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Habibi Kiosk Sub-Bavaria war das Wiki der Bayerischen Subkultur - und wird jetzt wiederbelebt

Sub-Bavaria, das legendäre Wikipedia der Münchner Subkultur, schlummerte jahrelang im Internet und ist jetzt zurück. Im Habibi Kiosk in den Münchner Kammerspielen werden Platten, Flyer und Geschichten archiviert. Und es geht auch um die Frage: Wie kann ein Subkultur-Archiv in Zukunft funktionieren?

Von: Sophia Hubel

Stand: 23.09.2021

Sub City Munich | Bild: Sophia Hubel

Auf dem Gehweg der Maximilianstraße parken Cayennes, Touristen frühstücken Kaiserschmarrn. Und auf einem Fahrradanhänger – die einzige freie Litfaßsäule der Stadt. Eine Einladung an alle. Dahinter, im ehemaligen Kassenhäuschen der Münchner Kammerspiele ist ein ungewöhnliches Büro entstanden: Für zwei Woche residiert hier "Sub-Bavaria".

Ein großer Schreibtisch mit Drucker und Scanner, eine Kaffeeecke mit alten Vintage-Sesseln, Musik vom Plattenspieler – ein paar bayerische Accessoires: Brezeln baumeln von der Decke, Servietten in blau-weiß. Fast könnte man meinen, man wäre in einem hippen, bayerischen Co-Working Space gelandet – wären da nicht Zitate an der Wand: "Für immer Punk".

Lok, Backstage, Atlantis und die Galerie Kullukcu

Und hätte hier nicht der Noise-Künstler Anton Kaun aka Rumpeln gerade seine Flyer-Sammlung ausgepackt: "Das ist ein ganz alter Flyer von der Lok. Das war so ein geiler kaputter Bau. Da waren viele Techno Partys und Industrial-Sachen. Ein wüster Veranstaltungsort. Da konnten wir richtig laut sein - die Bullen haben‘s nicht gefunden." Wenn der 47-Jährige erzählt, werden Subkultur-Orte, die es längst nicht mehr gibt, wieder lebendig.

Aber was genau ist eigentlich Sub-Bavaria?

Sub-Bavaria ist das Wiki-Lexikon der Bayerischen Subkultur. Patrick Gruban, Ania Mauruschat und Julian Doepp haben es 2005 gestartet. Die Idee dahinter war: "Es gibt vieles in München, was gerade passiert oder passiert ist, was unterm Radar verschwindet. Was auch manchmal bewusst nicht in die Öffentlichkeit geht, weil es sonst zu groß werden würde, weil es vielleicht nicht 100 Prozent legal ist. Und diese Sachen gehen oft verloren, wenn die Protagonisten aus München verschwinden", erklärt Patrick Gruban.

What is the City?

Was also passiert jetzt konkret mit Anton Kauns Erinnerungen aus dem Nachtleben? Über zehn Jahre schlummerten die Geschichten von Münchens Subkultur irgendwo im Internet. Im Rahmen der Reihe "What is the City" im Habibi Kiosk lebt das früher sehr beliebte Wikipedia des bayerischen Undergrounds nun wieder auf. Emanuel Mooner, Gabi Blum, Matthias Stadler und Patrick Gruban sind für zwei Wochen Vollzeit-Archivare, Sub City München nennen sie ihr Projekt. Bis zum zweiten Oktober sitzen sie im Habibi Kiosk und empfangen Gäste wie Anton. Underground-Fotos, legendäre Platten oder Flyer werden gescannt digitalisieren das Material, packen es auf eine riesige Festplatte und übergeben es anschließend an das Stadtmuseum München.

Das lebendige Archiv

Gleichzeitig bekommt die Seite ein großes Update. Bei Sub-Bavaria ging es aber nie nur darum, Orte und Artefakte der Münchner Subkultur zu archivieren, sondern auch um die Personen – als lebendiges Archiv. Aber wie kann man ein lebendiges Archiv erschaffen und es zugänglich machen? Im Sub-Bavaria-Büro drängen sich Gabi Blum, Patrick Gruban und Matthias Stadler um ein kleines Bügelbrett mit Rumpelns Flyern. Allen fallen immer wieder eigene Geschichten von alten Partys und Konzerten ein, von der Lothringer 13 bis zu Hein K. aus H.

Das Sub-Bavaria Büro soll ein offener Raum sein – jeder ist dazu eingeladen etwas beizutragen, egal ob Pop-Platten oder neue Ideen. Sub-Bavaria ist auch eine kritische Auseinandersetzung damit, dass Subkultur-Orte oft temporär sind, dass sie nach einiger Zeit schon wieder zu sehr Mainstream werden. Doch im Gespräch fängt Anton Kaun immer wieder an zu wettern: "Im ehemaligen Atlantis ist jetzt ein Wodka-Redbull-Club und wo man früher richtig Lärm machen konnte, darf man heute keinen Nagel mehr in die Wand hauen."

Was also, wenn solche Kreativ-Orte in einer Stadt wie München immer weniger werden? Das ist natürlich auch ein wichtiges Thema des Projekts. Es geht also nicht nur den Blick zurück, sondern auch um eine Forderung: "Schaut mal, diese Sachen sind alle verschwunden oder könnten jetzt verschwinden. Wie können wir damit umgehen und das auch als Impuls an die Stadt einbringen."


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