Bayern 2 - Zündfunk

Künstlerin Alyona Tokovenko „Ukrainische Männer sitzen in einem Käfig“

Während ukrainische Männer seit der Generalmobilmachung ihr Land nicht mehr verlassen dürfen, konnte die Künstlerin Alyona Tokovenko fliehen. Sie ist nun Artist in Residence in München. Ein Gespräch.

Von: Alexandra Martini

Stand: 29.04.2022

Die ukrainische Künstleirn Alyona Tokovenko vor ihren ersten Skizzen in ihrem Residency-Studio in München | Bild: Alexandra Martini

Die Münchner Choreographin Anna Konjetzky hat ein Projekt für geflüchtete ukrainische Künstler*innen gestartet: „Playground Anna Konjetzky“. Die Gruppe vernetzt und berät mittlerweile fünf Künstlerinnen aus der Ukraine und unterstützt sie mit Ateliers und Wohnraum. Eine der aktuellen Artists in Residence ist Alyona Tokovenko, geboren in Odessa. Die 30-Jährige hat die vergangenen Jahre als bildende Künstlerin in Kiew gelebt und ist erst vor kurzem in München angekommen. Alexandra Martini hat sie in ihrem Atelier besucht und mit ihr über ihre Flucht, ihre Kunst und das Ausreiseverbot für ukrainische Männer gesprochen.

Zündfunk: Du bist vor dem Krieg gegen die Ukraine geflüchtet und jetzt in einem Residenzprogramm in München – was beschäftigt dich gerade?

Alyona Tokovenko: Es ist seltsam. Mein Land zu verlassen, hat sich angefühlt, wie ins Nichts zu gehen. Ich wusste nicht, wohin, ich war in verschiedenen Ländern, und habe dann von Anna Konjetzkys Residenzprojekt erfahren. Und sie hat mich dann eingeladen, nach München zu kommen, um hier zu arbeiten.

Du hast hier in deiner Residenzwohnung auch ein kleines Atelier zum Arbeiten. Ich sehe schon einige Bilder und viel rote Farbe – konntest du schon wieder malen?

Wenn du dich plötzlich mitten in einem Krieg befindest, dann kannst du nicht einfach weitermachen. Etwas zu malen oder zu zeichnen, das war für mich unmöglich. Jetzt, mit Distanz, fange ich wieder an. Die letzten vier Tage habe ich die Nächte durchgearbeitet.

"Ich habe eine Leiche auf der Straße gefunden. Das wirkte auf mich, als wäre meine Kunst plötzlich Realität geworden."

Alyona Tokovenko

In deinen Malereien, Skulpturen und Installationen beschäftigst du dich seit Jahren mit Traumata, dem Dunklen und Monströsen. Hat der Krieg deine Kunst verändert?

Meine Kunst stellt oft Körper und Körperteile dar, für viele wirken meine Gemälde „blutig“. Bis vor kurzem war das eine sehr persönliche, innere Arbeit, ich habe meine eigenen Gefühle und meine Geschichte damit verarbeitet. Es war dann ein sehr seltsamer Moment, als der Krieg begann. Ich habe zum Beispiel eine Leiche auf der Straße gefunden. Und ich habe Bilder von Kriegsopfern auf Social Media gesehen. Und das wirkte auf mich, als wäre meine Kunst plötzlich Realität geworden. Jetzt versuche ich, meine Arbeit neu zu denken und herauszufinden, wie meine Kunst in dieser neuen Phase aussieht.

Du bist nach Beginn der Invasion noch einige Wochen in Kiew geblieben, während viele deiner Freund*innen schon geflohen waren. Warum wolltest du bleiben?

Ich hatte das dringende Bedürfnis, zu erspüren, was da gerade genau passiert. Nicht durch Social Media oder durch Erzählungen davon zu erfahren, sondern das am eigenen Leib zu spüren. Ich musste dem Feind ins Gesicht blicken. Wie ein Kind, das nachts aufsteht und in die dunkle Ecke schaut, die ihm Angst macht. Dann erst kann es schlafen. Ich will mich mit dem konfrontieren, was mir Angst macht. So bekämpfe ich meine Angst.

"Die meisten meiner Freunde wissen nicht, wie man mit einem Gewehr umgeht, sie sind leichtes Kanonenfutter."

Alyona Tokovenko

Viele deiner Künstlerfreunde können die Ukraine nicht verlassen. Was denkst du über das Gesetz, das es Männern zwischen 18 und 60 Jahren verbietet, die Ukraine zu verlassen?

Ich verstehe die militärische Situation, aber diese Ungleichbehandlung der Geschlechter wirkt auf mich einfach dumm. Viele Frauen können auch kämpfen und tun das auch. Wir haben lange für die Gleichberechtigung der Frauen gekämpft – und jetzt müssen wir plötzlich für die Gleichbehandlung der Männer kämpfen. Sie sitzen in einem Käfig. Und die meisten meiner Freunde wissen nicht, wie man mit einem Gewehr umgeht, sie sind leichtes Kanonenfutter. Darüber habe ich auch eine Serie von Zeichnungen gemacht, weil das für mich ein sehr schmerzhafter Punkt ist und ich glaube, auch für viele andere ukrainische Frauen.

Aktuelle Informationen zum Not-Residenzprogramm für ukrainische Künstler*innen findet man auf der Facebook-Seite „Playground Anna Konjetzky“. Finanziert wird das Projekt aus eigenen Geldern der Ehrenamtlichen und über das Büro Grandezza aus Spendengeldern. Geplant ist, die Not-Residenz als ein dauerhaftes Projekt zu verstetigen und für alle geflüchteten Künstler*innen zu öffnen.