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Serie von The Wire-Schöpfer David Simon geht in die 2. Staffel "The Deuce" ist nicht "The Wire" - aber Porno hat eben seine eigenen Geschichten

Knallbunte Pimps: Die HBO-Serie" The Deuce" von Wire-Schöpfer David Simon beleuchtet die Porno-Industrie der 70er in New York. Die erste Staffel war ein Porträt über Märkte und Macht. Kann Staffel 2 das hohe Niveau halten?

Von: Thomas Mehringer

Stand: 03.08.2018

Szenen aus der HBO-Serie "The Deuce" | Bild: picture-alliance/dpa

Es gibt diese eine Szene in der ersten Staffel von "The Deuce": Die schwarze Prostituierte Darlene sitzt bei einem alten Freier auf dem Bett, sie schauen fern. Er erzählt vom Film, sie hört interessiert zu. Langsam wird klar: Er bezahlt sie nur, damit er sich nicht so einsam fühlt. Darlene genießt das, einmal Geld verdienen ohne Sex. In der nächsten Szene sehen wir einen stinksauren Zuhälter. Er wird so wütend, dass er "sein Mädchen" grün und blau schlägt. Das Dümmste, was er tun kann, denn mit einem blauen Auge und Platzwunde bringt sie für lange Zeit gar kein Geld mehr. Diese erst intime und dann unglaublich brutale Szene beschreibt sehr gut, worum es in der HBO-Serie "The Deuce" geht: Um menschliche Bedürfnisse, die nicht immer Sex heißen müssen - und um Macht.

Großartige Aufdeckung von Machtstrukturen

James Franco in seiner Doppelrolle als Barbesitzer und Überlebenskünstler

Die Deuce war früher eine Achse, die durch Manhattan führt. Dort fand man im New York der 70er den Straßenstrich, Pornokinos und sonstige etwaige Geschäfte für Erwachsene. Die Serie “The Deuce” wird von David Simon produziert, dem Schöpfer von “The Wire”, der vielleicht besten Serie aller Zeiten. Er nimmt die New Yorker Straßenachse als Symbol für den Aufstieg der Pornoindustrie in den USA zu der Zeit. Simon selbst sagt, es geht um “Arbeit, Management und Kapital, eben darum wie Märkte funktionieren”.

Und tatsächlich ist die 2017 erschienene erste Staffel so stark, weil es auf großartige Weise Machtstrukturen aufdeckt. Sei es zwischen einem Barbesitzer und der Mafia, einer Prostituierten und ihrem Freier oder eben einer Prostituierten und ihrem Pimp. Gerade wie Simon und seine größtenteils weiblichen Regisseurinnen die paradoxe Beziehung zwischen Nutte und Zuhälter zeichnen, kann man als brandaktuellen Kommentar auf die #metoo-Bewegung lesen. Die kunterbunten Pimps mit dicker Goldkette und fetter Limousine, die übrigens von echten Rappern gespielt werden, sind hier die Weinsteins der 70er, die natürlich nur das beste für ihre Mädchen wollen  - solange sie davon profitieren.

Schauspielerin Maggie Gyllenhaal als selbstbestimmte Prostituierte Candy

Apropos #metoo: “The Deuce” musste auch Kritik einstecken, weil ausgerechnet Schauspieler James Franco eine Doppelrolle in der Serie hat. Auch gegenüber Franco gab es Vorwürfe, er sei in der Vergangenheit sexuell übergriffig geworden. Tatsächlich wirkt seine Zwillingsrolle als Frankie und Vincent Martino arg konstruiert - genauso wie die seiner Freundin Abby, die als priviligierte Feministin eine eher unglaubwürdige Wandlung hinlegt.

Macht die Serie alleine schon sehenswert: Maggie Gyllenhall

Ein Offenbarung dagegen: Maggie Gyllenhall. Sie co-produziert die Serie und spielt die Prostituierte Candy, die im Milieu nach Selbstbestimmung sucht. So steigt sie in Staffel 1 von der Straßennutte zur Porno-Darstellerin auf. In Staffel 2 hat sie es nun zur Porno-Produzentin geschafft, die jetzt versucht die Machtverhältnisse zurechtzurücken.

“The Deuce” mag anders als “The Wire” zu viele und zu prätentiöse Figuren haben, aber dennoch ist David Simon hier eine sehr gute Serie gelungen. Staffel 1 spielt im Jahr ‘72 als Disco ziemlich angesagt war, Staffel 2 spielt 1977 -  als der Punk immer mehr Fahrt aufnimmt. Wenn man “The Deuce” sieht, wird einem aber leider klar, dass uns selbst der Punk das Streben nach Macht nicht ausgetrieben hat.

"The Deuce" ist bei Sky, Amazon, Itunes und Maxdome zu sehen.


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