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"Todesursache Flucht. Eine unvollständige Liste" Dieses Buch-Projekt dokumentiert 35.000 Flucht-Todesfälle auf 400 Seiten

Kristina Milz und Anja Tuckermann dokumentieren in einem Buchprojekt 35.000 Flucht-Geschichten auf 400 Seiten. Mit dem Buch versuchen sie etwas mehr Menschlichkeit in den Diskurs um Flucht und Geflüchtete zu bringen.

Von: Niklas Schenk

Stand: 09.10.2018

17.05.2017: „Name unbekannt, Todesursache: Leichen wurden in Tripoli gefunden“

06.06.2016: „Name unbekannt, Mann mit Herkunft Marokko, Todesursache: Blinder Passagier auf der A381 auf der Autobahn erfasst“

05.09.2015: „Name unbekannt, Herkunft: Syrien, Todesursache: Ertrunken“

Sie alle – gestorben auf der Flucht nach Europa. So wie 35.000 weitere Menschen seit 1993. Dank der Organisation „United for Intercultural Action“ sind alle belegten Fluchttodesfälle der vergangenen 25 Jahre dokumentiert. Das verleiht den meist anonymen Toten ein bisschen Würde.

Die Autorinnen: Kristina Milz und Anja Tuckermann

Diese Liste gibt es ab Dezember auch als Buch. „Todesursache: Flucht. Eine unvollständige Liste“ heißt es, aus dem Hirnkost-Verlag. Die Münchner Historikerin und Nahost-Expertin Kristina Milz und die Berliner Afrikaexpertin Anja Tuckermann haben sich zusammengetan und die 35.000 Geschichten auf knapp 400 Seiten dokumentiert.

„Die Liste ist im Buch komplett abgedruckt. Zwischendurch gibt es immer wieder kleine Porträts von einzelnen Fluchtopfern“, erklärt Kristina Milz. Porträts von Alan Kurdi, dem zweijährigen syrischen Jungen, dessen Bild als angeschwemmte Leiche an der türkischen Küste traurige Berühmtheit erlangte. Oder die Geschichte einer Frau, deren Schwester seit 1995 vermisst wird und die sich bei den Autorinnen meldete in der Hoffnung, diese durch das Buch doch noch wiederzufinden.

„Wir müssen begreifen, dass wir es mit Menschen zu tun haben“

Das Ziel der Autorinnen: Mit dem Buch etwas mehr Menschlichkeit in den Diskurs um Flucht und Geflüchtete bringen. „Wir müssen begreifen, dass wir es mit Menschen zu tun haben“, sagt Milz. „Der ganze Aufwand hat sich schon gelohnt, wenn nur ein Mensch von dem Buch so berührt ist, dass er sich danach besser überlegt, wie er über Geflüchtete spricht.“

Auch eine Ansage an manche Politiker, die von „Menschenfleisch“ sprechen und denen die Autorinnen eine kalte und zynische Sprache vorwerfen. Das Buch erscheint am 10. Dezember und damit am Internationalen Tag der Menschenrechte.

Für die Erstauflage von 10.000 Büchern sammeln die Autorinnen über eine Crowdfunding-Aktion gerade noch Spenden ein. Alle Bücher wollen sie drucken und kostenlos verteilen zu können. „Geld verdienen werden wir mit dem Buch nicht“, sagt Anja Tuckermann. „Aber wir können auf das Thema aufmerksam machen, denn: Das Sterben muss aufhören und Menschen in Lebensgefahr müssen gerettet werden.“

Hier geht's zur Crowdfunding-Aktion!


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