Bayern 2 - Zündfunk


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Interview mit T.C. Boyle "Das weiße Amerika lebt in der Angst, die Kontrolle zu verlieren"

Nach der US-Wahl atmet das liberale Amerika auf – und schaut erwartungsvoll auf Joe Biden und Kamala Harris. Wir erreichen den Schriftsteller T.C. Boyle in Santa Barbara und fragen, ob die amerikanische Demokratie den Stresstest bestanden hat.

Von: Michael Bartle

Stand: 09.11.2020

Zündfunk: Die letzten Tage und Wochen waren ein Stress-Test für die amerikanische Demokratie. Hat sie standgehalten?

T.C. Boyle: Ich würde sagen, wir sind gerade nochmal davongekommen. Und es wurde ein fast schon wundersamer, aber absolut notwendiger Sieg für unsere Demokratie. Trump hat immer noch sehr viele Anhänger, unglaublich eigentlich nach diesen vier desaströsen Jahren, dass er um ein Haar diese Wahl gewonnen hätte.

Wie schwer wird es sein, dieses Land wieder zu vereinen – wenn Trump noch so viele Hardcore-Fans hat?

Es wird extrem schwer. Vor allem, wenn der Senat noch von den extrem konservativen Republikanern beherrscht wird – unter der Führung von Mitch McConnell. Aber es wird sich ändern, wenn wir Trump aus dem Amt gejagt haben. Er ist das Gift, das unsere Gesellschaft gespalten hat. Sie werden sehen, sobald er weg ist, werden die Menschen wieder normaler miteinander umgehen. Ich bin mir ganz sicher, unsere Wunden werden heilen.

Kamala Harris spricht vor allem über Frauen und Empowerment. Sie sei die erste Vice-President, aber garantiert nicht die letzte – haben sie da noch mehr rausgelesen?

Das weiße Amerika lebt in der Angst, die Kontrolle zu verlieren. Der Aufstieg von Kamala Harris zeigt, was in America möglich ist. In meiner Familie bin ich der erste, der es aufs College schaffte. Meine Familie kommt aus der Arbeiterklasse. Jetzt ist es absolut an der Zeit, dass Menschen aller Hautfarben diese Chance bekommen. Das ist zentral für unsere Identität. Und wir werden noch viele weitere Frauen und Women Of Colour in hohen Ämtern sehen. Trump hatte damals gegen Hillary Clinton kandidiert, die erste Frau, die jemals für das Weiße Haus kandidiert hat. Noch dazu eine, die viel qualifizierter war als er. Und die Mehrheit der Amerikaner war dafür noch nicht bereit vor vier Jahren – für eine Frau als Präsidentin. Aber jetzt habe ich Hoffnung für die Zukunft.

Biden will die soziale Ungleichheit bekämpfen, aber er hat alles vermieden, was zu sehr nach dem linken Flügel der Partei riecht – nach Sozialismus. Ist das sein Zugeständnis an die Trump-Wähler? Und warum sind Ihre Landsleute so negativ fixiert auf Sozialismus?

Ich würde sagen, wir sind in weiten Teilen ein sozialdemokratisches Land. Und jetzt mit Covid-19 muss der rechte Flügel unbedingt einsehen, dass wir eine gesetzliche Gesundheitsvorsorge brauchen. Denn wenn der Schwächste von uns, wenn der Letzte krank geworden ist, dann sind wir alle infiziert. Aber wir werden so nicht enden.

Als erstes muss die Biden/Harris Administration die Pandemie in den Griff kriegen. Wie macht man das in einem Land, in dem die Corona-Verharmloser schwer bewaffnet sind?

Ich lege all die Toten zu Füßen von Donald Trump, er hat sie zu verantworten. Er tat anfangs so, als sei diese Pandemie eine persönliche Beleidigung für ihn, die ihm die Chancen auf die Wiederwahl verdirbt. Die Pandemie hat ein ganz schlechtes Licht auf ihn geworfen und er hat einfach versucht, sie zu ignorieren. Aber bald werden die Menschen verstehen, dass man auf die Wissenschaftler hören muss. Nur so können wir die Pandemie eindämmen.

Biden wird genau diesen Schwerpunkt setzen: Damit sich unsere Wirtschaft erholen kann, müssen wir diese Pandemie in den Griff bekommen. Trotzdem wird es auch weiterhin noch genug verrückte Waffen-Narren da draußen geben. Und sie werden sagen, dass sie sich nichts vorschreiben lassen – keine Regierung wird sie dazu zwingen können, eine Maske zu tragen. Aber wir anderen werden die Maske tragen, irgendwann wird es einen Impfstoff geben – und dann wird der ganze Spuk vorbei sein. 


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