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"Swirling" Mit 96 Jahren treibt Marshall Allen das Sun Ra Arkestra immer noch in unendliche Weiten

Auch ohne Bandleader Sun Ra lebt das Sun Ra Arkestra weiter. „Swirling“ entstand unter der Leitung des 96-jährigen Saxophonisten Marshall Allen und mir einer ganz neue Generation an Jazz-Musiker*innen. Oft mantrahaft-geheimnisvoll oder selbstbewusst-soulful, scheint die Musik 2020 nichts von ihrer Strahlkraft verloren zu haben.

Von: Roderich Fabian

Stand: 02.11.2020

Künstler Marshall Allen von der Band Sun Ra. | Bild: Alexis Maryon

Es war 1993, als der Gründervater der Arche den Planeten verließ und zum Saturn zurückkehrte, von dem aus er dereinst die Erde bereist hat. In den gut fünfzig Jahren, in denen Sun Ra seit dem Zweiten Weltkrieg als Keyboarder bei auf der Erde wirkte, wurde er einerseits bewundert und gefeiert, andererseits aber als Scharlatan und Lügner bezeichnet. Sun Ra war ein Musiker, der - um mal wieder das alte Klischee zu verwenden - entweder geliebt oder gehasst wurde. Zu seinen Lebzeiten wurden er und sein Arkestra vor allem von Jazz-Puristen angefeindet, die ihm die Theatralik seiner manchmal ganz in goldener Alufolie auftretenden Band vorwarfen, ebenso wie seine verschrobenen Thesen, die anti-rassistische Theorie mit Astrologie und Science-Fiction vermischte. Auch die Annäherungen an die profane Pop-Kultur nahmen manche Jazz-Kenner dem Sun Ra Arkestra übel.

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Unmask The Batman | Bild: Sun - Topic (via YouTube)

Unmask The Batman

Ja, tatsächlich, ist auch das Batman-Theme auf „Swirling“ vertreten, also die Titelmusik der Fernsehserie, die die Figur aus den DC Comics erstmals zum Laufen brachte, eher als Witzfigur denn als Superhelden, aber immerhin. Das Sun Ra Arkestra nahm „Unmask the Batman“ erstmals 1974 auf, das Revival gab es wohl, weil die Big Band nach dem Abgang von Sun Ra nicht etwa aufgelöst, sondern fortgeführt wurde, unter der Leitung des Alt-Saxophonisten Marshall Allen, der seit 1958 mit Sun Ra zusammenspielte. Damals war Allen 32, wir rechnen kurz, ja, genau: Inzwischen ist er 96 Jahre alt und offenbar noch nicht bereit für die Reise zum Saturn. Er hat hier eben noch etwas zu erledigen, zum Beispiel muss er dieses Album kuratieren. Es heißt „Swirling“, also das Aufwirbeln, Herumwirbeln. Der Titeltrack ist das einzige neue Stück auf „Swirling“ und auch das einzige, das Marshall Allen geschrieben hat. Man hört hier dann auch keine Free-Jazz-Mantras, sondern den Sound, mit dem der Künstler aufgewachsen ist: Big Band Swing, in den 30ern und 40ern zur Perfektion getrieben durch Duke Ellington.

Der 96-Jährige Marshall Allen hat hier wohl noch etwas zu erledigen

Alle anderen Stücke hier stammen aus der Feder von Sun Ra und wurden von Marshall Allen aus sehr unterschiedlichen Perioden des Arkestras entlehnt und zu neuem Glanze aufpoliert. Ich weiß auch nicht warum, aber die Ideen des mythischen Afro-Astro-Futurismus erstrahlen in ihrer ganzen majestätischen Erfundenheit heute viel klarer als damals in den 70ern, als sie mit so vielen anderen Theorien konkurrieren mussten. Im neuen Jahrtausend haben ihn vor allem Frauen wie Erykah Badu oder Janelle Monae aus der Mottenkiste befreit und Stilelemente davon als gut-gestyltes Statement für ein neues afro-amerikanisches Selbstbewusstsein in ihren Videos eingesetzt. Beim Sun Ra Arkestra erledigt das vor allem die Stimme der großartigen Sängerin Tara Middleton.

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Swirling | Bild: Sun Ra - Topic (via YouTube)

Swirling

Tara Middleton ist die einzige Frau im 15köpfigem Orchester. Da könnte Bandleader Marshall Allen noch ein bisschen dran schrauben, aber das kann er ja beim nächsten Album nachholen. Ansonsten hat das Arkestra auf „Swirling“ alles richtg gemacht. Die Jazzkritiker von damals, die ihnen früher fehlende Ernsthaftigkeit vorgeworfen hatten, haben das Gebäude größtenteils schon verlassen. Die moderne Jazz-Szene von New York bis London aber dürfte höchst erfreut sein, dass eines der Vorbilder für den aktuellen Sound wieder da ist. Auch der Sun-Ra-Klassiker „Rocket Number 9“ findet sich hier in einer Neuaufnahme wieder. Rocket Number 9? So hieß doch die Begleitband von Neneh Cherry vor ein paar Jahren. Ja, Marshall Allen, hat schon ein Gespür für zeitlose Hipness. Wir erwarten das Nachfolge-Album so gegen 2024, wenn Corona bloß noch ein böser Alptraum sein wird und Marshall Allen 100 Jahre alt. 


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