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Buch: "Under My Thumb" Künstlerinnen und Musikjournalistinnen über das Verhältnis zum Pop und seinen männlichen Protagonisten

Heißes Sexsymbol, dummes Spielzeug: Kann man als Frau Popmusik lieben, die Frauen herabwürdigt? Ja, sagen Musikjournalistin Manon Steiner und viele ihrer Kolleginnen in dem Sammelband "Under My Thumb": Denn Kunst ist Kunst - und niemals eindimensional.

Von: Klaus Walter

Stand: 24.08.2018

„Respect“ hat Aretha Franklin gefordert und besungen. Manche ihrer Kollegen im Musikbusiness taten und tun sich bis heute schwer mit dem Respekt gegenüber Frauen. Wenn Rolling Stones, Elvis Costello oder Tupac über Frauen singen, dann kommen gerne ganz betrüblich gestrige Rollenbilder an die Oberfläche: Wer genau hinhört, der muss sich plötzlich mit Verachtung, Rachefantasien und sogar Hass gegen Frauen auseinandersetzen. Und trotzdem gibt es viele Frauen, die genau diese Songs mögen. Antwort auf die Frage "Warum?" geben zahlreiche Autorinnen, die über ihr Verhältnis zum Pop und seinen männlichen Protagonisten nachgedacht haben.

Die Songs der Sendung

Das hier sind 10 Songs, teils von Legenden, die nicht in Verdacht stehen, ausnahmslos Frauenhasser zu sein. In ihren Songs meinen sie es nicht immer gut mit Frauen, aber trotzdem üben diese Tracks eine Faszination aus – gerade auch auf das weibliche Geschlecht. 10 Erklärungsversuche.

1. Michael Jackson – „Billie Jean“

Nein, sie ist nicht meine Geliebte, nein, der Junge ist nicht mein Sohn. Einer der größten Hits des Universums ist kein Liebeslied, zumindest behauptet das sein Autor. Aber je häufiger er die Zeile wiederholt – „Billie Jean is not my lover“ - desto weniger ist ihm zu glauben. Die Verneinung wird zum Double Bind, klar ist Billie Jean seine Geliebte, klar ist er der Vater des Jungen. Aber: Das schäbige Sich-aus-der-Verantwortung-stehlen auf der Textebene kann der Strahlkraft des Songs nichts anhaben. „Billie Jean“ überstrahlt seinen Schöpfer und wirft komische Spotlights auf die Dramen und Tragödien des Privatlebens von Michael Jackson, das ja nie ein privates war. Vom despotischen Vater über Michaels eigene Vaterschaft unter dubiosen Umständen bis zu den Missbrauchsvorwürfen. Will ich das wirklich so genau wissen? Nein, ich will „Billie Jean“ lieben... Lover hin, Lover her.

2. Bill Withers – „Use Me“

War Bill Withers zu seinen besten Zeiten in den frühen Siebzigern der Willy Brandt des Post-68er-Pop? Die fleischgewordene Entspannungspolitik zwischen Schwarz und Weiß in den USA? Der historische Kompromiss zwischen konfrontativem Soul und Funk hier und introvertiertem Songwriter-Folk dort? Nur ihm, dem Autor von „Lean On Me“, „Ain‘t No Sunshine“ oder „Grandma‘s Hands“ konnte das Kunststück gelingen, einen Song über eine Sado-Maso-Beziehung chartsfähig zu machen: „Keep on using me until you use me up.“ Aus dem Mund des milden Bill klang das nach Abrüstung im Gender War, auch ein bisschen nach geselligem Rollenspiel. Erst Domina Grace Jones gab dem Spiel seinen sexuellen Ernst, als sie „Use Me“ 1981 coverte und klarmachte, wer hier die Chefin ist.

3. Charles Aznavour – „Du lässt dich geh‘n“

Double Bind galore. Es sind die frühen 60er und sie lässt sich gehen. Läuft im Morgenrock rum, mit Lockenwicklern und geht ihm gegen die Natur mit ihrer schlampigen Figur. Kann eine Figur schlampig sein? Eigentlich nicht, aber wenn der armenisch-französische Charmeur das mit seinem charming Akzent singt, dann verrät er sein Begehren hinter der misogynen Fassade, hinter der Enttäuschung, dass sie ihren Körper nicht mehr allzeit tipptopp bereithält für ihn. Hört die Frau, die hier adressiert wird, diesen Song, kann sie die Hate Poetry umdeuten als Liebeserklärung eines Mannes, der nicht klarkommt mit Women‘s Liberation und Lockerung der Kleiderordnung.

4. Lassie Singers – „Du lässt dich geh'n“

Eine Antwortversion auf Aznavour nehmen die Lassie Singers 1994 auf. Dazu sagt Christiane Rösinger im Interview mit der Taz: „Ein bisschen hämisch sind ja auch viele Stücke von uns. Auch ‚Du lässt dich gehen‘, letztlich ist es ja auch 'ne blöde Kuh, die so was sagt. Es macht halt Spaß, im Text mal zurückzuschlagen – auch wenn es irgendwie eine billige Einstellung ist, die Verhältnisse einfach umzudrehen.“

5. 2 Live Crew – „Me So Horny”

Julie Miess, Sängerin, Bassistin und Texterin bei der Berliner Band Half Girl, deren Song „Lemmy, I‘m A Feminist“ in unserem Generator prominent vorkommt: „Mit der Ausgangskonstellation ‚Songs that hate women and the women who love them‘ kann ich sehr wohl etwas anfangen. Da fällt mir das Gesamtwerk der 2 Live Crew ein. Musikalisch fand ich diesen Miami Bass super. Das wünsche ich mir nur noch mal mit anderen Texten.“

6. Bob Marley – „Waiting In Vain“

Dancehall Reggae wird immer wieder für seine sexistischen und homophoben Texte kritisiert. Diese Kritik bekommt mitunter eine kulturpessimistisch-nostalgische Note, wenn die glorreiche Vergangenheit gegen die schlechte Gegenwart ausgespielt wird. Carolyn Cooper ist nicht zu haben für die Verklärung des Golden Age Of Reggae. Die jamaikanische Feministin stimmt nicht ein in das Lamento über den sexistischen Charakter der Slackness-Texte. Im Gegenteil, die Frauen in der Dancehall sieht sie als „freie und aktive Agentinnen ihrer Sexualität“. Wer mal gesehen hat, wie sich Frauen in der Dancehall bewegen, wie sie dort buchstäblich den Ton angeben, der mag kaum widersprechen. Für Cooper war die Ära Marley keineswegs der Gipfel der Reggaekultur. Sie weist nach, dass Marley in geschlechterpolitischen Fragen von der Rasta-Ideologie geprägt war, die dem Mann die sexuelle Vormachtstellung einräumt. Leider vermiesen einem diese reaktionären sexual politics ausgerechnet die sweetesten Tunes von Marleys Wailers, namentlich „Waiting In Vain“.

7. Bob Dylan – “Like A Rolling Stone”

Glaubt man der Dylanologie, dann richtet sich der Song an Edie Sedgwick, in den 60ern einer der Superstars von Andy Warhols Factory und Tochter aus bestem Hause. Ohne ihren Namen zu nennen porträtiert Dylan die verwöhnte Erbin in „Like A Rolling Stone“, nicht ohne eine gewisse Schadenfreude. Das Leben der Edie Sedgwick endet 1971 nach einer steilen Drogenkarriere mit nur 28 Jahren. Um ihre Beziehung zu Dylan ranken sich viele Gerüchte, auch von einem gemeinsamen Baby ist die Rede, das Sedgwick abgetrieben haben soll. Jedenfalls steckt eine gewisse Häme in Dylans Vortrag, eine Haltung, die auch Christiane Rösinger aufgefallen ist – und sie inspiriert hat zu einem Song für ihre damalige Band Britta:

8. Britta – „Ich würde Flyer drucken lassen“

Christiane Rösinger: „Aus verletztem Stolz und enttäuschter Liebe einen Gewinn raus- und dann über die Person herzuziehen, das habe ich bei ‚Flyer‘ schon ein bisschen von ihm übernommen. Das ist eigentlich ein direktes Dylan-Zitat: ‚Das Schlimmste und das Dümmste, das hast du nie gewusst, das trug ich in der Brust.‘ Also, man sagt zu dem geliebten Menschen, der einen enttäuscht hat: ‚Ja, sag‘ allen wie schlimm ich bin. Aber weißt du, das wirklich Schlimme, das hast du noch nicht mal erkannt.‘“

9. Bob Dylan – „Dirge“

Über die misogynen Seiten eines Bob Dylan wurde viel diskutiert, Frauen kommen nicht immer gut weg in seinen Songs. In „Dirge“ wandelt Dylan auf dem schmalen Grat zwischen Liebe und Hass, der in vielen Popsongs besungen wird. „Ich hasse mich dafür, dass ich dich liebe und dass ich darin so schwach bin“, beginnt er und endet: „Ich hasse mich dafür, dass ich dich liebe, aber ich werde darüber hinwegkommen.“ Da klingt der Wunsch nach Rache an, exekutiert wird die Rache in „Under My Thumb“, dem Song der Rolling Stones, der Rhian E.Jones und Eli Davies zu ihrem gleichnamigen Buch inspiriert hat:

10. Joan Jett – “I Hate Myself For Lovin' You”

Außer Konkurrenz, die Rockgöttin. Nochmal der schmale Grat zwischen Liebe und Hass. Und der Kontrast zwischen der Schwäche, die Joan Jett im Text eingesteht und dem Empowerment-Sound der Rock Goddess. Wenn Selbsthass so klingt, dann will ich auch hassen.

"Under My Thumb" oder warum Pop mit zweifelhaften Botschaften auch gut sein kann" - die Sendung gibt's auch als Podcast beim Klick oben auf das Bild.


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