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Verhärtete Fronten Darum geht es im Streit um das alternative Fusion-Festival

Das Fusion-Festival in Mecklenburg ist legendär, ein dezidierter Gegenentwurf zu kommerziellen Festivals wie Rock am Ring. Nun ist ein Riesenstreit entbrannt: Die Veranstalter wehren sich gegen Polizeikontrollen auf dem Festival. Sie drohen mit dem Aus.

Von: Michael Wagner und Sandra Limoncini

Stand: 07.05.2019

Fusion-Festival in Mecklenburg-Vorpommern (Archivbild). Die Internet-Petition gegen eine Polizeiwache auf dem «Fusion»-Festival stößt auf großen Widerhall: Mehr als 71 000 Menschen haben sie bis zum Dienstagmorgen (07.05.2019) unterzeichnet. | Bild: dpa-Bildfunk/Alexander Müller

Sechs Wochen sind es noch bis zur Fusion. Aber ob das legendäre Elektro-Festival tatsächlich stattfinden wird, ist ungewiss. Es wird heftig diskutiert. Der Fusion-Vorstand Martin Eulenhaupt wehrt sich mit Händen und Füßen gegen die Kritik des Polizeipräsidenten von Neubrandenburg Nils Hoffmann-Ritterbusch: Der hält die Veranstaltung für nicht sicher, kritisiert schlecht ausgezeichnete Fluchtwege und keine zentrale Beschallungsanlage. Lösbare Probleme für Martin Eulenhaupt. Was er gar nicht einsieht: Eine Polizeistation auf dem Gelände und Zivilstreifen, die dort anlasslos die Besucher kontrollieren: „Die Gefahr muss unseres Rechtsverständnisses nach existieren und die muss benannt sein und die muss erheblich sein. Und nur das kann der Polizei das Recht geben, präventiv auf friedlichen Kulturveranstaltungen Präsenz zu zeigen. Wenn sie das bei uns durchsetzen, dann bricht hier ein Damm, dann haben wir den nächsten Schritt zum Polizeistaat.“

Starkes Wort, gelassen ausgesprochen. Eulenhaupt hat eine Online-Petition gestartet, die inzwischen 80.000 Unterschriften zählt, und will notfalls sogar vor Gericht gehen. Er appelliert unter anderem an die Ministerpräsidentin Manuela Schwesig: „Die Politik ist aufgefordert da auch einzuwirken und mäßigend auf das Ansinnen der Polizei einzuwirken.“

Die Fusion kommt seit 20 Jahren ohne nennenswerte Zwischenfälle aus

Verhärtete, altbekannte Fronten: Der Veranstalter spricht im Kriegsjargon vom „Polizeistaat“. Der Polizeipräsident von Neubrandenburg dagegen von „politischen und in Teilen hoch gewaltbereiter Personen“ („Zeit“). Florian Fricke, Zündfunk-Mitarbeiter und Fusion-Besucher der ersten Stunde hält das für Unsinn. Das Festival komme seit 20 Jahren ohne nennenswerte Zwischenfälle aus und genieße auch bei der lokalen Polizei einen guten Ruf. „Niemand fährt auf dieses Festival, um sich dort zu kloppen. Es fährt auch niemand auf dieses Festival, um sich mit Polizisten zu kloppen - aber es will sie dort auch niemand haben. Und ich denke, das ist auch völlig nachzuvollziehen. Es geht doch auch niemand auf ein Clubkonzert, um dann mit Beamten in Uniform zu feiern, die einen jederzeit kontrollieren können, wenn man das mal auf einen kleinen Rahmen runter bricht.“

Bis gestern war die Polizei in Neubrandenburg zu keiner Stellungnahme bereit. Heute Nachmittag dann eine Pressekonferenz. Polizeipräsident Hoffmann-Ritterbusch bleibt bei seiner Position – seine Beamten müssen auf das Festival: „Warum sollen wir eigentlich über den Schatten springen? Springen Sie doch über den Schatten. Welcher Schatten ist denn das? Der ist doch nicht wirklich lang. Das ist doch eine Selbstverständlichkeit, dass Polizei da ist, die ist auf jedem Festival. Wir sind doch nicht der große Kontrolleur. Wir laufen nicht mit Polizeihorn über die Rabatten und Streife. Das tun wir garantiert nicht.“

Bei Rock am Ring und auf dem Oktoberfest sind Polizeistationen normal

Die Rechtslage ist umstritten. Bei Rock im Park und Rock am Ring sind Polizeistationen auf dem Gelände. Genauso auf dem Oktoberfest. Thomas Waetke ist Anwalt und berät seit 15 Jahren Veranstaltungsunternehmer. Wenn die Polizei präventiv Gefahren abwehren will, erklärte er dem Spiegel, müsse sie eine besondere Gefahrenlage nachweisen. Die Fusion gilt aber anders als das Oktoberfest als eine der friedlichsten Massenveranstaltungen in Deutschland. Im Schnitt 2,5 Gewalttaten pro Jahr. Bei über 70.000 Besuchern.

Die Fusion-Veranstalter drohen mit dem Festival-Aus

Martin Eulenhaupt von der Fusion ist alarmiert: „Wir haben inzwischen Informationen, dass es sich bei weitem nicht um einen netten kleinen Einsatz zum Präsenz zeigen handelt, sondern dass die Polizei gerade einen massiven Polizeieinsatz plant, der vermutlich der größte ist, den man seit dem G8 in Rostock dort hatte.“ Für Eulenhaupt ist eine Polizeiwache auf dem Gelände eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf. „Wenn es dazu kommt, dass die Gerichte sagen, die Polizei hat freien Zugang, die Station darf auf dem Gelände errichtet werden, dann werden wir das ertragen müssen. Aber dann ist das für uns das Ende des Festivals. Dann wird es dieses Jahr das letzte Mal stattfinden, weil wir unter solchen Bedingungen nicht sehen, wie wir zukünftig dieses Festival so gestalten können, dass es nach wie vor ein Fusion-Festival ist, das unseren Idealen entspricht.“

Eine Machtprobe

Nach der heutigen Pressekonferenz hat sich der Konflikt eher noch verschärft. Ohne Not, sagt  Zündfunk-Kollege Florian Fricke: Für mich ist das hier eine eindeutige Machtprobe. Die Behörden wollen irgendwie Zugriff auf diese – sagen wir es doch – Parallelgesellschaft, die dort selbstbestimmt feiert, das aber sehr gut organisiert. Und wenn dort niemand zu Schaden kommt, was steht dem entgegen? Die Obrigkeit hat Angst vor großen Zusammenschlüssen von Menschen, die nicht nach ihren Regeln tanzen.“ Am 16. Mai wird es ein weiteres Treffen zwischen den Fusion-Veranstaltern und der Polizei Neubrandenburg geben. Dann wird final darüber entschieden, ob und in welcher Form das Festival stattfinden wird.


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