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"Am Wiesnrand" Stefanie Sargnagel war nüchtern auf der Wiesn - und hat darüber ein Theaterstück geschrieben

Die Österreicherin Stefanie Sargnagel hat ein Theaterstück geschrieben. Darin geht es um nüchterne Eindrücke vom Münchener Oktoberfest. Wir haben uns mit ihr auf der Theresienwiese getroffen und über "Am Wiesnrand" gesprochen.

Von: Louis Seibert

Stand: 29.01.2020

Kabarettistin liest | Bild: picture alliance / Horst Ossinger//dpa

Stefanie Sargnagel schwelgt in Erinnerungen, an das herzliche Schunkeln im Festzelt und den kalten Individualismus der Kultur-Schickeria – die zwei Seiten eines Oktoberfests sozusagen. Ein Oktoberfest, von dem Ende Januar auf der Theresienwiese wenig übrig ist. Die Leere des Ortes erinnert eher an den Kater am Tag danach, als an das, was hier jedes Jahr im September los ist.

„Ich war hier und wurde sofort integriert. Ich wusste immer genau was ich zu tun hab. Und dann singt man wieder ein Prosit und dann schunkelt man. Und danach bin ich auf eine Party ins Volkstheater gegangen und alle Leute haben halt so jeder in seiner Ecke herumgetanzt und ich wusste einfach überhaupt nicht mehr, was ich tun soll. In einer komplett individualisierten Welt ist man auch ein bisschen verloren.“

"Am Wiesnrand" feiert im Volkstheater Premiere

„Die Eskalationsstufe hier habe ich so noch nirgends gesehen, also wirklich innerhalb von zwei Minuten hab ich fast alles abbekommen“, sagt Stefanie Sargnagel. Ein Typ sei einmal sogar aus dem Festzelt geschmissen worden. So halb auf sie drauf, dann sei sie an einem Kotzenden vorbei und dann hätte sie ein Mann fast „angebrunzt“.

Wenn das Oktoberfest fort ist: Die Theresienwiese in München

Die gebürtige Wienerin hat für das Münchner Volkstheater ein Stück über das Oktoberfest geschrieben. Von der tristen Stimmung der Freifläche ist auch sie beeindruckt. Schon seit Probenbeginn wollte sie den Ort besuchen, weil sie wissen wollte, wie es aussieht, wenn es nicht bespielt ist. „Jetzt ist es eher melancholisch“, findet sie. „Es fehlt das Feuer“.

Während unseres Gesprächs zündet sich Stefanie Sargnagel immer wieder eine Zigarette an. Der Wind bläst sie aus und zum Rauchen kommt sie sowieso kaum. Der Redebedarf der Österreicherin ist enorm. Wenn man sie fragt, wieso sie sich gerade für das Oktoberfest interessiert, dann sagt sie, sie liebe Massenveranstaltungen. Vor allem, wenn sie nüchtern sei.

Auf der Wiesn fallen alle Hüllen

„Was halt am Oktoberfest recht speziell ist: die Bourgeoisie so aus der Rolle fallen zu sehen und all ihre Beziehungsprobleme mitzubekommen und ihre Komplexe, weil die das plötzlich so nach außen tragen. Da kenne ich eigentlich nichts Vergleichbares, wo mir das so offengelegt wurde.“

Doch gerade darin sieht die Österreicherin auch etwas Poetisches. Sie habe viele Stunden in diversen Festzelten verbracht, fand es aber irgendwie schön, sagt sie. Die Menschen würden ihre ganze Verletzlichkeit im Festzelt offenbaren.

Der Exzess gehört zum literarischen Repertoire von Stefanie Sargnagel genauso wie kleine Alltagsbeobachtungen oder feministische Kampfschriften. Vor allem sind ihre Texte aber eines: witzig. Das Theaterstück „Am Wiesnrand“, das morgen im Münchner Volkstheater uraufgeführt wird, soll genau diesen Spagat hinbekommen.

Stefanie Sargnagel zeigt alle Seiten des Oktoberfestes

Bierzelt auf dem Münchener Oktoberfest

„Es ist ein fantasievoller Spaziergang durch das Ganze, also ich hab wirklich auch versucht, Erwartungshaltungen zu durchbrechen“, erzählt die Autorin. Es sei gleichermaßen Hommage wie negatives Bild, Stefanie Sargnagel will das Oktoberfest feiern, ohne irgendetwas zu verschweigen.

Denn es gibt sie ja durchaus, diese andere Seite des Münchner Oktoberfestes. Fremdenfeindliche Attacken, sexuelle Belästigung, komatöse Zustände, das alles ist eben auch Alltag auf dem größten Volksfest der Welt. Stefanie Sargnagel sagt: „Was halt schon so in unserer Gesellschaft ist, kommt da nochmal übertrieben zu Tage also man hat an der einen Ecke einen rassistischen Übergriff, an der nächste Ecke die totale Verbrüderung von Menschen, die sich nach Verbindung sehnen.“

Und das, obwohl sie ganz leicht miteinander auskommen können. Wenn sie es möchten. Es ist eben auch Verbundenheit, die auf Volksfesten zelebriert wird. Davon möchte die Autorin erzählen. Sicherlich nicht nur etwas für diejenigen, die sich schon jetzt aufs Maß-exen einstimmen wollen.


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