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Außenansicht Understanding Germany: Warum ist bei euch Bildung umsonst?

In den USA kostet ein Studium 100.000 Euro. Absolventen starten ihr ihr Berufsleben also zumeist tief verschuldet. Unsere Austausch-Reporterin Martha Dalton ist begeistert und verwundert darüber, dass Bildung hier kostenlos ist.

Von: Martha Dalton

Stand: 05.11.2019

TU München | Bild: picture-alliance/dpa

Ich komme aus Atlanta. Dort gibt es eine ziemlich bekannte Hochschule, das „Morehouse College“. Es zählt zu den historischen afroamerikanischen Colleges und zu den wenigen Hochschulen für Männer in den Staaten. Der berühmteste Absolvent ist Martin Luther King Jr. Während der Abschlussfeier im letzten Frühling machte Robert Smith, einer der Sprecher auf der Veranstaltung, eine große Ankündigung: „Liebe Absolventen, meine Familie wird euch Zuschüsse geben, um eure Studiengebühren zu tilgen.“

Smith ist Morehouse-Absolvent. Und er ist Milliardär. Am Tag seines Abschlusses hat er versprochen, die Schulden seiner 400 Kommilitonen zu begleichen. Einer von ihnen ist Brandon Manor: „Die Freude war riesengroß. Es flossen Tränen, wir haben uns umarmt. Es war fast wie etwas, von dem du träumst oder das du im Fernsehen siehst, nur, dass ich eben dabei war.“

USA: 100.000 Euro Studiengebühren

Morehouse-Absolvent Brandon Manor

Brandon hätte mehr als 100.000 Euro Studiengebühren zu tilgen gehabt. Es mag deutschen Studenten schwerfallen, sich vorzustellen, wie das ist: Sich so viel Geld für die Uni zu leihen. Brandon dagegen ist einer von Millionen Studenten in den USA, der sein Studium mit einem solchen Schuldenberg abschließt. Ein Grund, warum manche Kandidaten im Rennen um die US-Präsidentschaft versprechen, Studiengebühren abzuschaffen. In ihrer Begründung beziehen sie sich auf Hochschulsysteme wie das in Deutschland.

Also, wie funktioniert dieses System hier? Um das herauszufinden habe ich mit Gerhard Müller gesprochen, dem Vize-Präsidenten der TU München. Müller erklärt: „Wir haben einen hohen Anteil an Steuergeldern. Insgesamt hat unsere Universität ein Budget von ungefähr 1,4 Milliarden Euro, wovon 630 Millionen Euro Steuergelder sind. Der Rest kommt aus anderen Geldquellen.“ Ein Teil des Geldes kommt von privaten Spendern. Die Universität bewirbt sich aber auch um Gelder aus der deutschen Forschungsgemeinschaft.

Deutschland investiert in die Jugend

Öffentliche Hochschulen in den USA erhalten zwar auch Steuergelder und private Spenden, aber die Steuern hier in Deutschland sind höher. Gerhard Müller sagt, es herrsche unter den Deutschen der Konsens, dass Bildung wertvoll sei: „Wir sind uns bewusst, dass es wichtig ist, in die Jugend zu investieren. Wir wollen sie darauf vorbereiten und sie für ihren zukünftigen Beruf mit Kompetenzen ausstatten. Das bedeutet nämlich, dass auch wir, die Älteren, im Endeffekt aber alle in der Gesellschaft, davon profitieren werden. Und deshalb ist das für uns als Steuerzahler das beste Investment, das wir tätigen können.“

Das ist nicht nur unter deutschen Bürgern Konsens. Michael Mackled studiert an der TU München im Master. Er ist amerikanischer Staatsbürger. Und zahlt immer noch seine Schulden aus dem College ab. Das, sagt er mir, setzte ihm ziemlich zu. In Deutschland sei die Situation für Studenten dagegen fast paradiesisch: „Die Studiengebühren sind pro Semester um die 140 Euro. Für mich total ungewohnt. Nachdem ich die abgedrückt hatte, dachte ich mir, ok – von dem Rest muss ich jetzt nur noch mein Apartment zahlen und das, was ich zum Leben brauche.“ Zuhause in den USA, sagt er, wäre das seine geringste Sorge: „In den USA wäre das nichts, ein Fliegenschiss – nachdem man bereits Zehntausende Dollar für das College ausgegeben hat.“ Überhaupt: Seine deutschen Freunde denken über Bildung ganz anders. „In Deutschland ist Bildung umsonst. Für die Deutschen ist Bildung die Grundlage für Chancengleichheit, für eine gerechtere Gesellschaft.“ 

In den USA haben kostenfreie Unis wenig Chance

Protest gegen Studiengebühren

Auch in den USA liebäugeln immer mehr Politiker mit der Idee kostenloser Universitäten. Und bekommen heftigen Gegenwind. Die Kritiker unterstellen ihnen, sie wollen immer mehr Steuern erheben und die USA in einen sozialistischen Staat verwandeln. In Deutschland haben ein paar Bundesländer im Jahr 2005 versucht, Studiengebühren einzuführen. Nicht viel, nur 500 Euro pro Semester. Kein Vergleich mit den USA. Nach massiven Protesten sind diese Studiengebühren schnell wieder verschwunden.

Philipp Lergetporer arbeitet am IFO–Institut zu den Themen Wirtschaft und Bildung. Er meint: Es gibt noch mehr Gründe, warum Studiengebühren hier nahezu keine Chance haben: „Wir haben hier eine lange Geschichte, eine lange Tradition, dass Bildung hier frei ist. Die Leute sind es gewohnt, dass sie für die Universität nicht zahlen müssen. Das macht es für Politiker so schwer, Studiengebühren einzuführen.“ Das könnte für US-Politiker eine wichtige Information sein. Sind Studiengebühren erstmal abgeschafft, ist es schwer, sie wieder einzuführen.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Journalistenaustauschprogramms „Nahaufnahme“ des Goethe-Instituts und des Deutschlandjahrs USA unter dem Motto „Wunderbar Together“. Die US-amerikanische Journalistin Martha Dalton von WABE (NPR) hat uns einen Monat in der Zündfunk-Redaktion besucht, während unser Kollege Malcolm Ohanwe einen Monat in Atlanta von WABE (NPR) verbringen wird. Weitere Informationen zur Nahaufnahme finden Sie unter www.goethe.de/nahaufnahme und unter #GoetheCloseUp sowie #WunderbarTogether.“


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