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Neu im Kino: "Symphony Of Now" Autsch! Das passiert, wenn ein Autohersteller ein Remake eines Kinoklassikers über Berlin finanziert

Der Dokumentarfilm „Berlin - Sinfonie einer Großstadt“ ist legendär. Immer wieder gab es Remakes. Das neueste heißt „Symphony Of Now“ und wurde von Audi co-finanziert. Da ist das Scheitern vorprogrammiert.

Von: Roderich Fabian

Stand: 18.07.2018

Symphony Of Now, Filmstill | Bild: NFP Distribution

Die „Symphony Of Now“ ist nicht nur von der Länge her eine Annäherung an den Klassiker von Walter Ruttmann. Am Anfang des neuen Films wird das Vorbild direkt zitiert. Wir sehen nämlich den identischen Beginn: Ein Zug bewegt sich vom Umland aus auf Berlin zu und fährt schließlich in den Anhalter Bahnhof ein. Erst dann wird der Film farbig. Wir fahren mit der Kamera ins Berlin des Jahres 2017 hinein.

Wie das Original ist auch dieser Film in fünf Akte aufgeteilt. Es gibt keinen Originalton, sondern nur Musik. Fünf Elektro-Projekte - von Altmeister Hans Joachim Roedelius über Gudrun Gut und Thomas Fehlmann bis zum Berliner Aushängeschild Modeselektor – haben die Gestaltung der einzelnen Akte übernommen. Alle fünf Tracks fließen in einem Technomix ineinander. Die Musik ist hier der wesentliche Taktgeber, der Film ist oft auf die Beats geschnitten. Entsprechend erleben wir einen Overkill an Bildern.

Hänger, Skater und Hipster

"You're fucking free" in Berlin...

Akt eins zeigt uns Berlin an einem Sommertag. Wir sehen die schönen Seiten der Stadt, das Spree-Athen: Die gentrifizierte Hipness von Mitte und dem Prenzlauer Berg, mittendrin: Hänger und Skater, Flaneure und Hipster, ein paar Demonstranten, die ihren Kiez verteidigen wollen, aber auch Straßenfeste in Friedrichshain, voll mit Leuten, die scheinbar unbegrenzte Freiheit genießen. Schon hier wirkt der Film wie eine toll gemachte Fremdenverkehrswerbung.

Akt zwei führt uns dann direkt in die Symphonie des Nachtlebens. Wir sehen aber erstmal leere Clubs, Restaurants, Bars, Theater und Arenen, die alle bestens ausgeleuchtet auf Kundschaft warten. Und als Münchner, Nürnberger oder Regensburger muss man einfach denken: „Wie geil ist das denn, welche ungeahnten Ausgehmöglichkeiten bietet Berlin! Warum bin ich Penner eigentlich nicht dort?“

Berlin pumpt

Filmplakat 2018

Mit Akt drei geht’s dann richtig los. Die Leute strömen in die vorher gezeigten Locations. Alles brummt nun: Die Gastronomie - von edel bis Dönerbude - zeigt sich dem Ansturm gewachsen. Die Bands spielen, die Schauspieler und Performer geben ihr Bestes. Berlin pumpt. Wir sehen Einheimische und Touristen, die das Nachtleben in vollen Zügen genießen. Der pure Spaß. Ob abgerockte Indiebühne oder laserbeleuchter Futuristen-Sushi-Laden - jeder feiert, je nach Geschmack und Geldbeutel - die Stadt als einzige Partyzone – und zuerst Gudrun Gut und - je später der Abend - Modeselektor machen die Musik dazu.

Der Mega-Rave um fünf Uhr morgens bildet dann den Höhepunkt des Films. Alles tanzt, alle sind jung und schön und total entspannt oder wahlweise: entrückt. In Berlin gibt es keine Probleme, sagt uns der Film nun. Wer welche hat, ist selber schuld. Afterhour, noch 'ne schnelle Currywurst, gerne auch vegan, mit der U-Bahn zur nächsten Location, die besten DJs überall. Nur das Berghain bleibt außen vor, dort darf man bekanntlich nicht fotografieren. Die Leute scheinen sich zum Soundtrack des Films zu bewegen... das Leben ist schön... alles wird gut... Allein vom Zuschauen sind wir schon Hackeschehöfe-dicht...

Kein Marzahn, kein Regierungsviertel, keine Schlangen vor dem Sozialamt

Der fünfte Akt ist kurz. Der Morgen dämmert, da und dort geht der Rave trotzdem weiter, die Drag Queen gönnt sich eine Zigarette auf dem Balkon - es ist eigentlich nur eine kurze Verschnaufpause, bis die nächste Party losgeht.

Filmplakat 1927

Das alles ist toll geschnitten und gebaut, hat allerdings nichts mit dem Ansatz von Walter Ruttmannn zu tun. Der zeigte 1927 Berliner Alltag, Arbeit, Verkehr, Mühe und Hektik. Wenn's nach dieser „Symphony Of Now“ geht, gibt’s das alles in Berlin nicht mehr. Hier gibt’s kein Marzahn und kein Regierungsviertel, keine Müllabfuhr und keine Schlangen vor dem Sozialamt. War angeblich auch nicht der Anspruch der Filmemacher und deren Auftraggeber. Denn die Sinfonie der Dauerparty ist ein Förderprojekt des Autoherstellers Audi. Und Autohersteller sind ja zuweilen nicht an wahren Werten, sondern an Manipulation interessiert.

In einer früheren Version des Textes hieß es, "Symphony Of Now" sei von Audi finanziert. Der Autohersteller ist jedoch lediglich Co-Produzent, habe aber keinen Einfluss auf den Inhalt gehabt, so die Produktionsfirma Endorphine Production.


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