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Neue Ausstellung zeigt Queere Kultur gehört zu Deutschland – seit über 100 Jahren

Queere Menschen hatten in den 1920er Jahren bereits eine ausgeprägte Subkultur. Doch mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die Szene fast vollständig ausgelöscht – mit Auswirkungen bis heute. In München versucht man, das Vergessene wiederaufzuarbeiten.

Author: Lena Bammert

Published at: 7-11-2022

Die Kabarretistin Claire Waldoff | Bild: picture-alliance / akg-images | akg-images

„Wir hatten beide das große Los aneinander gezogen“ – das schreibt Claire Waldoff 1953 in ihren Memoiren über ihre lebenslange Liebe Olga „Olly“ von Roeder. Die beiden lernen sich während des ersten Weltkriegs kennen, leben ihre Beziehung öffentlich und prägen die lesbische Szene Berlins in den 1920er Jahren. In den Berliner Frauenclubs kennt man Waldoff und von Roeder damals sehr gut. Nicht nur, weil sie Stammgäste sind, sondern auch weil Waldoff zu den berühmtesten Kabarettistinnen der Stadt, wenn nicht sogar des Landes zählt. In Hemdbluse, Sakko, Krawatte und angelerntem Berliner Dialekt tritt Waldoff in den Berliner Kabaretts auf. Singt über eine neue weibliche Freiheit jenseits von gesellschaftlichen Konventionen und ist damit Teil einer queeren Subkultur für Homosexuelle und trans Personen, die sich in den 1920er Jahren vor allem in den Großstädten entwickelt - aber dann durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten zerstört wird.  

Die Verfolgung von Homosexuellen und trans Menschen in der NS-Zeit

Das NS-Doku-Zentrum am Königsplatz in München

Während der NS-Zeit wurden tausende von queeren Menschen ermordet. Und ihre Subkultur mit ihnen. Jahrzehnte später ist die Geschichte queeren Lebens immer noch wenig erinnert oder archiviert. Die ersten großen Razzien gegen Homosexuelle finden in der Nacht vom 20. auf den 21. Oktober 1934 statt. Auch in München. Allein dort werden 145 Männer verhaftet, 54 von ihnen kommen sofort in das Konzentrationslager in Dachau. Die Ausstellung „TO BE SEEN. Queer lives 1900-1950“ im NS-Dokumentationszentrum München zeigt all das: Das vielfältige queere Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts - und die Zerstörung desselbigen durch die Nationalsozialisten.

Der Siegeszug der queeren Kultur beginnt im Jahr 1900

Denn im Jahr 1900 werden queere und trans Menschen im öffentlichen Raum immer sichtbarer: in Kunst, Politik, Kultur, sogar in der Wissenschaft. Das Institut des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld gilt im Berlin der 20er Jahre als ein Ort der Sicherheit für Homosexuelle und trans Menschen. Es gründen sich queere Vereine und Zeitschriften. Sie tragen Namen wie „Die Freundschaft“, „Blätter für Menschenrecht“ oder „Garçonne – Junggesellin“ und dienen vor allem im ländlichen Raum oft auch als Kontaktbörse. „Dame sucht gutsituierte, uneigennützige, feinfühlende Dauerfreundin. Offerten möglichst mit Bild“, heißt es zum Beispiel in einer Anzeige. Was heute „queer“ heißt, wird damals nur anders genannt: „Urning“, „Bubi“ oder eben Freundin.

In der Ausstellung kann man unter anderem in den Zeitschriften von damals blättern oder Claire Waldoff im Original singen hören. Denn auch Waldoffs Karriere endet mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Waldoff und von Roeder siedeln nach Bayrisch Gmain um und bleiben bis zum Tod Waldoffs 1957 ein Paar. Claire Waldoff ist im Familiengrab der Roeders in Stuttgart begraben.

NS-Dokumentationszentrum dokumentiert Erzeugnisse queerer Kultur

Robert Kühn, Bürgermeister von Bad Wiessee

Die historischen Zeugnisse, die im NS-Dokumentationszentrum ausgestellt werden – darunter die Manschettenknöpfe der queeren Ikone Marlene Dietrich - stammen aus Archiven aus ganz Deutschland. Das Archiv der Gemeinde Bad Wiessee hat ebenfalls einen kleinen Teil zu der Ausstellung beigetragen. Robert Kühn ist Bürgermeister von Bad Wiessee und stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft „SPD queer Oberbayern“. Kühn bezeichnet die NS-Zeit und die damit einhergehende systematische Verfolgung von queeren Menschen als einen „großen Cut“. „Danach hat sich das Bild über Homosexuelle und queer people nicht mehr so schnell erholt. Es ist wichtig, zu sehen, wie lange eine Gesellschaft wieder braucht, um toleranter und offener zu werden. Das ist bei uns nämlich noch nicht so lange her“, sagt Kühn.

Paragraph 175 in der BRD – erst 1994 abgeschafft

Im NS-Dokumentationszentrum hängen bunte Plastikschreiben von der Decke. Sie erinnern an zeitgeschichtliche Punkte, die noch nicht lange zurückliegen. Der Paragraph 175, der die Verfolgung von Homosexuellen ermöglicht hat, wurde in der BRD beispielsweise erst 1994 komplett abgeschafft. Erst damit wird Homosexualität auch für unter 18-Jährige straffrei. Und bis vor zehn Jahren mussten sich trans Menschen noch sterilisieren lassen, wenn sie ihr Geschlecht ändern wollten. Die Plastikscheiben zeigen aber nicht nur die Vergangenheit. Die Ausstellung endet in der Zukunft.

„Wir waren genauso Opfergruppe wie alle anderen auch“

So wird der Bundestag am Holocaust-Gedenktag im kommenden Jahr erstmals Menschen würdigen, die während der NS-Zeit aufgrund ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität verfolgt und ermordet wurden. Für Robert Kühn kommt diese Geste etwas zu spät: „Wir waren genauso eine Opfergruppe wie alle anderen auch. Da gibt es keine Unterschiede. Und deswegen finde ich es beschämend, dass die Bundesrepublik erst jetzt darauf kommt auch die homosexuellen Opfer der NS-Zeit zu würdigen“, sagt er.

Das NS-Dokumentationszentrum ist mit seiner Ausstellung „TO BE SEEN. Queer lives 1900-1950“ schneller als der Bundestag. Bis Ende Mai im nächsten Jahr kann man hier noch sehen, dass queere Menschen kein neumodisches Phänomen aus der woke-culture sind, sondern schon immer existiert haben.

Die Münchner Ausstellung „TO BE SEEN. Queer lives 1900-1950“ ist im NS-Dokumentationszentrum am Königsplatz zu sehen – und kostet nichts.