Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche: "Trust in the Lifeforce of the Deep Mystery" The Comet Is Coming ist das angesagte Power-Jazz-Trio der Stunde

Saxophonist Shabaka Hutchings ist eine der treibenden Kräfte des neuen, hippen Jazz aus London. Sein Trio „The Comet is Coming“ bewegt sich im Grenzbereich zwischen Jazz, Funk und progressivem Rock und beschwört die Kraft der Musik als geheimnisvolle Waffe gegen menschenfeindliche Mächte.

Von: Roderich Fabian

Stand: 18.03.2019

Wenn man über Jazz spricht, kommt immer irgendwann die Frage „Was ist Jazz überhaupt?" Früher gaben darauf Intellektuelle immer gerne die Antwort: Virtuoses Improvisieren, das seine Wurzeln in der afro-amerikanischen Musik des vergangenen Jahrhunderts hat. Aber Jazz muss immer wieder neu definiert werden. Wenn man beispielsweise den Sound des britischen Saxophonisten Shabaka Hutchings hört, könnte man das Jazz nennen, vielleicht aber auch modernen Funk.

Jazz, der für sich steht

Egal wie man es nennt: Unser Album der Woche stammt von Hutchings' mittlerweile dritten Band: The Comet is Coming. Die ist mit ihrem zweiten Album nun bei Impulse Records gelandet, dem legendären Jazz-Label, bei dem John Coltrane einige seiner wichtigsten Alben veröffentlicht hat. Das erste Stück des Albums von The Comet is Coming erinnert ein wenig an Coltrane, hat ähnliche spirituelle Qualitäten. Es braucht hier keine Worte, die Musik verstrahlt eine eigenständige Kraft, und darauf kommt es Shabaka Hutchings auch an.

"The Comet is Coming machen Musik, die zunächst mal für sich steht", sagt er uns im Interview mit Judith Schnaubelt (ihre Nachtmix-Sendung mit der Band könnt ihr hier hören). "Welche Interpretationen darüber dann in Pressemitteilung oder dergleichen stehen und was wir in Interviews dazu ausdrücken wollen, darüber machen wir uns erst später Gedanken." Das Album heißt nicht umsonst "Trust in the lifeforce of the deep mystery" - es geht darum, nicht auf die Fakten zu vertrauen, sondern auf die Kraft im Verborgenen. Die Fakten sehen ja auch nicht besonders rosig aus, wenn man sich die Politik und die Umwelt so ansieht.

"Unser Planet geht ziemlich schnell vor die Hunde. Welche Kraft kann man dieser Tatsache entgegensetzen, und zwar nachhaltig - statt in Depressionen zu verfallen? Genau das ist eine Aufgabe der Musik in unserer Gegenwart, eine Aufgabe von Künstlern ganz generell: Zum Beispiel bei einem Konzert Enthusiasmus zu zeigen, sich als Quelle purer Energie zu präsentieren."

Shabaka Hutchings

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The Comet Is Coming - Summon The Fire | Bild: TheCometIsComingVEVO (via YouTube)

The Comet Is Coming - Summon The Fire

The Comet is Coming ist ein Trio. Neben Saxophonist Shabaka Hutchings sind der Keyboarder Danalogue und der Schlagzeuger Betamax zu hören, zwei weiße Musiker aus der momentan so vitalen Londoner Neo-Jazz-Szene. Der Sound bleibt transparent auf drei Instrumente reduziert. Außer dem Eröffnungsstück erinnert hier wenig an Coltrane, eher an den Power-Jazz-Rock, den Bands wie John McLaughlins Mahavishnu Orchestra dank des Drummers Billy Cobham Anfang der 70er auf die Bühne brachten.

Inspiration von der Black Panther-Bewegung

The Comet is Coming erfinden die Musik nicht neu. Ein sehr gesunder Ausdruck von Selbstbewusstsein durchzieht das Album, Dringlichkeit statt Oberflächlichkeit ist hier das Motto. Und Shabaka Hutchings besteht darauf, dass wir - trotz Internet und Klimakatastrophe - im Grunde immer noch die gleichen Probleme haben wie in Zeiten der Bürgerrechtsbewegung vor über fünfzig Jahren in den USA.

"Es ist sehr erhellend, heute noch mal die deutlichen Worte von Black-Panther-Führer Stokeley Carmichael zu lesen", sagt Hutchings. "Das meiste, was wir heute so denken über den Zusammenhang zwischen Rassismus und kapitalistischem und kolonialem System, hat er damals schon artikuliert - ein wahnsinnig intelligenter Kerl. Ich finde es wichtig, dass sich die Leute mit diesen Ideen wieder beschäftigen."

Es reicht eben nicht, Beyoncés Black-Panther-Uniform beim Superbowl zu feiern, meint Hutchings, man muss auch wissen, wofür dieser Look steht. "Trust in the Lifeforce of the Deep Mystery" ist eine Ermutigung, sich nicht der Oberflächlichkeit hinzugeben.


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