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Wegen Brexit Dieser Brite kämpft für visa-freies Reisen für Bands - und 300.000 Menschen mit ihm

Für die Kulturszene Großbritanniens kommt der Brexit einem No-Deal-Szenario gleich. Das sagt Tim Brennan, der eine Petition für visa-freies Touren für UK-Bands gestartet hat, die mittlerweile über 300.000 Menschen unterzeichnet haben. Wir haben mit ihm gesprochen.

Von: Paula Lochte

Stand: 17.02.2021 16:57 Uhr

EU-Flagge vor dem Westminster-Palast in London | Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Alberto Pezzali

Visa-freies Touren für Bands aus Großbritannien? Dafür kämpft der Video-Techniker Tim Brennan, der als Freiberufler für Tourneen und Veranstaltungen mehrmals im Jahr durch die EU reist. Er kritisiert, dass zukünftig Zollerklärungen, Visa und Arbeitserlaubnisse nötig sind und die Regeln auch noch von EU-Land zu EU-Land abweichen. Seine Petition fordert deshalb visafreies Touren – über 300.000 Menschen haben sie unterschrieben. Auch Künstler*innen wie Laura Marling, Dua Lipa, die Bands Foals und Biffy Clyro oder One-Direction-Mitglied Louis Tomlinson unterstützen sie.

Zündfunk: Sie haben sich entschieden, eine Petition für visa-freies Touren für Bands aus Großbritannien ins Leben zu rufen. Warum engagieren Sie sich so dafür?

Tim Brennan: Ich habe die Petition gestartet, weil mir recht früh klar war, welche Probleme auf die Acts aus Großbritannien zukommen. Es zeichnete sich nämlich schnell ab, dass Visa und Arbeitsgenehmigungen durch den Brexit sehr teuer werden. Und dann erinnere ich mich noch, dass ich eine Radiosendung angehört habe, wo verschiedene Leute angerufen haben. Und ein Kommentar klagte dann eben genau über dieses Thema. Und von da an habe ich realisiert, dass ich aktiv werden muss. Ich habe ja auch vorher schon lange vor diesen Problemen gewarnt, aber niemand hat wirklich auf mich gehört. Umso mehr hat mich beeindruckt, dass die Petition jetzt schon 300.000 Menschen unterschrieben haben. Für mich macht das einen großen Unterschied, weil es zeigt, dass mir die Leute jetzt zuhören.

Können Sie genauer erklären, welche Auswirkungen der Brexit für das Touren britischer Bands in der EU hat?

Ich kann da natürlich nur als Fotograf und Techniker sprechen. Aber wenn mich eine Band mit auf Tour nehmen will, muss sie entweder eine Arbeitserlaubnis oder ein Visum für mich einholen. Und zwar für jedes Mitgliedsland, dass wir besuchen. Und wenn eine Band dann 100 Leute mit auf Tour nimmt, ist das ein Riesenhaufen Papierkram. Wir merken jetzt schon, dass viele Acts sich fragen: Warum sollen wir Techniker aus Großbritannien mit auf Tour nehmen? Wir können doch einfach welche aus den jeweiligen Ländern buchen. Und das ist für uns Techniker natürlich ein großes Problem.

Betrifft das auch Crews aus der EU, wenn die in Großbritannien spielen wollen? Brauchen die dann auch ein Visum und eine Arbeitserlaubnis?

Für die ist es ein bisschen einfacher als für uns, aber trotzdem hat der Brexit die Organisation auch in Großbritannien schwieriger gemacht. Es ist einfach nicht mehr so, wie es früher war, als sich alle frei durch die EU bewegen konnten.

Was fordern Sie in Ihrer Petition?

Unsere Regierung hat ja schon zugegeben, dass die Situation für die Kreativindustrie gerade wie ein No-Deal-Szenario ist. Der ganze Brexit-Vertrag hat uns einfach überhaupt nicht berücksichtigt. Hier besteht also auf jeden Fall noch Handlungsbedarf. Es steht viel Geld auf dem Spiel und die Zukunft einer riesigen Industrie – wenn hier nichts getan wird, bedeutet das in letzter Konsequenz das Ende unserer Arbeit. Die Politik muss sich hier dringend wieder an den Verhandlungstisch setzen.

Gab es schon Reaktionen aus der Politik auf die Petition?

Ich glaube schon, dass die Politik gerade über unsere Ideen und Lösungsvorschläge diskutiert. Im Moment bleibt uns aber nichts als zu hoffen, dass sie auf uns hören und unsere Interessen berücksichtigen. Das ist gerade leider alles, was wir tun können, fürchte ich. Außerdem hat eine Ministerin schon angedeutet, dass sie nicht dazu bereit ist, wegen uns den Brexit Deal neu aufzurollen. Lieber wäre ihr, in Verhandlungen mit jedem einzelnen Mitgliedsstaat zu gehen. Ich habe allerdings keine Ahnung, wie lange das dann dauern wird und ob die Kreativindustrie so lange überleben kann.

Trotzdem unterstützen die Petition jetzt sehr viele Menschen, auch prominente wie zum Beispiel Dua Lipa. Wie fühlt sich das an, soviel Support zu bekommen?

Das hat mich sehr stark angetrieben. Es war einfach schön zu beobachten, wie die Petition viral gegangen ist und was die Menschen im Netz darüber gesagt haben. Wir haben eine unglaubliche Unterstützung aus der ganzen Kreativ-Szene bekommen. Opern-Sängerinnen, Tänzer, sogar Rock-Bands. Das ist schon Wahnsinn und zeigt, wie viel Leidenschaft die Menschen für uns aufbringen können. Es wäre schon eine unglaubliche Verschwendung, wenn wir unsere Kultur nicht nach Europa bringen könnten und Europa seine Kultur nicht zu uns.


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