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Grünen-Politikerin im Landtag Markus Ganserer lebt jetzt als Frau - Zuspruch erntet sie auch von der AfD

Im November hatte die Grünen Politikerin Tessa Ganserer ihr erstes Coming Out. Damals outete sie sich als Transsexuell. Heute ihr zweites Coming Out: Sie werde nun auch in der Politik als Frau aktiv sein. Vor diesem Schritt hatte sie Angst, auch wegen der AfD.

Von: Sammy Khamis

Stand: 14.01.2019

Landtagsabgeordnete Tessa Ganserer | Bild: Bayerischer Rundfunk 2019

Der erste öffentliche Auftritt von Tessa Ganserer als Frau und als Politikerin musste kurzfristig in einen anderen Raum verlegt werden – der Andrang war zu groß. Rund 50 Menschen, darunter einige Trans*Aktivistinnen waren dazu in den Landtag gekommen. Pünktlich tritt Tessa Ganserer vor die Presse und beginnt mit einem ungewöhnlichen Satz. Ihr wäre es lieber, so die Grünen Politikerin, "wenn sie heute nicht hier wären." Denn die Aufregung um ihre Geschlechtsidentität hätte diesen Nachrichtenwert gar nicht verdient, so die 41-Jährige.

Ohne Halbglatze – aber mit politischer Message

Markus Ganserer als Mann

Die Stimme, mit der Tesssa Ganserer vor die Öffentlichkeit tritt ist die selbe, wie bei ihrem ersten Coming Out im November. Ihr Auftreten aber hat sich geändert. Ganserer trägt pinke Jeans, graue Jacke, ist geschminkt. Lange, dunkle Locken rahmen ihr Gesicht. Sie trägt keine Brille mehr, keine Bartstoppel, keine Halbglatze, wie noch vor wenigen Wochen.

Damals, Ende 2018, hatte sie ihr erstes Coming Out. Erklärte in der „Süddeutschen Zeitung“, dass sie transident, also transsexuell sei. Dass sie diese, ihre weibliche Seite seit rund zehn Jahren kennt und lange Zeit unterdrückt hat. Nur heimlich sei sie in ihrer Heimatstadt Nürnberg in Frauenkleidern durch die Stadt gelaufen – schon damals nannte sie sich Tessa.

Heute sei sie die "wahrscheinlich erste Politikerin, die ihre Transition in der laufenden Legislaturperiode lebt." Denn Ganserer ist nicht die einzige Politikerin, die sich als transsexuell bezeichnet – ein weiterer Abgeordneter im Berliner Senat hat sich im Frühjahr 2018 als transsexuell geoutet. Und der kommt von der AfD.

Die AfD übt sich in Toleranz

Deshalb kommt der Sprecher der AfD-Fraktion im bayerischen Landtag, Markus Plenk, auch zu der Überzeugung, dass die "AfD bunter ist", als man ihr eigentlich zutraut. Im Parlament habe Tessa Ganserer keine Angriffe zu befürchten. Man habe nichts gegen ihre persönlichen Entscheidungen, sagt auch Markus Bayerbach, ebenfalls AfD-Abgeordneter und mit Tessa Ganserer im parlamentarischen Ausschuss zu Fragen des öffentlichen Dienstes. Hinzu komme, so die AfD, dass man im bayerischen Landesverband ebenfalls eine transsexuelle Person habe, die im Landtagswahlkampf im Raum München angetreten ist: Misha Rosalie Bößenecker.

Misha Rosalie Bößenecker von der AfD im Zündfunk Interview

Im Zündfunk-Interview spricht sie zum ersten Mal über ihre Geschichte. Darüber, dass sie schon mit zehn Jahren gemerkt habe, dass sie anders sei, als die anderen Jungs. Bößenecker, heute 51 Jahre alt, hat sich vor 15 Jahren entschieden als Frau zu leben. 2016 ist sie in die AfD eingetreten und hat "diesen Schritt nie bereut". Als Tran*Person möchte sie dennoch nicht angesprochen werden. Sie sei eine Frau. Punkt. "Man hat hier verschiedene 53 wählbare Geschlechter. Das ist ein Zustand, der der Gesellschaft insgesamt nicht guttut", so Bößenecker, die es bei der letzten Wahl nicht in den Landtag geschafft hat.

Sie respektiere Ganserers Entscheidung, auch wenn sie überzeugt ist, dass "der Kern einer funktionierenden Gesellschaft eine Familie aus Vater, Mutter und Kind" sei. Spricht man mit ihr über Ganserers Angst vor der AfD im Landtag, dann sagt sie nur: "Ich habe persönlich überhaupt keine negativen Erfahrungen mit der Alternative für Deutschland gemacht."

Gibt es einen "Hype" um Ganserer?

Zwar spricht die AfD von einem ungerechtfertigten Hype um Ganserer, sehe aber keine Gefahr, dass transidente Politikerinnen und Politiker eine negative Auswirkung auf Kinder haben. Für den AfD-Abgeordneten Bayerbach ein entscheidender Punkt, denn ihm und seiner Partei sei das Thema Frühsexualisierung wichtig.

Tessa Ganserer wiederum will sich nicht weiter mit der AfD beschäftigen. Sie hat ganz andere Ziele. Die Partei hat sie zur queer-politischen Sprecherin gewählt. "Bayern", sagt Ganserer am Montag in der Pressekonferenz, "ist vielfältiger, ist bunter, als das Papier auf den die aktuelle Staatsregierung ihren Koalitionsvertrag geschrieben hat." Und sie kritisiert die aktuelle Regierung von CSU und Freien Wählern dafür, dass der Freistaat das "einzige Bundesland ohne Aktionsplan gegen Trans*- und Homophobie ist." Diese Aktionspläne beinhalten staatliche Programme, um die Akzeptanz von queeren Menschen zu erhöhen, aber auch um Opfern von Trans*- und homofeindlichen Übergriffen zu unterstützen. Das fehle in Bayern komplett, sagte Ganserer, die diesen Aktionsplan heute in der Pressekonferenz einforderte. Und wenn sie als Person und als queerpolitische Sprecherin darauf einwirken könne, dann umso besser.


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