Bayern 2 - Zündfunk


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T.C. Boyle im Interview "Amerika bewegt sich gefährlich in Richtung Diktatur"

Die Waldbrände in Kalifornien sind verheerend. Klimawandel und Naturkatstrophen sind auch immer wieder Thema bei T.C. Boyle, der nördlich von Los Angeles lebt. Er hofft auch eine Wahlniederlage Trumps, auf dass Umwelt und Gesellschaft heilen können, wie er es ausdrückt. Ein Telefonat.

Von: Michael Bartle

Stand: 24.09.2020

T.C. Boyle zählt mit Romanen wie "Wassermusik", "Drop City" und "América" zu den bekanntesten Schriftstellern der USA. Der 71-Jährige lebt in Montecito in der Nähe von Santa Barbara, Kalifornien. Michael Bartle hat mit ihm über die Brände, den Klimawandel und Trump gesprochen.

Zündfunk: Wie geht es Dir? Bist Du von den Bränden betroffen?

T.C. Boyle: „Danke, uns geht’s gut, wir sind in Sicherheit. Du weißt ja, dass die Brände im Jahr 2018 unsere Gegend hier in Montecito noch viel heftiger getroffen haben. Die Feuer haben die Wälder zerstört, Schlammlawinen ausgelöst. 23 meiner Nachbarn sind dabei gestorben, nur einen Block entfernt von unserem Haus. Grauenvoll! Dieses Mal könnten wir Glück haben. Die furchtbaren Feuer vor zwei Jahren haben die Brandlast erheblich reduziert. Im Moment sind die Brände nördlich und südlich von uns, vielleicht bleiben wir verschont.

Ich wusste schon, dass Dich der Brand 2018 schon schwer getroffen hat, Du hattest Angst um dein 110 Jahre altes Haus, hast um Deine Nachbarn getrauert. Klimawandel und Naturkatstrophen sind schon immer ein Teil deines Schreibens. Sogar im „Tortilla Curtain“ löst das mexikanische Paar unabsichtlich einen verheerenden Brand aus…

Ja, ja ich weiß – ich sollte besser über fröhliche Menschen schreiben und über großes Glück.

Fühlt es sich komisch an, wenn die Realität sogar noch schlimmer daherkommt als die Fiktion?

Seit Mitte August stehen in Kalifornien riesige Flächen Wald in Flammen

Hm, mein Buch „Ein Freund der Erde“ kam im Jahr 2000 raus. Da schon hat eine Pandemie eine große Rolle gespielt, ich hab sie “Mucosa“ genannt, die Menschen mussten Masken tragen. Ich schreibe darin auch über die Erderwärmung, über große Feuer und Fluten. Ich hab die Handlung ins Jahr 2026 verlegt. Leider hat uns die Realität überholt und die Katastrophen sind viel früher eingetroffen, als ich mir das jemals hätte vorstellen können. Ich frage mich gerade, ob wir uns nicht jetzt viel dringender darüber klar werden sollten, was in 20 Jahren über uns hereinbrechen wird.

Ich hab mich in letzter Zeit viel mit Insekten beschäftigt, ihr Deutschen forscht da viel dazu und habt rausgefunden, dass es da ein dramatisches Artensterben gibt. Ein Rückgang um 80 Prozent! Wo führt uns das bitte hin? Wie sollen wir ohne Insekten leben? Was macht das mit den Nahrungsketten? Was haben wir diesem Planeten nur angetan, es macht einem große Angst!

Es hat sich also nicht viel verändert an Prävention, seitdem Du das Buch geschrieben hast im Jahr 2000 und den Bränden 2018?

Im Gegenteil, es wurde immer schlimmer! Erst hatten wir Bush, der hat aktiv und absichtlich alle Warnungen seiner Wissenschaftler über die drohende Erderwärmung in den Wind geschlagen. Weil das unangenehm geworden wäre für die mächtige Ölindustrie. Und jetzt haben wir Trump, der leugnet, dass es den Klimawandel überhaupt gibt. Weil er um seine Wiederwahl fürchtet. Alles spitzt sich zu, nicht nur die Umweltzerstörung – auch in der Politik wird alles schlimmer.

Vor zwei Wochen hat Trump ja Kalifornien besucht, um sich die Schäden anzusehen. War das hilfreich? Immerhin hat er Euch ja versprochen, dass „es bald kälter werden wird“... Und überhaupt: Wie ist es für Dich als Schriftsteller, einen Präsidenten zu haben, der so gut „Fiction“ kann?

Jaja, ich weiß. Aber das Beste, was er für uns tun könnte, wäre die Wahl zu verlieren. Um danach wieder in das große Loch namens  „Reality TV“ zu verschwinden, aus dem er ursprünglich über uns kam. Wir brauchen jetzt dringend eine richtige Führungspersönlichkeit. Und dafür ist er komplett ungeeignet. Ich glaube, das werden sogar seine größten Fans einsehen.

Lass uns noch ein bisschen weiter über Amerika reden. Wenn man Euch von hier aus zuschaut, dann hat man das starke Gefühl, dass sich alles zuspitzt, dass ein Bürgerkrieg keine pure Fiktion mehr ist. Auf der einen Seite schwer bewaffnete Trump-Fans, die durch die Städte patrouillieren. Auf der anderen Seite Schwarze und Liberale, die sich wehren und die ihrerseits aufrüsten. Wie kann man dieses Land wieder vereinen, wenn keine der beiden Seiten ein strategisches Interesse daran zu haben scheint?

Trump soll zurück ins Reality TV, wünscht sich T.C. Boyle

Hm, ich sehe da wirklich keinen Weg. Wir können nur hoffen, dass Trump nach den Wahlen aus seinem Amt gejagt wird und wir dann unter einem neuen Präsidenten unsere Wunden heilen können. Als Trump damals gewählt wurde, wurde ich am Tag danach von den europäischen Medien nach meiner Einschätzung gefragt: Meine Antwort: Das Problem bin ich! Ich werde keinen Millimeter von meinen Überzeugungen abweichen. Ich glaube nämlich fest an Umweltschutz, an Frauenrechte, an das Recht, abzutreiben. Ich glaube an das Wesen der Demokratie. Und an was bitte glaubt die andere Seite? Ihr Ziel ist es nur, die Menschen, deren Geld sie in Amt und Würden gebracht hat, noch ein bisschen reicher zu machen! Wie soll ich mit solchen Leuten einen gemeinsamen Nenner finden, einen Konsens?

Als wir uns vor über einen Jahr das letzte Mal gesehen haben hier in München, da erzähltest Du uns, dass du Freunde hast, die Trump gewählt haben. Damals sagtest Du, konntet ihr noch über Politik diskutieren – geht das immer noch?

Ich hab es aufgegeben – hier oben in den Bergen ist es sehr ländlich, viele wählen Trump, ich habe viele enge Freunde dort, die ich wirklich liebe. Aber wir reden nicht mehr über Politik. Das ist unmöglich geworden. Aber die Frage ist so wichtig: Werden wir jemals wieder diesen Bruch in unserer Gesellschaft kitten können? Ich hoffe es! Ich hoffe, dass Politiker wie Mitch McConnell, der Mehrheitsführer der Republikaner im Senat – er ist ein absoluter Nihilist, dem nichts wichtig ist, außer seine eigene Macht abzusichern – ich hoffe, Leute wie er erinnern sich, dass sie einen Schwur abgelegt haben. Einen Schwur auf die amerikanische Verfassung, einen Schwur auf unsere Demokratie. Und nicht einen Schwur auf Trump Enterprises. Wir bewegen uns gefährlich in Richtung Diktatur. Und ich hoffe, dass wir uns wieder berappeln, obwohl das alle Verbündete Trumps - inklusive Putin - verhindern wollen. Ich hoffe, dass wir als Nation wiederauferstehen werden und ihn besiegen – und all die, die ihn im Amt gehalten haben. Hoffen wir das Beste. Hoffen wir, dass wir die Schäden wieder reparieren können, nicht nur die Schäden, die er unserer Natur angetan hat, sondern auch die Schäden an der Verfassung, und die Schäden am brüderlichen schwesterlichen Miteinander aller Amerikaner.


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