Bayern 2 - Zündfunk


9

Neues Buch "Argumentepanzer" Ted Gaier: "Immer dieses Punk, das kann man auch mal ablegen."

Ted Gaier, Musiker der Band "Die Goldenen Zitronen" hat jetzt auch ein Buch geschrieben. In "Argumentepanzer" setzt er sich mit Politik und Kunst auseinander: von strukturellem Rassismus bis hin zu Bob Dylan.

Von: Alexandra Martini

Stand: 16.09.2020

Der Musiker und Autor Ted Gaier auf der Bühne. | Bild: picture alliance / POP-EYE

Ted Gaier war schon immer politisch aktiv und eine der kritischsten Stimmen im Popbetrieb. Seine Gedanken hat er jetzt in einem Buch versammelt. Es trägt den Titel "Argumentepanzer". Bei seinen Lesungen legt er Platten auf.

Zündfunk: Was für eine Art Buch ist es, das du da geschrieben hast?

Ted Gaier: Es ist eine Textsammlung von Essays und Reportagen, würde ich sagen, und was das verbindet, ist natürlich meine Art, darüber zu schreiben. Ich glaube, da ist schon so ein roter Faden. Also ich habe dafür gar keine Genre-Bezeichnung. Ich habe mir solche Gedanken eigentlich nie gemacht. Bin ich jetzt Bassist, oder bin ich Gitarrist oder Musikproduzent? Jetzt bin ich halt irgendwie so zum Autor geworden.

Aber du sagst, das Verbindende ist, wie du schreibst. Was ist denn deine Haltung, die sich da durch das Buch zieht?

Das ist eine Sammlung von Einzelartikeln, die in 20 Jahren entstanden sind, wo man natürlich nicht über ein Gesamtkonzept nachdenkt, aber beim hinterher lesen und redigieren, konnte ich Muster ausmachen. Die Themen, die mich interessieren, sind Themen, in denen ich auch involviert bin: als Akteur, also als teilnehmender Beobachter. Die Artikel handeln von Protestkultur und politischer Intervention: Wie es möglich ist, links zu sein, ohne blöd und langweilig zu sein.

Links sein, ohne blöd zu sein. Wie kann man das schaffen? Ihr steht für eine Gegenöffentlichkeit im Geiste des Punks. Heute haben andere selbsternannte Systemgegner größere Sprengkraft. Die selbsternannten Corona-Rebellen und ihr seit mittlerweile Teil einer etablierten Kulturszene. Was ist denn übrig geblieben vom Geiste des Punk? Und wie sieht eure Systemkritik heute aus?

Wenn ich auf mein Rentenbescheid kucke, fühle ich mich gar nicht so, als ob ich irgendwo angekommen wäre. Das kann ich nicht bestätigen. Das ist so ungefähr auf Hartz IV Niveau. Und wie das aussieht, naja, diese Intervalle von Protestkulturen, die dann auch eben mediale Aufmerksamkeit kriegen und dann wieder verschwinden interessieren mich gar nicht so.

Also glaubst du denn, die verschwinden wieder?

Ich war auf dieser Demo in Berlin vor zwei Wochen. Also, ich habe da mit einer Theatergruppe performt gegen die. Und wir waren dann auch in der Menge und das ist so ein durchgeknallter Schwachsinn. Ich habe beschlossen, dass jetzt nicht mehr weiter zu verfolgen. Es war interessant zu sehen. Da sind ja dann auch wieder so Sachen aufgetaucht, wie Zeichen aus der Friedensbewegung. Also mein Hippie-Hass, der lebt da weiter.  Die Leute, die vielleicht in den achtziger Jahren gegen die Pershing-Raketen demonstriert haben -  Der gleiche Gestus demonstriert er gerade für Weltfrieden und gegen den kommenden Faschismus von Angela Merkel zusammen mit Reichsbürgern und der alten Kolonialfahne. Ich weiß nicht, ob es das wert ist, dass man sich so viele Gedanken darübermacht.

Und was ist von eurer Systemkritik übrig?

Also ich betrachte so eine Platte eigentlich immer als eine zeitgenössische Plattform, wo man bestehende Zustände reflektiert und sich selber da drin verortet. Oder auch vielleicht bestimmte Positionen stärkt.  Zum Beispiel auf der letzten Zitronenplatte gab es diesen Song „Es nervt.“ Da ist eine Perspektive von meiner Mitbewohnerin LaToya Manly-Spain, wie sich das anfühlt als Schwarze Person in linken Zirkeln. Unter Leuten, die einen sehr klaren Begriff davon haben, dass sie antirassistisch sind. Und natürlich trotzdem „white supremacy“ ausagieren, ohne es zu wissen. Und da bin ich durch verschiedene Projekte und Involviertheiten mit Leuten aus Afrika gerade dabei, an dem Bewusstsein zu arbeiten. Da passiert ja auch gerade viel. Es fehlt nur noch, das der Innenminister vielleicht mal einen „critical whiteness“-Kurs macht, um zu erkennen, dass man nicht Rassist sein muss, um sich rassistisch zu benehmen.  Also, das kommt mir total altmodisch vor, wenn Seehofer sagt, es gäbe kein Racial Profiling entgegen der Erfahrung aller Leute of Colour.

Also vom Punk zum Buchautor?

Ist das überhaupt ein Widerspruch, Punk und Buchautor? Und immer dieses Punk, das kann man auch mal ablegen. Diese ganzen Begriffe.


9