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Album der Woche: "Anima" Thom Yorke basst auf seinem neuen Album „Anima“ gegen die Ill Communication der digitalen Ära

Auf seinem neuen Album „Anima“ entfernt sich Thom Yorke stilistisch noch weiter von Radiohead, lässt sich von Paul Thomas Anderson ein viertelstündiges Musikvideo drehen und schafft es apokalyptische Musik zu machen, die trotzdem den Bass feiert.

Von: Sebastian Spallek

Stand: 01.07.2019

Der Kurzfilm "Anima" startet in einem futuristisch kafkaesken U-Bahn-Abteil. Übermüdet und ausdruckslos dösen die Fahrgäste vor sich hin. Alle tragen das selbe Outfit - graue Overalls. Als der Beat von "Not The News" einsetzt, entspinnt sich eine Choreographie der unbequemen Schlafpositionen - Köpfe heben sich, zerknautschen, fliegen zur Seite und landen dann auf der abgestützten Hand. Als der Waggon stoppt, verlagert sich der Tanz nach draußen -  ein Lauf im Gleichschritt, wie die Arbeiter aus dem Film Metropolis. Der einzige der aus dieser Routine ausbricht ist der Sänger des Songs: Thom Yorke. Er kämpft sich alleine durch die synchronen Massen.

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ANIMA | Paul Thomas Anderson | Thom Yorke | Teaser | Netflix | Bild: Netflix (via YouTube)

ANIMA | Paul Thomas Anderson | Thom Yorke | Teaser | Netflix

Thom Yorke erzählt, wie wir uns von der politischen Realität entfremden

Das viertelstündige Musikvideo kam zur Veröffentlichung von "Anima" - dem dritten Soloalbum von Thom Yorke. Ein sperriges Werk, das sich erst nach und nach erschließt. Fangen wir beim Namen an: "Anima". Thom Yorke hat den Psychologen Carl Jung studiert. Bei ihm ist "Anima" die Brücke ins Unbewusste. Ins Land der Träume. Yorke wendet das Konzept auf die Social Media-Welt an: "Weißt du, warum wir Politikern wie Boris Johnson beim Lügen zusehen? Uns anhören, wie sie Dinge versprechen, die sie niemals halten wollen? Es liegt an der Distanz, wir fühlen uns damit nicht verbunden. Er ist nur dieser kleine Avatar. Der kleine Typ mit dem blöden Haarschnitt, der eine Flagge schwingt. Und dann denken wir: "Das ist schon okay, es ist ja irgendwie amüsant. Ist ja nur Facebook. Wird schon keine Konsequenzen haben." Auch wir können ja anonym bleiben. Wir schicken unsere Social Media Avatare raus, schleudern kurz Gift und Galle. Und ziehen uns dann wieder in die Realität zurück."

Damit sind die Kernthemen des Albums umrissen: Technik-Skepsis, Einsamkeit und die Ill Communication der digitalen Ära. Dass das trotzdem  gar nicht so düster klingen muss, zeigt sich schon am Opener: Traffic. Über den minimalistischen House-Beat schwebt Yorkes wabernde Stimme wie eine unsaubere Klangfarbe - ein Echo, dass sich nicht abschütteln lässt. Ähnlich funktioniert der Dub-Track "I Am A Very Rude Person", der aber irgendwie an die Gorillaz erinnert. 

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Thom Yorke - Not The News | Bild: Thom Yorke (via YouTube)

Thom Yorke - Not The News

Thom Yorke macht depressive Musik, die zum Tanzen einlädt

Die Solokarriere von Thom Yorke stand bisher im Schatten der übergroßen Radiohead - zuletzt produzierte er den Soundtrack zum großartigen Suspiria-Remake. Mit "Anima" schafft er es, sich loszusagen - das  Album ist noch apokalyptischer, noch hoffnungsloser und reduzierter als die letzten Platten von Radiohead. Elektronische Wüsten, karge, verlassene Marslandschaften mit Yorkes einsam vor sich hin brummender Stimme als einzig menschliche Komponente. Aber: Yorke feiert den Bass. Es bleibt immer tanzbar. Selten hat so traurige und verlassene Musik so viel Spaß gemacht.

"Anima" ist ein Trip ins Unbewusste von Thom Yorke. In dem sich eine aus dem Ruder gelaufene Welt staut - Brexit-Chaos, ausufernder Kapitalismus, Klimawandel - um das ändern zu können, sagt er im Interview mit Beats 1, braucht es Wut im Bauch: "Die Menschen wissen nun: Wenn wir was ändern wollen, dann geht das nur durch einen fundamentalen Umbruch. Diese Clowns müssen unsere Wut spüren."

Der Kurzfilm endet mit dem ruhigsten Song des Albums: "Dawn Chorus". Die Choreografie ist zu Ende und Thom Yorke sitzt in einer Straßenbahn. Er beginnt einzuschlafen, langsam kippt sein Kopf Richtung Boden. Plötzlich scheint die Sonne hell in sein Gesicht. Seine Träume haben sie geleitet.


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