Bayern 2 - Zündfunk


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Comeback-Album "Todesverachtung To Go" Kinderzimmer Productions stellen sich den Armeen der Finsternis

Kinderzimmer Productions sind sie wieder da - mit dem neuen Album "Todesverachtung To Go". Im Zündfunk-Interview zeigt MC Textor, dass man auch intelligent auf die Kacke hauen kann.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 14.01.2020

Die Ulmer HipHop Giganten Quasi Modo und Textor von Kinderzimmer Productions | Bild: buback.de

Wir haben mit MC Textor von Kinderzimmer Productions über verschiedene Themen rund um das neue Album gesprochen. Welcome back, KiZis!

MC Textor über das neue Album "Todesverachtung To Go"

„Was mich total entspannt hat, ist, dass es egal und überhaupt nicht egal ist. Wir wollten das bestmögliche Album machen, das wir können. Und wir hatten uns auch zum Ziel gesetzt, dass wir uns entwickeln wollen. Es soll nicht so sein, dass man jetzt das Album sofort mit einem tauschen kann, das 1999 rausgekommen ist und den Unterschied nicht merkt. Das hätte mir leidgetan. Ich glaube schon, dass wir Leute kalt erwischen können aus relativ allen Altersgruppen. Klar, das klingt jetzt ein bisschen wie der Katalog zu einem Brettspiel. Aber vielleicht fällt mir nochmal was Griffigeres ein für dieses Ding. Insofern der Sampling Sound sich jetzt nicht schon zu einem Klischee verdichtet hat, das verhindert, dass sich die Leute überhaupt mit sowas auseinandersetzen, stehen die Chancen ganz gut. Jetzt mal in ganz harter Hip-Hop Manier: Ich kenne kein Album da draußen, dass dem auch nur entfernt ähnelt. Einfach die ganze Zusammensetzung. Ich glaube schon, dass man sich, wenn es kurz irgendwo läuft, fragt: Was ist das? Um es dann vielleicht zu hassen oder auch zu lieben.“

Was Kinderzimmer Productions mit Todesverachtung meinen

Erscheint am 17. Januar: "Todesverachtung To Go" von Kinderzimmer Productions.

„Für mich war es der Versuch, das englische Wort Bravado zu übersetzen. Also, ich benutze für mich immer folgendes Beispiel. Man ist im Verhältnis 10:1 in der Unterzahl, hat ein rostiges Taschenmesser und steht den Armeen der Finsternis gegenüber. Und anstatt sich jetzt ins Hemd zu machen, stellt man sich hin, drückt die Brust durch und sagt: Kommt, ihr Schwachmaten. Das ist für mich Todesverachtung. Also, sich ohne Fallschirm aus dem Flugzeug zu stürzen und zu denken: Irgendwas wird mich schon auffangen. Das nächste Level von grober Fahrlässigkeit und das auch noch begleitet vom dementsprechenden Spruch dazu.“

Das Texten auf "Todesverachtung To Go"

„Ich beobachte Sachen und manchmal kommt dann ein Spruch, der sich mit den beobachteten Sachen auf eine Art und Weise verbindet, die ich mir nicht hätte ausdenken können. Und dann will ich mit dem Satz weitermachen. Und wenn ich mit dem Satz weitermache, ergibt sich meistens etwas, was ich so gar nicht geplant habe. Also es geht dann oft von Songtiteln aus oder von Samples. Oder einfach, dass einem irgendein bestimmtes Ding im Kopf geblieben ist. Dann kann es echt auch sein, dass man am Ende davorsteht und nicht genau weiß, warum man jetzt das Eine oder das Andere da hingeschrieben hat. Aber das geht mir mit vielen Hip-Hop-Sachen so. Also auch so Zeilen, wo es dann heißt: Rigidi Rock the Coco Banana, Bandana. Spit! Was soll einem das sagen? Ich find sowas super. Es ist total verspielt. Und es zeigt am Ende mit dem auf den Boden Spucken auch Haltung. Man kommt von Einem ins Nächste. Einfach großer Spaß. Und was dann so eine grundsätzliche Haltung angeht, ist so ja... Bravado eben.“

Der Zusammenhang von Bravado und Shittalk

„Ice T hat in demselben Satz, wo Bravado herkommt, gemeint, dass Leute, die außerhalb der Kultur stehen, nicht verstehen, dass Hip-Hop eigentlich zu 99 Prozent straight up Black Bravado ist. Und daraufhin wollte ich den Begriff überhaupt erst übersetzen. Weil ich mir dachte: Was ist Bravado? Klingt geil, aber was ist es? Und dieses Shit-Talken. Das ist natürlich auf der faktischen Ebene falsch. Also ich hatte natürlich keinen Sex mit deiner Mutter. Das nicht. Aber die Art, wie ich mich zu der ganzen Sache stelle, hat natürlich einen Kern. Es geht nicht um die Fakten-Wahrheit, sondern um Wahrhaftigkeit. Das ist ein extrem abstraktes Konzept.“

MC Textor über Fake News zu seiner Mutter

„Aus diesem Shit-Talk-Ding hatten wir irgendwann mal in den späten 90ern ne Pressemitteilung rausgegeben, wo der Autor gemeint hat, dass meine Mutter eine schwedische Jazz-Legende ist. Das tauchte dann plötzlich in einem Wikipedia-Eintrag auf, den wir nicht mehr ändern konnten, weil wir angeblich keine Quellen vorweisen konnten. Und plötzlich bekam meine Mutter Fragen, wieso sie singen kann und wo ihre Platten sind. Plötzlich wurde aus diesem real also real real. Aber es gibt unterschiedliche Levels von echt. Und die müssen alle gelesen, verstanden und eingeordnet werden. Es ist extrem komplex. Wenn man drinsteckt, läuft das alles irgendwie trotzdem automatisch. Das wird erst schwierig, wenn man anfängt zu denken, glaub ich manchmal. Und die Positionen haben sich einfach verändert. Die Art wie Donald Trump redet ist eigentlich auch totaler Shittalk. Es gibt so viele Sätze von ihm, wo er irgend so etwas sagt. We are gonna do so much winning. Das ist eigentlich Hip-Hop und er hat damit Wahlkampf gemacht. Da habe ich mir gedacht: Wow, ok?“

Die Deutsche Rap-Szene

 „Ich glaube, dass es den deutschen Hip-Hop in der Form gar nicht mehr gibt. Es gibt ziemlich viele unterschiedliche Strömungen und die stehen sich auch gar nicht mehr so auf den Füßen. Das Hauptkriterium ist: Verdienst du Geld damit? Ja, dann ist es doch gut. Fatoni hat jetzt irgendwie auf dem Splash gar kein Problem, neben den ganzen Straßenkollegen zu stehen, das wird dann schon passen. Das ist deutlich abgeklärter und distanzierter. Was mich nervt, ist eher der Mangel an Originalität. Ich finde schon auch, dass die klassischen Hip-Hop Elemente wie die Blues-Pentatonik immer noch funktionieren. Man benutzt es halt und spielt damit. Aber ab und zu wäre zumindest ein paar andere Themen oder ein originellerer Zugang mal ganz nett. Diese ständige Wiederholung? Das find ich nervtötend. Ich habe auch das Gefühl, dass es diesen alten Anspruch des: Wenn er es schon gemacht hat oder sie, dann mach ich es auf keinen Fall, weil es wäre abgekupfert, den Ehrenkodex, den gibt es einfach nicht mehr. Und ich als Musikhörer will einfach auch überrascht werden. Wenn ich schon weiß, was kommt, weil ich das Cover zwei Sekunden angeguckt hab, dann find ich das so ein bisschen öde.“


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