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Dark Tourism Gefährlich naiv: Travel-Vlogger wie Drew Binsky werben für Urlaub in Syrien

Seinen Urlaub dort verbringen, wo sonst niemand hinkommt - dieser Trend führt mittlerweile dazu, dass Travel-Vlogger Syrien für sich entdecken: “Stunning” und “amazing” sei das Bürgerkriegsland. Über die anhaltenden Verbrechen der Regierung verlieren sie kein Wort. Kritiker sprechen deshalb von gefährlicher Propaganda.

Von: Sammy Khamis und Anna Klühspies

Stand: 03.12.2019

Youtube-Video "2 WEEKS IN SYRIA (not what you'd expect!)" - Screenshot | Bild: Drew Binsky / Youtube

Syrien - das kenne man ja aus den Nachrichten. Aber tatsächlich sei das Land einfach “stunning”! Auch wenn es Visa-Beschränkungen und Reisewarnungen von jeder westlichen Regierung gibt: Syrien sei “unbelievable”, so heißt es in Youtube-Videos des 28-jährigen amerikanischen Travel-Vloggers Drew Binsky. Binsky weiß das so genau, weil er im Herbst 2019 insgesamt 14 Tage in Syrien verbracht hat, wie er sagt. Und um zu unterstreichen wie problemlos und friedlich das Land gut acht Jahre nach Ausbruch des Bürgerkriegs wirklich sei, veröffentlicht Binsky seit Ende November jeden Tag ein Video.

Drew Binskys Videos aus Syrien sind klassische Travel-Vlogs. Es geht in den bisher veröffentlichten Videos um syrisches Essen, um Sehenswürdigkeiten in Damaskus, um Süßigkeiten – “Oh my god!” – aber auch um die Mittelmeerstrände und immer wieder um Menschen, die als “nicest people” auftauchen, darunter auch Soldaten und Milizienchefs.

Die Videos werden hunderttausendfach abgerufen. Und ja: Der Vlogger besucht auch Städte wie Homs, Hama oder Aleppo. Städte, die in den letzten Jahren Synonym standen für Zerstörung und menschliches Leid. Binsky nennt das alles “sad” und fühlt sich auch kurz schlecht, weil er Filmaufnahmen macht.

„Syria is AMAZING“…

Vlogger Drew Binsky ist "sad" über die Zerstörung und das Leid in Syrien (Screenshot)

Drew Binsky ist nicht der einzige Travel-Vlogger, der seit Ende 2018 in Syrien war. Wir haben mehrere Menschen gefunden, die das Land besucht haben und ihre Videos dazu auf Youtube und Instagram stellen. Auffällig dabei ist: Sie besuchen fast alle die gleichen Orte - darunter die Hauptstadt Damaskus, die Küstenstädte Latakia und Tartus, die Städte Homs und Hama, sowie eine Kreuzfahrer-Burg aus dem 11. Jahrhundert in der Region Homs. Zum Teil haben sie die gleichen Fremdenführer. Alle besuchten Regionen sind unter Kontrolle der Regierung, wie mittlerweile weite Teile des Landes. Tatsächlich sind die Auswirkungen des Krieges in der Altstadt von Damaskus, sowie in den Küstenorten am Mittelmeer (Region Latakia) überschaubar - es sind Hochburgen der Regierung. Das syrische Militär hat diese Orte von Anfang an mit aller Vehemenz verteidigt. Homs, Hama und Aleppo wiederum sind zum Teil komplett zerstört. In den jeweiligen Videos wird das auch angesprochen - aber Schuldige werden nicht genannt. 

Tote oder Kriegsverbrecher? Kein Thema auf YouTube

Binskys Video heißt "2 weeks in Syria (not what you'd expect!)"

Drew Binsky spricht in seinen Videos im Passiv über die Bombardierung: „The city was bombed“. Er erwähnt nicht, dass nur die syrische Armee mit Unterstützung der russischen Luftwaffe Angriffe fliegen kann. Keiner der Vlogger nennt die Zahl der Toten, die der Bürgerkrieg gefordert hat. Laut UN beläuft sich die Zahl der Opfer auf rund 400.000. Alleine 200.000 Zivilisten habe die syrische Regierung getötet, so die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in London. In den Travel-Vlogs findet sich davon kein Wort. Drew Binsky, der sich in einem Auto durch die Häuserruinen von Homs fahren lässt und dabei den Selfie-Stick aus dem Fenster hält, oder der durch die zerbombten Straßen von Aleppo läuft und alles so traurig findet, nennt zumindest eine Zahl: 250 Milliarden Dollar, so teuer soll der Wiederaufbau des Landes sein. Kein Wort über Kriegsopfer, kein Wort über Luftangriffe.

400.000 Menschen auf der Flucht

Und das ist auch mit das Verstörendste an diesen Videos: Viele sind aufgenommen, während bewaffnete Rebellen weiterhin schießen, während Menschen weiterhin in Flüchtlingsunterkünften überwintern müssen, während die Regierung weiterhin Luftangriffe fliegt. Alleine in der Region Idlib waren im Herbst 2019 rund 400.000 Menschen auf der Flucht, davon sind 150.000 Kinder. Idlib ist die letzte von Rebellen gehaltene Region in Syrien.

Es ist vor allem ein moralisches Problem, dass man in einem Land Urlaub macht, in dem weiterhin gemordet wird. Aber die Reisenden senden mit ihren Videos auch ein Zeichen: Syrien ist sicher, die Lage in Syrien hat sich normalisiert, alles ist auf einem guten Weg. Und diese Zeichen finden zahlreiche Syrerinnen und Syrer in der Diaspora höchst verstörend, so zum Beispiel Noor Nahas.

Propaganda für das Regime?

Nahas analysiert seit Jahren Videos für das investigative Recherche-Netzwerk Bellingcat. In der Regel handelt es sich dabei um Videos von Kampfhandlungen in Syrien, von bestimmten Waffenarten oder den Gebrauch von chemischen Kampfstoffen. Aber die Videos der Vlogger lassen Noor Nahas nicht los. Er nennt sie “Propaganda für das Regime”, die das Land als “normal und sicher” vermarkten, obwohl das für Teile Syriens nicht gilt - und es verzerre die Realität vor Ort, die weiterhin von Gewalt, Unterdrückung und Korruption gezeichnet sei. Völlig unerwähnt ließen die Vlogger auch die weiterhin überfüllten Foltergefängnisse, oder die Tatsache, dass Syrien weiterhin ein “gewalttätiger Polizeistaat” sei.

Auch die AfD reiste nach Syrien

Die Syrien-Reise von AfD-Abgeordneten im März 2018 löste parteiübergreifend scharfe Kritik aus. Im November 2019 folgte eine weitere Reise.

Noor Nahas bezeichnet das, was durch die Reisen westlicher Travel-Vlogger geschieht ein “White Washing” für das Regime, also eine Art Persil-Schein für Machthaber Baschar al-Assad, dem Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen werden. Genau von dieser Regierung ließ sich Ende November eine Delegation von AfD-Bundestagabgeordneten das Land zeigen. Begleitet wurde die Delegation von einem Team des staatsnahen, russischen Senders Ruptly. Man habe sich ein Bild von einem weitgehend friedlichen Syrien gemacht, so die Abgeordneten. Entsprechend sei man davon überzeugt, dass “Syrien die Rückkehr der syrischen Flüchtlinge ermöglichen kann”, erklärte der AfD-Abgeordnete Steffen Kotré.

Anne Allmeling ist anderer Meinung. Die ARD-Korrespondentin aus Kairo war im Januar 2019 in Syrien und sagt, dass das Land alles andere als sicher sei, vor allem für Syrer, die wieder in das Land zurückkehrten. „Es gibt Berichte von Rückkehrern, die nach ihrer Heimreise verschwunden sind“, sagt Allmeling. Laut Umfrage der syrischen Hilfsorganisation Syrian Association for Citizen’s Dignity unter 165 Syrien-Rückkehrer*innen gaben 63 Prozent an, dass sie am liebsten wieder fliehen würden. Das Land mag für westliche Abgeordnete oder Vlogger sicher sein - für fast alle anderen Menschen ist es das aber nicht.

Keine Antwort von Drew Binsky

Vlogger Drew Binsky in Homs (Screenshot)

Wir haben Drew Binsky und weitere Vlogger angeschrieben. Sie haben nicht auf unsere Anfragen reagiert. Binsky erhielt eine lange Email mit unseren Fragen – beispielsweise ob er vom syrischen Regime bezahlt wird oder im Auftrag der Regierung arbeitet. Wir wollten auch über die ihm vorgeworfene “Normalisierung eines Polizeistaates” sprechen. Er hat bis dato nicht geantwortet. Für das kommende Jahr haben russische und chinesische Reiseanbieter angekündigt, Reisen nach Syrien anzubieten. Russland ist aktiver Kriegspartner, sowohl China als auch Russland haben in der Vergangenheit Sanktionen gegen Syrien mit einem Veto verhindert.


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