Bayern 2 - Zündfunk


16

Netflix-Serie Drei Gründe, warum Ihr “Trigger Warning with Killer Mike” unbedingt sehen solltet!

Mit seiner Band "Run The Jewels" war der Rapper Killer Mike schon auf Platz 1 der Hip-Hop-Charts. Jetzt hat der bürgerrechtsbewegte Rapper eine eigene Netflix-Serie, in der auf rassistische Altersheimbewohner trifft und einer Gang Marketing-Tipps gibt.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 05.02.2019

"Trigger Warning with Killer Mike" - Szenenbild | Bild: Netflix

Killer Mike klingt erstmal wie eine blutrünstige Figur aus einem Tarantino-Film. Dahinter steckt aber der empathischste Rapper unserer Zeit, Michael Santiago Render. Zusammen mit Rapper El-P ist er als Run The Jewels sehr erfolgreich unterwegs. Mit seiner Frau Shana führt er in seiner Heimatstadt Atlanta mehrere Barber-Shops. Killer Mike hat dafür Hip-Hop geholfen, relevant zu bleiben. Er ist ein Mann, auf den die schwarze Community hört.

Und was fehlt solch einem coolen Typen noch zu seinem Glück? Richtig. Eine Netflix-Serie. Eine, die nur dann was richtigmacht, wenn sie alle Lager zum Nachdenken bringt. Sie heißt “Trigger Warning”, und ist erstmal auf sechs spannende Experimente angelegt. Drei Dinge machen diese Serie wirklich sehenswert:

Erstens: Consciousness

In Folge eins will Killer Mike drei Tage lang sein Geld ausschließlich in der afroamerikanischen Community ausgeben - das Problem dabei: Er muss in dieser Zeit von seiner Homebase Atlanta aus ins 70 Meilen entfernte Athens kommen. Denn dort hat er mit Run The Jewels einen wichtigen Gig. Nur leider gibt es nahezu keine schwarzen Business Owner: Fahrradverleiher, Busgesellschaften, Restaurants - auch im Dirty South ist fast alles in weißer oder asiatischer Hand. Killer Mike unterfüttert seinen “Engaging Journalism” mit Statistiken. Während die asiatische Community ihr Geld über 20 Tage in der eigenen Community halten kann, sind es bei Afroamerikaner gerade mal sechs Stunden. Killer Mike macht harte Zeiten durch: Nicht mal sein geliebtes Weed kann er kaufen, da sein Stoff am Ende doch von weißen Züchtern kommt.

Achtung, Spoiler: Für Killer Mike wird es verdammt schwer, ausschließlich bei Afroamerikanern einzukaufen - eine Nacht muss der Rap-Star sogar auf einer Parkbank übernachten. Die Message ist klar: Afroamerikaner sind zwar im Jahr 2019 keine Sklaven mehr, aber die meisten arbeiten im Niedriglohnsektor, sind also bessere Diener. Schwarze Unternehmer gibt es dagegen viel zu selten. Aber “Trigger Warning” klagt nicht nur an, sondern liefert auch Auswege. Was uns zum nächsten Pluspunkt dieser Serie führt.

Zweitens: Empowerment

Killer Mike zeigt den berüchtigten Crips wie sie ihr Image zu Geld machen können

In der dritten Folge geht Killer Mike noch einen Schritt weiter: Er zeigt den Crips, einer berüchtigten Gang, wie sie ein eigenes Produkt auf den Markt bringen können: nämlich die Crip-a-Cola. Die Idee dahinter ist so absurd wie genial: Kriminelle weiße Banden wie die Hells Angels machen doch auch massig Kohle mit ihrer Marke: Es gibt Filme und Bücher über die Hells Angels. T-Shirts und anderen Merchandise kann man ganz easy und legal online bestellen. Schwarze Gangs will dagegen niemand feiern, die sind einfach nur BÖSE. Kann man da nicht auch ein bisschen am “Brand” der Bloods und der Crips feilen? Beim Produkttest lassen sich weiße Probetrinker noch vom Namen der Cola abschrecken, das schmeckt Killer Mike gar nicht.

Es geht hier also um Empowerment - und um einen Perspektivwechsel. Der Dreh mit den Gangs ist unfassbar einleuchtend: Selbst im eher Afroamerikanern unterstellten kriminellen Milieu funktioniert Diskriminierung ganz ausgezeichnet. Die Hells Angels profitieren von ihrem halbseidenen Fame viel besser als schwarze Gangs. Was uns zum dritten Punkt führt, der “Trigger Warning” so sehenswert macht.

Drittens: Empathy

Im Altersheim begegnet Killer Mike Vorurteilen auf seine Art und Weise

Was alle Folgen miteinander vereint: Killer Mike predigt nicht nur vom Schreibtisch aus, er zieht los, ist neugierig und gibt den Südstaaten-Gernstl. Er trifft von Folge zu Folge die verschiedensten Menschen, hält auch mal kontroverse Haltungen aus. In einer Folge versucht er sogar, eine Supergroup zu formen. Die Mitglieder: ein schwarzer Albino, eine russische Opernsängerin und ein Alt-Right-Anhänger. Intensiver ist das Aufeinandertreffen mit einer weißen Seniorin im Altenheim, die ihm offen ihren Rassismus ins Gesicht bläst. Killer Mike trifft auf die Welt der Gefühle, in denen Fakten nichts zählen.

Die Netflix-Serie “Trigger Warning with Killer Mike” hat aber auch Schwächen: Manchmal wirken die Experimente arg konstruiert, zum Beispiel, wenn in Pornos Bauanleitungen mit eingebaut werden, um zu beweisen, dass man beim Schauen von Pornos aufmerksamer ist und so mehr lernen kann. Amüsante Idee, aber der Erkenntnisgewinn ist dann doch überschaubar. Trotzdem ist „Trigger Warning“ mehr als wertvoll: Es ist ein Plädoyer zum Zuhören, für einen offenen Umgang miteinander - egal welche Hautfarbe, welches Geschlecht man hat oder welche Ideologie man verfolgt. Und wir Journalisten sind manchmal ganz neidisch: Denn Killer Mike findet für seine Botschaften oft viel bessere Formate, viel bessere Versuchsanordnungen als wir. Killer Mikes Slogan in der Show heißt “Kill Your Masters” - und damit spricht er hier nicht nur die schwarze Community an.


16