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Thomas Piketty im Interview "Wenn man ärmeren Menschen Geld gibt, steigert das die Effizienz einer Gesellschaft"

Der Ökonom Thomas Piketty beschreibt in seinem neuen Buch "Kapital und Ideologie", wie die Welt ökonomisch gerechter werden kann. Seine These: Eine demokratisch, sozialistische Gesellschaft ist der nächste Schritt der menschlichen Evolution.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 22.12.2020

Zündfunk: Thomas Piketty, in der Corona-Krise ist das Reichste ein Prozent nochmal um mehrere Milliarden Euro reicher geworden. Als jemand, der seine Forschungsarbeit vor allem der finanziellen Ungleichheit gewidmet hat – sind sie nicht langsam ein bisschen frustriert?

Thomas Piketty: Ich glaube, dass ihr Menschenbild etwas zu negativ ist. Denn auf lange Sicht – und das ist auch die zentrale These in meinem neuen Buch – auf lange Sicht war die Menschheit immer sehr erfolgreich, wenn es darum ging, Ungleichheit zu verkleinern und den Wohlstand für alle zu vergrößern. Wir hätten all die Erfolge des 20. Jahrhunderts nicht feiern können, wenn wir die finanzielle Ungleichheit nicht reduziert hätten. Wenn es uns nicht gelungen wäre, Bildung für einen Großteil der Gesellschaft zu gewährleisten, wenn wir nicht gegen soziale Ungleichheit und für gerechte Steuersysteme und Arbeitnehmerrechte gekämpft hätten. Wenn wir heute über Eigentum nachdenken, tun wir das anders als noch vor 100 Jahren.

Aber Sie schreiben in Ihrem neuen Buch "Kapital und Ideologie" auch, dass die Ungleichheit seit den 1980ern, seit Politiker wie Ronald Reagan oder Margaret Thatcher die Spitzensteuer gesenkt haben, wieder zunimmt.

Wissen Sie, ich sehe meine Arbeit eigentlich anders. Ich gehe nicht an die Dinge heran und sage: Die Ungleichheit steigt die ganze Zeit, wenn wir aber diese magische Pille nehmen, wird alles gleich besser. Ich denke, dass die Welt auf lange Sicht besser geworden ist. Es gab ja schon Fortschritte, es gab schon bessere Steuersysteme. Ich versuche jetzt zu skizzieren, wie sich das weiterentwickeln soll. Das System des partizipativen Sozialismus, das ich im Buch beschreibe, ähnelt der Entwicklung, die bereits stattgefunden hat.

Wir haben uns nämlich lange in Richtung Gleichheit bewegt. Und ich denke, wir können, wollen und werden das auf lange Sicht auch weiter tun. Aber das passiert natürlich nicht einfach so. Und dann kann auch plötzlich eine Pandemie über uns hereinbrechen, die die Ungleichheit wieder vergrößert. Veränderungen sind auch in der Vergangenheit nur passiert, wenn viele Menschen dafür mobilisiert wurden. Ich versuche in meiner Arbeit, dieser langfristigen Entwicklung eine historische Perspektive zu geben.

Sprechen wir doch über die Dinge, die wir jetzt noch verbessern können. Das Reiche Prozent hat ja trotzdem noch so viel Geld wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Wie können wir das verändern?

Wir müssen ganz einfach überlegen, wie wir unsere Gesellschaften in der Vergangenheit verändert haben. Es gibt schon drei sehr erfolgreiche Wege, die im 20. Jahrhundert funktioniert haben. Der erste: Ein egalitärer Ansatz bei der Bildungspolitik. Wir müssen viel mehr in kostenlose, öffentliche Bildung investieren. Zweitens brauchen wir mehr Arbeitnehmerrechte in Unternehmen. Die Bürger brauchen viel mehr Teilhaberechte. Nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch. Die Idee, dass ein einziger Unternehmer mit 50 oder 60 viel mehr Geld haben sollte als alle anderen, weil er oder sie mit 30 Jahren mal eine gute Idee hatte, das kann einfach nicht funktionieren. Das ist ein monarchistisches System, das da unsere Wirtschaft bestimmt. Und die dritte Säule ist die permanente Zirkulation von Eigentum in unserer Gesellschaft. Und die erreicht man durch gerechtere Steuersysteme und durch Mindestlöhne für alle.

Wenn ich mir alle Daten anschaue, die ich gesammelt habe, kann ich nur sagen, dass das früher sehr gut funktioniert hat. Nicht nur die finanzielle Ungleichheit wurde verringert, es hat auch zu mehr Wohlstand, mehr Wachstum und mehr Innovation geführt als in der Zeit nach Ronald Reagan, der den Spitzensteuersatz um die Hälfte reduziert hat. Es ist Zeit, unserem historischen Erbe zu begegnen. Das habe ich mit meiner Arbeit zu zeigen versucht. Ich hoffe einfach, dass die Leute sich das wenigstens anschauen.

In ihrem Buch beschreiben Sie auch einen sehr konkreten Lösungsansatz, der mir sehr gefallen hat: Sie sagen, wir hätten bereits so viel Geld auf der Welt angehäuft, dass wir jeder Weltbürgerin 120.000 Euro zum 25. Lebensjahr geben könnten. Kommt diese Idee auch aus der Vergangenheit?

Ja, auch das haben wir in der Vergangenheit schon sehr, sehr oft diskutiert. Schon die französischen Revolutionäre haben gefordert, dass jedem ein Stück Land zustehen sollte. Das könnte man durch eine progressive Erbschaftssteuer finanzieren. In Europa hat das bis jetzt aber leider noch nie auf friedliche Weise funktioniert. Da waren immer Krieg oder Zerstörung beteiligt. Nur das konnte das zuvor angehäufte Privateigentum zerschlagen. Aber trotzdem deuten all unsere Beweise darauf hin: Wenn man armen Menschen Land oder Geld gibt, steigert das nicht nur die Gleichheit, sondern auch die Effizienz in einer Gesellschaft.

Was glauben Sie, wie lange wird es noch dauern, bis diese Entwicklungen tatsächlich eintreten?

Lassen Sie uns doch demokratische Gesellschaften von heute mit denen von vor hundert Jahren vergleichen. Und jetzt denken Sie mal darüber nach, wie die Welt in hundert Jahren aussehen wird. Meine Perspektive ist also sehr langfristig ausgelegt. Was die kurzfristigen Entwicklungen angeht: Es ist eben immer schwer vorauszusehen, was als nächstes passiert. Aber das heißt nicht, dass sich die Dinge nicht manchmal auch viel schneller ändern können als gedacht.

Note: A klick on the picture starts a five minute long english version of the interview with Thomas Piketty.


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