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Sulli, Goo Hara und Cha In Ha Darum häufen sich Suizide im K-Pop

Drei junge, aufstrebende K-Pop-Stars sind in den letzten zwei Monaten gestorben. Bei zwei von ihnen ist man sich sicher: Es war Suizid. Wie kommt es zu dieser Häufung – und welche Schuld tragen Plattenfirmen und Gesellschaft daran? Ein Kommentar von Lisa-Sophie Scheurell

Von: Lisa-Sophie Scheurell

Stand: 05.12.2019

25.11.2019, Südkorea, Seoul: Blumen stehen vor einem Gedenkaltar für Goo Hara, Sängerin und K-Pop-Star, im Seoul St. Mary's Hospital. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen hat der Tod einer jungen südkoreanischen Sängerin die K-Pop-Szene erschüttert. Nach dem Tod der Sängerin Sulli im Oktober wurde am Sonntag die 28-jährige Goo Hara, die durch ihre Mitgliedschaft bei der Girlband Kara bekannt worden war, wurde am Sonntag von einer Haushälterin tot in ihrer Wohnung in Seoul aufgefunden. Foto: Chung Sung-Jun/Pool Getty Images/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Chung Sung-Jun

Lisa-Sophie Scheurell betreibt zusammen mit Parnian Chawarri den ersten deutschen K-Pop-Podcast „K-Pop Pardon?“. Darin geht es hauptsächlich um die Band BTS.

Am 3. Dezember wird der Schauspieler und Sänger Cha In Ha, Mitglied der Band Surprise U und Darsteller in „Love with Flaws“, tot in seinem Haus aufgefunden. Die Todesursache ist noch unklar. Er ist der dritte tote K-Pop-Star in zwei Monaten. Mitte Oktober beging Sulli von der Girlgroup f(x) Suizid. Sie wurde 25 Jahre alt. Einen Monat später fand man auch Sullis Freundin, die 28-jährige Sängerin Goo Hara. Die Tode werfen Fragen auf. Fragen nach dem Druck in der K-Pop-Industrie, nach Knebelverträgen und Hass-Kommentaren im Netz.

Hinter jedem K-Pop-Star steckt eine Firma, die sich um die Karriere ihrer Künstler*innen kümmert. Viele der abgeschlossenen Verträge seien unfair, sagen Kritiker, die Künstler werden jahrelang mit wenig Lohn und viel zu hohem Arbeitspensum gebunden. Das ist allerdings nicht bei allen Firmen der Fall. Viele K-Pop-Künstler unterzeichnen humane Verträge, mit gutem Lohn.

Zwölf Stunden Tanztraining – pro Tag

Eines ist allerdings bei allen gleich: Die Trainingszeiten sind exorbitant hoch. Zwölf Stunden Tanztraining und nur drei Stunden Schlaf sind keine Seltenheit. Touren über ein halbes Jahr mit Konzerten fast jeden Abend, Events, Interviews und andere Auftritte - völlig normal.

Hinzu kommen die Beauty-Standards der koreanischen Gesellschaft - das Aussehen hat in Korea einen sehr hohen Stellenwert: Reine Haut, die perfekte Nase und Figur. Dafür sind Schönheitsoperationen zur Normalität geworden. Besonders auf Frauen ist der Druck hoch: Sie sollen sexy, aber nicht zu vulgär sein und trotzdem unschuldig wirken.

Alles muss perfekt sein

Sulli bei einem Kosmetik-Event im Oktober 2018

All das übt natürlich Druck auf die Sänger*innen aus. Alles muss perfekt sein – die ganze Zeit. Dass manche K-Pop Stars unter Depressionen leiden, ist kein Wunder. Doch allein den Firmen die Schuld an den Suiziden der beiden Sängerinnen zu geben, wäre nicht richtig.

Bei Sulli wie bei Goo Hara gab es entscheidende Momente, die zu ihrem Entschluss sich das Leben zu nehmen, beigetragen haben könnten: Sulli wurde oft im Netz für ihren Kleidungsstil angegriffen. Wenn sie zum Beispiel mal ohne BH aus der Haustür ging, erntete sie einen Shitstorm. Anders als viele hat sie aber darüber gesprochen. Sie hat in Livestreams und Videos offen darüber geredet, wie schlecht es ihr geht und wie sehr der Hate ihr zu schaffen macht.

Spiegel der koreanischen Gesellschaft

Ein starker Move, das Problem war nur, dass es daraufhin noch viel schlimmer wurde. Sulli war Opfer von Cybermobbing der schlimmsten Sorte. Sie hat darüber gesprochen, doch niemand hat ihr geholfen. Ihre Firma stand nicht für sie ein, zumindest nicht in einer Art und Weise, dass es Sulli geholfen hätte. Doch diese Art von Hass gibt es nicht nur im K-Pop. Die K-Pop-Industrie spiegelt die koreanische Gesellschaft wieder, in der Themen wie mentale Gesundheit oder Frauenfeindlichkeit oft ignoriert werden.

Goo Hara war Mitglied der Girlgroup Kara (Screenshot des Videos "Step")

Der Tod von Goo Hara, Mitglied der Girl Group Kara, hat eine Debatte über Frauenfeindlichkeit in der koreanischen Gesellschaft ausgelöst: Ihr Ex-Freund Choi Jong-bum hat Hara mit einem heimlich aufgenommenen Sexvideo erpresst. Hara brachte die Sache vor Gericht, Choi wurde zu eineinhalb Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Diese, doch eher milde Strafe löste Empörung bei vielen koreanischen Frauen aus.

Tabuthemen: Depressionen und Frauenfeindlichkeit

Goo Hara wurde bereits im Mai 2019 wegen eines gescheiterten Selbstmordversuchs ins Krankenhaus eingeliefert. Man wusste also, dass die Sängerin suizidal ist und hier kommen wir zum eigentlichen Problem: Dass so viele Künstler*innen in der K-Pop-Branche sich das Leben nehmen, liegt bestimmt zu gewissen Teilen am Druck der Industrie und der ständigen Leistung, die sie abzuliefern haben. Doch was viel schlimmer ist: Die koreanische Gesellschaft verschließt die Augen, Depressionen und Frauenfeindlichkeit sind Tabuthemen über die in Korea viel zu wenig gesprochen und bei denen viel zu wenig Hilfe geleistet wird. Sowohl Sulli als auch Goo Hara haben öffentlich über ihren Zustand gesprochen, haben deutlich gemacht, wie schlecht es ihnen ging und bekamen dennoch keine Hilfe.

Diese Suizide sind kein K-Pop-Problem, sondern eines, das die gesamte koreanische Gesellschaft betrifft: Südkorea zählt zu den Ländern mit der höchsten Selbstmordrate und das wird sich auch so schnell nicht ändern, wenn Firmen (egal ob K-Pop oder nicht) sich nicht um ihre Angestellten kümmern.

Positives Beispiel: BTS

Die Mitglieder von BTS hatten offiziell Urlaub: einen Monat

BigHit Entertainment, die Firma hinter der erfolgreichsten K-Pop-Band BTS macht es anders: Die Mitglieder von BTS hatten dieses Jahr - als eine der wenigen K-Pop-Gruppen - über einen Monat offiziellen Urlaub. Sie sind verreist und konnten das “normale Leben junger Erwachsener” auskosten. Wie BigHit sollten auch viele andere Firmen in Korea denken. Gerade in der K-Pop-Branche, wo noch zusätzlicher Druck durch die Fans und den Erfolg auf den Künstler*innen liegt, sollte die mentale Gesundheit an erster Stelle stehen. Depressionen und mentale Gesundheit dürfen in keinem Land ein Tabuthema sein!



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