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#failoftheweek Telegram hilft der Radikalisierung – aber eine Abschaltung wäre trotzdem falsch

Telegram ist ein Radikalisierungserhitzer. Erstmal gut, dass die Politik sich mit der Frage beschäftigt, was man tun kann. Bundesinnenministerin Nancy Faeser bringt als letzte Möglichkeit auch eine Abschaltung von Telegram ins Gespräch – und geht damit dann doch ein wenig zu weit, kommentiert Christian Schiffer.

Von: Christian Schiffer

Stand: 14.01.2022

Attila Hildmann, Kochbuchautor und Anti-Corona-Aktivist, hat viele nicht eingetretene Prophezeiungen in die Welt gesetzt | Bild: Christophe Gateau/dpa

Nehmen wir nur mal den Herrn Feldwebel, der in einem Video Politiker und Politikerinnen gedroht hatte. In dem Clip sprach der Soldat davon, Hochverrätern den Prozess machen zu wollen und phantasierte davon, dass man „Leichen über Felder verstreuen“ werde. Dieses Video verbreitete sich zunächst auf Telegram. Natürlich auf Telegram, wo denn auch sonst? Telegram, oder genauer: Teile von Telegram sind längst zu einem Radikalisierungserhitzer mutiert. Die Plattform ist weitgehend unmoderiert und so dürfen sich hier rechtsextreme Fernsehköche austoben, wirre Schlagersänger und auch Leute, die ganz konkrete Mordpläne gegen Politiker diskutieren, wie das ZDF-Magazin Frontal recherchiert hat.

Erstmal gut, dass die Politik sich damit beschäftigt

Kurz gesagt: Ja, Telegram ist ein echtes Problem und ein Teil des Problems hat auch damit zu tun, dass Telegram eben nicht nur ein Messenger ist, sondern man dort „Kanälen“ folgen kann, über die dann Verschwörungsprediger ihren hochraffinierten Bullshit an zigtausende Leute verteilen können. Jeder, der einen Telegram-Account hat, kennt wohl das Gefühl, wenn die App einen darüber informiert, dass nun auch Peter aus der Schafkopfrunde oder Martha aus dem Eventmanagement bei Telegram ist. Man denkt dann schnell: Oh Gott, hoffentlich haben die sich Telegram nur installiert, weil WhatsApp Daten an Facebook weitergibt und nicht, um sich jetzt Corona-News von Attila Hildmann abzuholen.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser im Bundestag.

Es ist deswegen erstmal gut, dass die Politik sich mit der Frage beschäftigt, was man tun kann, um den Radikalisierungserhitzer Telegram etwas abzukühlen. Die Bundesinnenministerin Nancy Faeser bringt allerdings als letzte Möglichkeit auch eine Abschaltung von Telegram ins Gespräch – und geht damit dann doch ein wenig zu weit.

Extremismus wird durchs Abschalten nicht verschwinden

Niemand weiß, wie genau das gehen soll, Telegram einfach mal auszuknipsen. Telegram ist eben ein Radikalisierungserhitzer im Internet und kein Wasserkocher auf der analogen Küchentheke, wo man nur auf „Aus“ drücken muss. Und natürlich wird durch ein Abschalten der Extremismus nicht verschwinden, er wird auf andere Plattformen ausweichen, die es teilweise heute schon gibt. Und dann stellt sich die Frage, ob man ausgerechnet in einer Demokratie das machen sollte, was nicht einmal Putin geschafft hat, denn in Belarus und Russland wird Telegram von der dortigen Opposition genutzt. Bislang werden in dem Wikipedia-Artikel zum Themenkomplex „Government censorship of Telegram Messenger“ Länder wie Cuba, Aserbaidschan, Iran und China aufgeführt - und da will man sich wirklich mit einreihen?

Die Forderung Telegram abzuschalten, zeugt von Hilflosigkeit, wobei zur Wahrheit auch gehört, dass die Alternativen von fast ebenso großer Hilflosigkeit zeugen. Klar, die Polizei muss mehr qualifiziertes Personal bekommen, um mit spezialisierten Teams verdeckt in Telegram ermitteln zu können. Klar, man könnte vegane Fernsehköche auch einfach mal festnehmen, anstatt sie in die Türkei ausbüchsen zu lassen. Und klar, man kann auch darauf hinweisen, dass die großen Plattformen wie Facebook, YouTube und Twitter ein viel größeres Problem darstellen, wenn es um Radikalisierung geht.

Am Ende hat man aber wohl trotzdem nur die Wahl zwischen zwei Übeln. Telegram abzuschalten, wäre das größere.