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Der Hype um die Band The 1975 The 1975 sind der allerletzte Sargnagel der Rockmusik

"A Brief Inquiry Into Online Relationships" heißt das dritte Album der Manchester-Band The 1975. Die Medien überschlagen sich. Marktführer Universal darf auf weltweite Nummer-Eins-Platzierungen hoffen. Die Platte klingt wie der feuchte Traum eines Unternehmensberaters und zugleich wie der letzte Atemzug der Rockmusik.

Von: Roderich Fabian

Stand: 03.12.2018

Die Band The 1975 aus Manchester | Bild: Brett Lloyd

Hört eigentlich noch jemand Alben? Also einen Haufen Songs des gleichen Künstlers, in der gleichen Zeit entstanden? Wenn wir ehrlich sind: nein. Und genau das war den Managern von Universal Music so was von klar, und dennoch haben sie genau das getan: Sie haben ein neues ALBUM von The 1975 ins Visier genommen. Eine halbe Million Exemplare vom Vorgänger "I Like When You Sleep" reichten vor zwei Jahren für Platz 1 der US-Charts. The 1975 sind damit Superstars, denn die wenigsten britischen Rocker werden in den USA überhaupt zur Kenntnis genommen. Für den Nachfolger mussten deshalb die Ingredienzen genau abgewogen werden.

1. Manchester-Kapitalismus

Manchester, früher einmal die Hochburg der britischen Arbeiterklasse, hat viele tolle Bands hervorgebracht: The Smiths, The Fall, The Human League, vor allem aber Joy Division. Deswegen klingt das Gitarrenriff von "Give Yourself a Try', die erste Vorab-Single von 1975, verdammt nach "Disorder" von Joy Division. Wenn dann allerdings der Gesang einsetzt, ist es vorbei mit dem düsteren Existenzialismus der Vorbilder, dann dürfen alle freudig miträllern.

Damit wären die Post-Punk-Traditionalisten schon mal bedient. Jetzt brauchen wir was für die Fans der 80er.

2. Der Huey-Lewis-Faktor

Der Mainstream-Rock der 80er litt unter einer furchtbaren Krankheit: Zu viele Keyboards, zu viele Synthies. Aber er hatte auch seine Fans, was den Erfolg von Bands wie INXS, Mister Mister oder Huey Lewis & The News begründete. The 1975 tragen dieser traurigen Fraktion Rechnung, allerdings auch nur mit einem Song, dem unsäglichen "Love It If We Made It", der zweiten Single.

70er, 80er – das ist doch die Vorsteinzeit, denken die Kids, deswegen brauchen wir dringend etwas für die Kleinen.

3. Leckerlis für die Justin-Bieber-Fraktion

Ja, auch das ist auf dem neuen 1975-Album: "TOOTIMETOOTIMETOOTIME", ein Autotune-Pop-Stück, das auch Ariana Grande oder Selena Gomez geschmeckt hätte, simpler geht der Pop der Gegenwart kaum mehr.

Natürlich gibt’s auch Michael-Jackson-hafte "Heilt die Welt"-Balladen. Und ach, weil The 1975 schließlich Fans in Deutschland haben, ist mit dem Song "It's Not Living (If It's No With You)" auch für die Helene-Fischer-Fraktion was dabei. Aber nun steht ja nicht jeder auf Schlager, manche - gar nicht mal wenige Leute haben ja einen exquisiteren Geschmack.

4. Michael Bublé lässt grüßen

Echt, Leute, wir sind immer noch bei derselben Platte, auch wenn sich "Mine" jetzt eher nach dem anhört, was einem inzwischen als "Jazz" verkauft wird: Jamie-Cullum -Schnulzen für den heulenden Trinker an der Bar.

Der Album-Titel "A Brief Inquiry Into Online Reationships" ist dann wieder eine Anbiederung an vermeintlich moderne Zeiten. Die Leute von Universal würden dieses Album "vielfältig" nennen, aber darum geht’s eigentlich gar nicht. Jeder der hier vertretenen Songs lässt sich bei den Streaming-Diensten auf eine andere Playlist platzieren, vom Wellness-Weekend bis zum Kindergeburtstag, für jeden was dabei. Das garantiert langfristigen Umsatz und volle Konzert-Arenen. Tut mir echt leid, aber: The 1975 sind nicht die Rettung der Rockmusik, sie sind der allerletzte Sargnagel.


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