Bayern 2 - Zündfunk


8

Film "Die Gentrifizierung bin ich" Wie ein ehemaliger Hausbesetzer der Gentrifizierung assistiert

Aus dem Hausbesetzer ist ein Hausbesitzer geworden: Thomas Haemmerli erzählt in dem Film "Die Gentrifizierung bin ich" seine Geschichte - und leistet damit einen unterhaltsamen und kontroversen Beitrag zur aktuellen Diskussion über Wohnraum.

Von: Roderich Fabian

Stand: 02.10.2018

Dokumentarfilm "Die Gentrifizierung bin ich" | Bild: film coopi

"Keine Heizung? Stört mich nicht!" - so könnte das Mantra all jener lauten, die sich eine Wohnung mit Heizung in einem Ballungsgebiet nicht leisten können. Dabei ist die Modernisierung von Wohnraum zunächst mal nichts Schlechtes, meint zumindest der Schweizer Dokumentarfilmer Thomas Haemmerli, der sich vom einstigen Hausbesetzer zum Wohnungsbesitzer entwickelt hat. In seinem Film "Die Gentrifizierung bin ich" stellt er gleich mehrere diskutable Thesen auf.     

Wahrscheinlich ist Michael Moore an allem schuld. Er war es, der den Autor eines Dokumentarfilms in den Mittelpunkt rückte, sich gerne selbst vor die Kamera stellte und ganz oft "ich" sagte. Seitdem blüht der subjektive Dokumentarfilm, in denen RegisseurInnen ihre persönliche Geschichte erzählen und ihre Ansichten verbreiten. Jetzt kommt ein Dokumentarfilm in die Kinos, der das Ego schon im Titel trägt: "Die Gentrifizierung bin ich. Beichte eines Finsterlings". Und der ist so unterhaltsam wie kontrovers, denn sein Autor Thomas Haemmerli hat es raus, auch ein sperriges Thema wie Stadt-Architektur sehr launig rüberzubringen. Um seine Thesen zu vermitteln, wählt Haemmerli das Mittel der Ich-Erzählung und verkauft uns hier also auch seine Lebensgeschichte, allerdings nicht chronologisch.

Thomas Haemmerli kauft und bewohnt Wohnungen in der ganzen Welt - seine Familie muss meistens mit.

Der Film beginnt in Sao Paulo, der Stadt, in der er momentan mit seiner Familie lebt. Geprägt wird das Stadtbild von den über 40.000 Hochhäusern. Wie praktisch alle brasilianischen Städte ist Sao Paulo vertikal gebaut. Die Gebäude streben in die Höhe, die Böden sind effizient genutzt. Die Bevölkerungszahl pro Quadratmeter liegt zwischen der New Yorks und Tokios. Speziell an Brasilien ist, dass Hochhäuser nicht in erster Linie mächtige Firmen repräsentieren. "Hochhäuser sind hier die bevorzugte Wohnform für die Mittel- und Oberschicht", meint Hämmerli und will uns damit sagen, dass Hochhäuser nicht automatisch zu hässlicher Ghetto-Bildung führen, sondern ein adäquates Mittel zur Schaffung von urbanem Wohnraum sein können.

Ein ehemals staatlich beglaubigter Hausbesetzer

Früher hat Haemmerli darüber anders gedacht. In den 80ern war er als junger Mann Teil der linken Szene von Zürich, die sich unter dem Motto "Züri brännt" vehement gegen die Gentrifizierung der Stadt gestemmt und Häuser besetzt hatte. Entschlossen proklamierte er damals: "Wir sind gegen ein Neubauprojekt, das die WG’s vertreibt. Und wir sind dagegen, dass das Arbeiterquartier luxussaniert wird, die Yuppies in zu große Wohnungen ziehen, in denen sie sich eh nie aufhalten, weil sie für die hohen Mieten so viel arbeiten müssen. Wir sind dagegen und werden dehsalb inhaftiert und verurteilt." Stolz bekannte er: "Ich bin jetzt staatlich beglaubigter Hausbesetzer". Auch heute noch ist er der Meinung, dass Spekulanten bekämpft werden sollte, weil sie nichts zur Entwicklung der Stadt beitragen.

Ob Parkhaus oder Parkhotel, Thomas Haemmerli nimmt sie beide

Als Korrespondent des Schweizer Fernsehens kommt Thomas Haemmerli viel in der Welt herum, landet in Paris, in Tiflis und in Südamerika. Wohin er auch kommt: Er wohnt nicht zur Miete, sondern kauft sich heruntergekommene Wohnungen, die er dann nach eigenen Vorstellungen modernisiert. Woher das jeweilige Startkapital kommt, erzählt er nicht. Man darf aber vermuten, dass Hämmerli aus gutbetuchtem Hause stammt. Er kauft Wohnungen wie andere Menschen Schuhe. "Wir kaufen, ohne dort gewesen zu sein", erzählt seine mexikanische Frau, "wobei es oft recht schwierig ist, von einem Schweizer Bankkonto 180.000 Dollar zum Beispiel ins Drogenparadies Mexiko zu überweisen." Haemmerli und seine Familie bewohnen die gekauften Wohnungen vorübergehend gerne selbst. Wenn sie nicht da sind, leben Künstler oder Airbnb-Gäste dort.

Dem Fortschritt kann sich niemand entgegen stellen

Gehörig selbstironisch heißt der Film folglich "Die Gentrifizierung bin ich". Dabei ist er ein durchaus aufrichtiges Plädoyer für eine kontinuierliche Stadtentwicklung, die eben nicht darauf setzt, das Alte um jeden Preis zu erhalten. Hämmerli hat seinen Film sehr clever und didaktisch aufgebaut. Allerdings wirken seine Erzählungen aus dem Off manchmal ziemlich eitel und oberlehrerhaft. Der Autor vermittelt dem Zuschauer zuweilen den Eindruck, der Einzige zu sein, der es wirklich gecheckt hat. Nämlich, dass sich niemand gegen den Fortschritt stellen kann. Der aber solle die Stadt schöner und wohnlicher machen. Wie viel der geläuterter Ex-Linke bei alledem an Miete kassiert, verrät er uns allerdings nicht.


8