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"What Kinda Music" Wie Tom Misch und Yussef Dayes es eindrucksvoll schaffen, Jazz und Pop miteinander zu verbinden

Auf der neuen Platte “What Kinda Music” der Londoner Ausnahmekünstler Tom Misch und Yussef Dayes bricht ein Sturm los, in dem ganz viel Unterschiedliches herumflirrt: Anmutiger Pop, Acid-Jazz und viele wilde und halbfertige Ideen. Zusammen ergeben sie ein unheimlich geschmeidiges Gemisch.

Von: Alba Wilczek

Stand: 27.04.2020

Tom Misch und Yussef Dayes | Bild: Joshua Osborne

Schon vor Monaten habe ich mir das Juni-Wochenende rot im Kalender angestrichen. Es wäre eines meiner Highlights gewesen in diesem Jahr: Das Melt Festival 2020. Heftige Vorfreude. Auf Aperol Spritz an der Strandbühne, lauschige Sonnenuntergänge und auf Tom Misch, den Multi-Instrumentalisten aus London, der genauso alt ist wie ich. Er sollte auftreten mit Yussef Dayes, einem jungen Jazz-Drummer, von dem ich zu diesem Zeitpunkt noch nie gehört hatte. Anscheinend sorgt er aber gerade in der Londoner Jazz-Szene für ziemliches Aufsehen. Damals hatten die beiden auch ihr gemeinsames Album angekündigt. Eine Kollabo-Platte mit dem Namen “What Kinda Music”. Ich War. Total. Hyped.

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Tom Misch & Yussef Dayes - What Kinda Music (Official Video) | Bild: Tom Misch (via YouTube)

Tom Misch & Yussef Dayes - What Kinda Music (Official Video)

Ja, und dann: Corona. Melt Festival: cancelled. Meine Träume von Aperol Spritz am Strand - ebenfalls cancelled. “What Kinda Music” aber ist letzte Woche trotzdem erschienen. Gott sei Dank. Und wenn man die Augen zumacht, lässt einen die Platte genau die Stimmung fühlen, die man auf Festivals oft hat. Dieses: „Geil. Ich bin gerade in der Präsenz richtig krasser Musiker“.

Eine hoch-virtuose Jam-Session

Yussef Dayes, der drei Jahre älter als Tom Misch ist, ist der Mann für spontane, verrückte Ideen, jemand der nur so strotzt vor explosiver Virtuosität. Er ist der perfekte Widerpart für jemand wie Misch, der auch virtuos, aber viel strukturierter und popsau-hafter an die Musik rangeht. Die Fusion der beiden ergibt einen musikalischen Dialog über die Dauer von 12 außergewöhnlichen Tracks. Yussef Dayes grenzgängerische Ideen und Tom Misch, der diesen wilden Fluss in ein Bachbett lenkt. Ohne das Experimentelle aber gänzlich versickern zu lassen. Heraus kommen dabei loopartige Meditationen an den Drums, aufregende Funkriffs und immer wieder auch indie-poppige Anschläge. Alles umrahmt von Tom Mischs butterweicher Stimme.

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Tom Misch & Yussef Dayes - Nightrider (feat. Freddie Gibbs) | Bild: Tom Misch (via YouTube)

Tom Misch & Yussef Dayes - Nightrider (feat. Freddie Gibbs)

In einem Interview erzählt Misch, er habe als Siebenjähriger in einer lokalen Schul-Talent-Show einen Jungen Schlagzeug spielen sehen. Er fand die Performance so gut, dass sie ihm lange im Gedächtnis blieb. Und fünfzehn Jahre später erkannte er, dass Yussef Dayes dieser Junge war. Tja. Gesucht - gefunden. Und die beiden sind zusammen ins Studio gegangen. Nicht, um ein Album zu machen, nein - sondern einfach um zu spielen, zu experimentieren. Ja. Und genau so klingt "What Kinda Music" auch. Als würde man einer hoch-virtuosen Jam-Session beiwohnen. Eine Jam-Session, bei der man sich immer wieder fragt „What Kinda Music is this?“.

Anmutiger Pop, Acid-Jazz und viele wilde Ideen

Die Platte erscheint auf dem legendären Jazz-Label Blue Note Records, Heimat für Legenden wie Miles Davis, John Coltrane oder Thelonius Monk. Tom Misch und Yussef Dayes sind sich dieser Tradition bewusst - und loten die Grenzen aus. Für einen Song haben sie sich Gangster-Rapper Freddie Gibbs ins Studio geholt, der in den letzten Jahren vor allem durch seine Kollabos mit Beat-Legende Madlib auf sich aufmerksam gemacht hat. Sonst bleiben Misch und Dayes aber im Jazz-Milieu und featuren auf der Platte unter anderem zwei eher unbekannte, britische Jazz-Musiker: Saxophonist Kadi Akinnibi und Bassist Rocco Palladino. Roccos illustre Bass-Skillz sind auf der Platte im sehr funkigen Instrumentalstück Lift Off zu hören.

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Tom Misch & Yussef Dayes - Lift Off (feat. Rocco Palladino) - [Live] | Bild: Tom Misch (via YouTube)

Tom Misch & Yussef Dayes - Lift Off (feat. Rocco Palladino) - [Live]

Der letzte Song auf der Platte heißt “Storm before the Calm”. Ein passender Abschluss. Denn “What Kinda Music” macht genau das. Es wirbelt einen Sturm auf. Einen Tornado, in dem ganz viel Unterschiedliches drinsteckt. Anmutiger Pop, Acid-Jazz und viele wilde und halbfertige Ideen, die zusammen etwas unheimlich Geschmeidiges ergeben. Okay, Realtalk. Manchmal kommt beim Hören schon der Wunsch auf, so einen kleinen Moment zum Durchatmen zu haben. Eine Pause, um inne zu halten. Mein Tipp dabei: sich darauf einlassen und wild entschlossen ins Auge des Sturmes blicken. Denn so sieht man schnell, worum es bei  “What Kinda Music” wirklich geht. Um Spaß an der Musik. Darum, eine Brücke zwischen Jazz und Pop zu schlagen. Und das ist Yussef Dayes und Tom Misch wirklich eindrucksvoll gelungen. What Kinda Music? Ist doch egal. Is geil. Note 1 mit Stern.


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