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Hype um „Fahrradsattel“ TikTok zementiert den Überwachungskapitalismus – daran ändert auch ein Pisse-Punksong nichts

Der Song „Fahrradsattel“ von der Band Pisse wird überall auf der Welt gehört. Weil er auf TikTok viral ging. Die Band selbst will sich allerdings nicht äußern – könnte das daran liegen, dass TikTok nichts mit Punk zu tun hat und verheerende Auswirkungen für die Zukunft der Menschheit haben kann?

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 12.07.2022

Band Pisse live auf der Bühne | Bild: Montecruz Foto

Damit hätte die Punkband Pisse aus Hoyerswerda wohl nicht gerechnet. Quasi über Nacht haben sie einen weltweiten Hit gelandet. Ihr sechs Jahre alter Song „Fahrradsattel“ hat auf Spotify plötzlich 42 Millionen Klicks. Mehr als „Tage Wie Diese“ von den Toten Hosen. Der Text: „Du willst eine Jahreskarte, du willst einen Ring am Finger, eine Gummihand in deiner festgekettet und für immer. Aber ich will dein Fahrradsattel sein.“ Hört sich gar nicht nach Chart-Erfolg an, ist aber egal. Denn „Fahrradsattel“ ist auf der Plattform TikTok viral gegangen. User in den USA und in Asien haben den Song zufällig entdeckt und feiern den Sound. Und weil sie kein Deutsch können, sinnieren sie über die Bedeutung des Refrains. Eine Userin schrieb zum Beispiel: „Dieser Song beschreibt mein Gefühl, wie ich Montag bis Freitag zur Schule gehe, die ich hasse, nur damit ich später ein nine-to-five-cookie-cutter-Leben führen kann. Das ist mein schlimmster Albtraum.“

TikTok, die 0815-Hitmaschine

Der Fahrradsattel wird auf TikTok zum viralen Hit, zu einer Art Hymne für depressive Grundstimmungen. Wie genau, haben wir hier festgehalten. Frust auf das Leben, Trauer, Wut, dazu passt der Song, finden die TikTok-Junkies, die zum Pisse-Soundtrack deprimiert in die Smartphone-Kamera schauen. Dass Songs durch TikTok erfolgreich werden, ist der neue Mainstream. „Meine Plattenfirma sagt, dass ich es nicht veröffentlichen kann, es sei denn, sie können einen viralen Moment auf TikTok vortäuschen.“, klagte zum Beispiel Sängerin Halsey.

Kein Wunder, denn die meisten Chart-Erfolge haben gerade ihren Ursprung auf TikTok, der mittlerweile weltweit größten Socialmedia-App. Da war zum Beispiel „Old Town Road“ von Lil Nas X, der zuerst über Memes auf TikTok gepusht wurde. Und da war der Wellerman von Nathan Evans, der als Seemans-Song auf der Plattform berühmt wurde. Und erst kürzlich stürmte der Trennungs-Song „ABCDEFU“ wegen seiner Memeability auf TikTok die Charts. Jetzt dürfen sich auch die Punkrocker von Pisse aus Sachsen in die Liste solcher Phänomene eintragen. Aber die Band hat keine Lust, darüber zu reden, sagt mir ein Interview ab. An Erfolg seien sie nicht interessiert, schreibt uns auch Beau Travail, ein kleines Punk-Independent-Label, auf dem die Pisse-Platte „Kohlrübenwinter“ mit dem Jetzt-Hit „Fahrradsattel“ erschienen ist.

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Pisse - Fahrradsattel | Bild: Lat (via YouTube)

Pisse - Fahrradsattel

TikTok und Punkrock passen eigentlich nicht zusammen

Das könnte daran liegen, dass TikTok und Social Media nicht nur wegen ihrer großen Bedeutung für 0815-Mainstream-Musik so ziemlich das Gegenteil von Punkrock sind. Hört sich an wie ein Witz: Aber gerade das Posten von albernen Tänzen auf TikTok kann verheerende Auswirkungen für die Zukunft der Menschheit haben.

Die chinesische App ist nämlich die ziemlich gruselige Fortführung eines perfiden Systems. Die amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff, die als Karl Marx der Moderne gilt, nennt das: Surveillance Capitalism. Überwachungskapitalismus. Sie prognostiziert in einem Beitrag auf „Netzpolitik“ zum Überwachungskapitalismus: „Die tiefere Wahrheit ist, dass er die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts auf eine ebenso menschen- wie demokratiefeindliche Art und Weise umwälzen wird – und das allein um des finanziellen Gewinns aus der Überwachung willen.“

Enteignung im Überwachungskapitalismus

Ökonomin Shoshana Zuboff

Wenn wir zum Beispiel einen Tanz auf TikTok posten, erzeugt das eine Datenflut. Wie wir aussehen, was wir für Kleidung tragen, wie wir uns bewegen, was wir essen, ob wir gesunde oder ungesunde Haut haben, wieviele Pickel, ob wir Brille oder Kontaktlinsen tragen, was wir wann anklicken und welche Musik wir feiern. Diese Flut wird dann ausgewertet und an Dritte verkauft. Entweder an Konzerne, die uns dann auf unsere Bedürfnisse zentrierte Produkte andrehen wollen. Oder noch schlimmer: An Regierungen oder Geheimdienste.

Facebook und Instagram haben zum Beispiel Fotos und Videos für solche Zwecke an die chinesische kommunistische Partei für das Training von Gesichtserkennungssoftware verkauft – das liest man im Buch „Überwachungskapitalismus“. Und TikToks Mutterkonzern Bytedance hat direkte Verbindungen zur chinesischen Regierung und steht mehr noch als die Silicon Valley Konzerne wegen massivem, uninformiertem Einsammeln von Daten in der Kritik.

TikTok untergräbt die Demokratie

Die Folgen des Überwachungskapitalismus: Social-Media-Nutzer*innen werden enteignet, ihr Verhalten wird manipuliert und gesteuert, mit dem Ziel der Profitmaximierung anderer. Shoshana Zuboff schreibt: „Diese Macht, Verhalten zum Profit Dritter zu manipulieren, entbehrt jeglicher demokratischer oder moralischer Legitimation. Die Message hier ist einfach: Once I was mine. Now I am theirs.

Heißt: Der fröhliche Wellerman-Tanzen oder das traurige in die Kamera-gucken zum „Fahrradsattel“ von Pisse, untergräbt so die Demokratie und die Gesellschaft. Sollten Pisse tatsächlich keinen Bock auf den ganzen TikTok-Hype haben, kann man ihnen zumindest aus systemkritischer Punk-Haltung heraus nur zu rufen: Danke, Recht habt ihr. Könnt ihr den Song dann nicht sperren lassen auf TikTok?