Bayern 2 - Zündfunk

Rock im Park Über 90 Prozent Männer auf der Festivalbühne – und The Linda Lindas

Nicht einmal zehn Prozent der Künstler*innen im Line-up von Rock im Park in Nürnberg waren Frauen. Darunter die Teenager-Riot-Grrrl-Band The Linda Lindas aus Los Angeles, die ihren Auftritt trotzdem positiv sehen.

Von: Wolfram Hanke

Stand: 07.06.2022

The Linda Lindas Backstage bei Rock im Park | Bild: Wolfram Hanke

Pfingstzeit ist Festivalzeit. Nach zwei Jahren Coronapause sind die beiden größten deutschen Festivals, Rock im Park und Rock am Ring, neu gestartet. Aber noch nie gab es so viele Diskussionen über diese beiden Festivals wie dieses Jahr. Denn nicht einmal zehn Prozent der Künstler*innen im Line-up waren Frauen. Das hat die Entertainerin Carolin Kebekus dazu veranlasst, eine Gegenveranstaltung auf die Beine zu stellen. Unter dem Motto „DCKS“ traten am Pfingstmontag in Köln Künstlerinnen wie Lea, Mine oder die No Angels auf. Außerdem haben die Band Kochkraft durch KMA und das Label Ladies & Ladys einen Soli-Sampler namens „Cock am Ring“ initiiert. Darauf covern 24 Bands und Künstlerinnen jeweils einen Song einer Männerband aus dem Line-up von Rock am Ring, damit sich das Festival im nächsten Jahr mehr Frauenbands leisten kann. Denn vielleicht, so die ironische Unterstellung des Soli-Samplers, ist ja Geldmangel der Grund für das „haarsträubende Übergewicht an Männern“.

Eine neue Riot-Grrrl-Generation

Eine der wenigen Girlbands im Line-up von Rock am Ring und Rock im Park waren dieses Jahr The Linda Lindas aus Los Angeles. Die vier Teenies gelten als Speerspitze der neuen Riot-Grrrl-Generation. Anfang April ist ihr Debütalbum „Growing Up“ bei Epitaph Records erschienen, einem der größten und bekanntesten Punklabels weltweit. Seitdem ist ihr Debüt in aller Munde. Auch bei uns. Wir haben die Band kurz vor ihrem Auftritt in Nürnberg getroffen.

Zündfunk: Wie fühlt es sich an, eine der wenigen Frauenbands bei Rock im Park zu sein?

Lucia: Es ist nicht der Fehler von irgendjemandem, dass es bei diesem Festival zu wenige Frauenbands gibt. Allerdings haben jetzt viele Leute die Verantwortung, künftig auf die Suche zu gehen. Die meisten Leute wenden sich männlichen Bands zu, weil sie einfach da sind. Man kann sie buchen und sie sind großartig. Als wir bei Rock am Ring gespielt haben, habe ich viele Besucherinnen im Publikum entdeckt, die extra zu unserer Bühne gekommen sind, um uns zu sehen. Das hat uns total begeistert. Wir wollen nicht nur einen Haufen Typen mit freiem Oberkörper auf dem Festival sehen.

"Wir wollen nicht nur einen Haufen Typen mit freiem Oberkörper auf dem Festival sehen."

Lucia von The Linda Lindas

The Linda Lindas sehen sich in der Tradition der Riot-Grrrl-Bewegung aus den Neunzigern. Damals forderten Bands wie Bikini Kill oder Sleater Kinney lautstark das Recht von Frauen ein, auch auf der Bühne zu stehen. Girl Empowerment ist neben Alltags-Rassismus oder typischen Teenie-Problemen ein großes Thema für euch.

Lucia: Damals wurde es nicht wirklich akzeptiert, wenn Mädchen in Bands spielten und Konzerte gaben. Wir haben Geschichten gehört, wie sie aus Clubs flüchten mussten, weil sie von wütenden Männern im Publikum gejagt wurden. Jetzt lachen wir vielleicht darüber, weil es aus heutiger Sicht so unwirklich klingt. Und weil wir heute in Deutschland auf der Bühne stehen und es einfach toll ist. Deshalb ist es wichtig, sich daran zu erinnern, warum wir hier sein können. Die Riot Grrrls sind ein Teil der Musikgeschichte und ich liebe es, wie man inzwischen darüber spricht. Für mich ist das ein wirklich wichtiger Teil von Punk und sehr wichtig für junge Frauen. Weil wir selbst junge Frauen sind, gehören wir natürlich auch zu dieser Szene. Und darauf sind wir wirklich stolz.

Bekannt geworden seid ihr durch euren ersten Song: „Racist, Sexist Boy“. Mit einem Clip, in dem eure Band in einer öffentlichen Bibliothek performt und ihr eure Wut über ein ganz persönliches Erlebnis von Drummerin Mila herausschreit.

Mila: Das ist mir in der Schule passiert. Etwa eine Woche vor dem Lockdown, der uns alle voneinander getrennt hat. Da kam ein Junge aus meiner Schule zu mir und hat mir gesagt, dass ihm sein Vater gesagt hätte, er solle sich wegen des Virus von Asiaten fernhalten. Das hat mich total verstört. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich von dem Virus noch nicht viel gehört und wusste gar nicht, wovon er redet. Außerdem machte es für mich keinen Sinn, dass er Abstand zu Asiaten halten sollte. Was hatte das mit mir zu tun? Ich habe ihm dann erzählt, dass ich chinesische Wurzeln habe und er ist sofort zurückgewichen. Zuhause habe ich dann mit meiner Familie und der Band über den Vorfall gesprochen. Je länger wir geredet haben, desto klarer wurde mir, wie scheiße das von ihm war. Er hat das einfach gesagt, ohne zu begreifen, dass es rassistisch war.

Nach Deutschland seid ihr mit euren Eltern gekommen, die auch bei diesem Interview alle mit in der Garderobe sitzen. Ihr habt noch nicht viele Trips nach Europa gemacht. Der Wirbel um die Band hat nach der Veröffentlichung eures Debütalbums „Growing Up“ richtig Fahrt aufgenommen. Werdet ihr inzwischen auf der Straße erkannt?

Lucia: Eloise war auf dem Weg in die Schule, als ihr jemand aus dem Auto zu gerufen hat: I love you! Ein anderes Mal waren wir in der Bibliothek und haben ein Mädchen mit einem Linda-Lindas-Shirt gesehen. Mila ist dann hingegangen und hat gesagt, dass sie das Shirt mag. Das Mädchen hat sich bedankt und gar nicht bemerkt, dass Mila die Schlagzeugerin der Band ist. Das war wirklich lustig.

Lucia, du bist 15, Mila ist deine 11-jährige Schwester und Eloise ist eure 14-jährige Cousine, ihr geht ja immer noch in die Schule. Nur die 17-jährige Bella hat gerade neu ihren Highschool-Abschluss in der Tasche. Deshalb muss das Leben als Rockstar natürlich parallel zum schulischen Leben laufen. Wie macht ihr das aktuell?

Lucia: Im Moment wurschteln wir uns irgendwie durch. Das heißt manchmal, dass wir unsere Hausaufgaben im Flugzeug oder Backstage machen. Zum Glück haben wir sehr verständnisvolle Freunde und Lehrer, die wollen, dass wir als Band erfolgreich sind. Das ist wirklich etwas Besonderes, dass wir diese Community haben, die uns unterstützt. Genauso, wie uns unsere Eltern immer unter die Arme greifen. Die passen auf, dass wir nicht zu viel arbeiten, sondern eben auch Zeit für schulische Dinge haben. Wir werden zu nichts gezwungen.