, um den Tod seiner Familie zu rächen, gab es in den Feuilletons einen Aufschrei. Denn der private Killer wurde in „Ein Mann sieht rot“ als ambivalente Figur gezeigt: Einerseits verstieß er zwar gegen Recht und Ordnung, andererseits erledigte er effektiv die Arbeit der New Yorker Polizei, die als unfähig dargestellt wurde, der Kriminalität Herr zu werden. Der Streit um die Selbstjustiz im Kino war dem Spiegel damals eine Titelgeschichte wert. An der Kasse war der Film supererfolgreich und zeitigte etliche Fortsetzungen, allein vier mit Hauptdarsteller Charles Bronson.

Heute wäre ein tendenziöser Film wie „Ein Mann sieht rot“ nicht mehr vorstellbar. Wenn heute ein selbstgerechter Amokläufer im Film auftaucht wie Russell Crowe in „Unhinged“, dann ist er eindeutig der Böse und muss bekämpft werden, ob er ein Motiv hat oder nicht. Und das ist doch Zeichen einer positiven Entwicklung: „Irgendwie sympathische“ Gewalttäter sind im Film von heute einfach nicht mehr darstellbar.


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