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Thees Uhlmann über das Touren in der Pandemie "35 Bundesländer, 35 verschiedene Regeln"

Endlich spielt die Musik wieder vor echtem Publikum. Und die Konzepte dafür sind vielfältig: Tanzen in Parzellen, Sitzen mit Abstand und Aufstehen nur mit Maske. Das ist natürlich auch für Musiker und Musikerinnen immer wieder eine Herausforderung. Wir haben Thees Uhlmann gefragt, wie es denn so ist, momentan auf Tour zu sein.

Von: Franziska Timmer

Stand: 09.08.2021

Der Sänger und Autor Thees Uhlmann. | Bild: picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres

Hallo Thees! Axel Bosse, Marcus Wiebusch und du, ihr spielt heute im Olympiastadion München. Wir sind jetzt genau in der Mitte von eurer August-Tour, ist das richtig?

Thees Uhlmann: So ziemlich genau, ja. Ich glaube, ich muss dann auch ein bisschen weiter spielen. Ich habe noch 20 Auftritte vor mir, habe 13 gespielt. Also ich bin jetzt im Training sozusagen. Das ist ja wirklich schön, wenn man so doll auf Tour ist. Mir gefällt das auch gut, so hart zu arbeiten.

Du "musst" weiter spielen, das klingt ja schon recht tragisch.

Ja, man muss das eben machen. Aber das ist toll. Ich gebe mal eben an: Ich stehe hier im Olympiastadion ganz oben in der Gästekurve und kann auf meinen Nightliner-Bus gucken und auf die Bühne, die aufgebaut ist und kann das ganze Olympiastadion überblicken und so. Damit hat ein kleiner Junge aus Cuxhaven nicht gerechnet.

Da kann ich im Studio ja auch nur vor Neid erblassen.

Auf jeden Fall. Das ist ganz toll. Das bringt auch Spaß, die Techniker wieder arbeiten zu sehen. Dass alle wieder einen kleinen Job haben und so. Das ist schon nicht nichts. Nein, das ist eine hochemotionale Angelegenheit. Wir haben vor drei Tagen in Köln mit Aki Bosse und Marcus Wiebusch zusammen gespielt. Und Marcus ist von uns am längsten nicht aufgetreten. Der war, glaube ich, zwei Jahre nicht mehr auf der Bühne. Er meinte, er musste sich da in Köln echt ein bisschen zusammenreißen, weil es ihn sonst verlassen hätte. Das sei eine ganz, ganz tolle Erfahrung für ihn gewesen und ein ganz tief emotionaler Moment.

Und jetzt seid ihr ja doch Menschen, die wirklich schon ganz lange auf der Bühne stehen. Dass das trotzdem noch so mitnimmt nach der Zeit, ist natürlich Wahnsinn.

Ja, aber es sind eben besondere Zeiten. Nach dem Konzert vor dem Bus, dann ist da vielleicht noch einer, der Fan von uns ist. Oder wenn man mal eine E-Mail bekommt, wo dann drinsteht 'Ich wollte mal sagen: Danke, dass war das erste Konzert seit 18 Monaten. Das hat uns toll gefallen. Vielen Dank, dass ihr wieder angefangen habt, Kunst und Kultur zu machen'. Sowas schreiben die Leute ja nicht aus Scheiß, sondern weil das ein inneres Bedürfnis ist, das nochmal mitzuteilen. Und das ist für mich als Künstler natürlich neben den ganzen Mist eine hochinteressante und hochemotionale Zeit, um Kunst zu machen. Das ist schon toll.

Ihr wart ja gestern in Wien. Wie war es denn da? Ich frage jetzt ganz konkret: Wie war das corona-konforme Konzept? Was haben sich die Menschen dort einfallen lassen, um alle in Sicherheit das Konzert genießen lassen zu können?

Da hat einfach der Bürgermeister von Wien gesagt: 'Ah, das geht sich eh alles aus'.

Echt? Das geht sich aus?

Nein, das war gestern ganz simpel. Man musste am Eingang einen negativen Corona-Test vorzeigen oder, dass man zweimal geimpft ist. Und dann durften die Leute da rein.

War das dann konzertant, also zum Sitzen? Oder durften alle nebeneinander stehen?

Also fast alle Konzerte, die wir spielen, sind bestuhlte Konzert. Weil die Leute sich dann sicherer fühlen mit ihren negativen Befunden. Die dürfen dann nur am Platz tanzen.

Ich habe tatsächlich auch schon von Konzerten gehört, da sind die Menschen dann aufgestanden, obwohl die das ja eigentlich gar nich dürften. Nur mit Maske am Platz tanzen, oder?

Ja, 35 Bundesländer, 35 verschiedene Regeln und sowas. Ich habe ja letztes Jahr auch schon getourt. Da war das noch sehr streng mit Aufstehen. Aber zum Beispiel beim Bier holen, oder wenn die Leute jetzt aufs Klo gehen, in der Mitte des Konzerts, wenn ich langweilige Songs spiele, dann setzen die eigentlich die Maske auf. Die Leute halten sich sehr, sehr gut an die ganze Sache. Das muss ich wirklich einfach mal sagen: Da haben wir ein tolles Publikum. Es gibt da nichts zu kritisieren.

Habt ihr denn schon vor Strandkörben gespielt?

Ich habe bis jetzt noch nicht vor Strandkörben gespielt. Das abgedrehteste, was wir mal gespielt haben - das ist aber auch schon vor einem Jahr gewesen - da haben die Leute sich so Picknickdecken mitgebracht. Wenn man aber auf einer Picknickdecke sitzt, dann stützt man sich ja nach hinten mit den Armen ab und dann klatscht man natürlich nicht, weil die Arme eingeschlafen sind. Aber auch das haben wir ganz gut hinbekommen.

Helge Schneider hat ja neulich ein Strandkorb-Konzert abgebrochen, weil Menschen dort mit Getränken bedient wurden während der Show. Er konnte sich daher nicht konzentrieren und hatte dann - kurz gesagt - keinen Bock mehr. Könnte euch so "ein Helge" auch passieren?

Nö. Wir haben mal ein Konzert in Göttingen gespielt, und da ist immer jemand mit so einer Lastenkarre auf- und abgefahren, hat die leeren Bierkisten weggefahren und die neuen Bierkisten für das Publikum wieder hingeschoben. Das sah so obskur aus, dass wir auf der Bühne wirklich lachen mussten.

Und ihr habt das dann als Percussion einfach mit eingebaut?

Ganz genau. Vielleicht ist Dr. Helge Schneider wegen der ganzen Corona-Sache wirklich ein bisschen mit den Nerven zu Fuß. Da kann es schon sein, dass er einfach sagt: 'Ich halt es jetzt nicht mehr aus'. Ich habe zum Beispiel mal ein Streaming-Konzert in Linz gespielt und die Leute aus Linz, die haben gesagt: 'Thees das war ein ganz tolles Konzert'. Mich hat es aber im Kopf einfach so dermaßen zerknallt. Dieses Gefühl, in eine Hunderttausend-Euro-Kamera zu sehen und keinen vor mir zu haben, der in die Hände klatscht. Das ist zwar total in Ordnung, aber das war der schlimmste Moment, den ich auf der Bühne jemals hatte. Das hat irgendetwas mit meinem Kopf gemacht. Ich hatte dann richtig Angst vor meinem nächsten Auftritt vor Publikum. Vielleicht war das bei Helge auch einfach so ein Moment, wo Hirn oder Seele sagen: 'Wir können nicht mehr'. Und dann wird das Konzert abgebrochen. Da habe ich großes Verständnis für. Aber ich habe eben auch großes Verständnis für die Menschen, die da die Getränke an den Platz bringen.

Wie war's denn dann, als du wieder vor Publikum auf der Bühne standest?

Da kann ich nur mit einem Martin-Kippenberger-Zitat glänzen: "Jeder Künstler ist ein Mensch".

Man muss also mit der Situation umgehen?

Ja, auf jeden Fall. Wir sind dankbar und es ist toll und aufregend, dabei zu sein, wenn Kunst und Kultur wieder los gehen. Ich kann jeden Menschen verstehen, der sagt, ihm ist das zu früh, der das eben noch nicht möchte. Aber die Leute, die da sitzen, die sitzen da. Und man guckt da wirklich eben auch in ganz kindliche, unversaute, fröhliche Gesichter, die sich wirklich darüber freuen, dass wieder E-Gitarre gespielt wird.

Dann möchte ich dich jetzt vom Gitarre spielen und vom Soundcheck gar nicht aufhalten. Ich wünsche euch heute Abend ein schönes Konzert im Olympiastadion.

Ist das toll: Mein Name im Zusammenhang mit dem Olympiastadion in München. Genial. Und dann noch vor echtem Publikum!