Bayern 2 - Zündfunk


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Interview mit Sophie Passmann "Der alte weiße Mann ist ja so ein bisschen die Krone der Schöpfung"

Der alte weiße Mann ist privilegiert, seltenst Diskriminierung ausgesetzt und ihm steht jede Tür offen. Merkt er das auch? Sophie Passmann hat nachgefragt und ein Buch darüber geschrieben.

Stand: 07.03.2019

In Sophie Passmanns Buch "Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch" spricht die Feministin und Instagramerin mit 16 alten, weißern Männern und fragt sie, ob sie sich auch wie alte, weiße Männer fühlen. Der Sandra Limoncini hat Sophie Passmann getroffen und erstmal nachgefragt, wer der "alte, weiße Mann" eigentlich ist.

Zündfunk: Wie bist du auf die Idee gekommen, ein Buch über „alte, weiße Männer“ zu schreiben?

Sophie Passmann: Ich fand dieses Thema, dieses Feindbild „alter, weißer Mann“ so spannend, weil es so präsent war und ist. Vor allem im Internet, wo ich mich viel rumtreibe, auf Twitter und Instagram da kommt der Ausdruck „alter, weißer Mann“ sehr oft vor und ist da sehr häufig, und alle wissen, was damit gemeint ist.  Auch wenn es keine so richtig gute Definition dafür gibt. Man kann das nicht auf einen Satz reduziert sagen, das ist jetzt der „alte, weiße Mann“ und jeder, der das erfüllt, ist ein „alter, weißer Mann“. Und das große Missverständnis an diesem Begriff ist natürlich auch erst mal, dass nicht jeder Mann, der eine weiße Hautfarbe hat, auch ein „alter, weißer Mann“ in diesem leicht reaktionären Klischeebild ist. Und weil der mir so oft begegnet ist, und weil er auch mit Feminismus zu tun hat, weil der ja ein Gegner des Feminismus ist, fand ich die Idee spannend, ein Buch darüber zu schreiben. Und ich mag sowieso einfach Sachen, die nicht erwartbar sind. Und das ist nicht erwartbar das eine junge Feministin aus dem Internet, sich jetzt ausgerechnet 16-mal mit Männern an einen Tisch setzt und mit denen über Feminismus und Männlichkeit im Kontext von Feminismus spricht. Und das fand ich spannend daran.

Du hast in der Dir natürlich auch Männer ausgesucht … dass zum Beispiel Kai Diekmann dabei ist, das fand ich ganz großartig, aber wie passt zum Beispiel Micky Beisenherz da rein?

Ich fand einfach unterschiedliche Blickwinkel gut und auch vor allem Karrieren in unterschiedlichen Branchen und in unterschiedlichen Eliten spannend. Er ist natürlich jemand, der macht Breitenhumor, der ist Gag-Autor für das Dschungelcamp beispielsweise gewesen. Und er ist immer noch Kolumnist bei Stern online und schreibt auch Gags für sehr bekannte große Comedians. Bei dem finde ich total spannend:  Er ist jemand, der schreibt jeden Tag für die politisch nicht-interessierte Masse – und das sehr erfolgreich. Und ich fand’s einfach spannend mit so jemandem zu sprechen, der nicht jeden Tag mit der Frage nach der Frauenquote zu tun hat. Und auch nicht jeden Tag gezwungen ist, einen intellektuellen Diskurs beispielsweise in seiner Zeitung zu führen. Das ist jemand, der für mich wie ein Scharnier war, zwischen den normalen Leuten, die Feminismus vielleicht auch ein bisschen anstrengend finden in der Twitter-Medienblase.

Warum ist denn der alte, weiße Mann jetzt eigentlich das Feindbild?

Der „alte weiße Mann“ meint ja eigentlich auch noch mehr als nur alt, weiß und männlich. Das ist ja ein Code für den älteren, erfolgreichen mindestens Mittelklasse Akademikermann, der cisgender ist und keine körperliche Behinderung hat. Also, er ist ja so ein bisschen die Krone der Schöpfung. Jedes Geschichtsbuch, das man aufschlägt, wenn man den Fernseher anmacht, wenn man die Zeitung aufschlägt, dann gibt’s immer den alten, weißen Mann. Der konzentriert jede Art von Macht auf sich und was dieser Begriff meint – weshalb es wahrscheinlich auch der weiße, alte Mann geworden ist als Umschreibung – ist natürlich, dass dieser Mensch, der einzige Mensch ist, der in seiner Komposition und in seinen sozioökonomischen Eigenschaften keine Art von Benachteiligung wegen seines Daseins zu befürchten hat. Jede Frau wird mit Sexismus konfrontiert, jeder nicht-weiße Mensch wird mit Rassismus konfrontiert. Und der weiße Mann hat weder wegen seiner Hautfarbe, noch seines Daseins, noch seiner Geschlechtlichkeit, noch seiner sexuellen Orientierung – denn er ist natürlich heterosexuell in den meisten Fällen – irgendwas zu befürchten. Sascha Lobo, den ich für das Buch getroffen habe, hat das so schön ausgedruckt: Für den weißen Mann ist erst mal per Werkseinstellung jede Tür, die offen sein kann, offen. Aber ob er dann durchgehen kann, ist noch mal eine andere Frage. Aber er hat wirklich von Haus aus keine Benachteiligung erst mal.

Es gibt mehrere Männer – wie der Chefredakteur der Welt Gruppe Ulf Poschardt und auch Marcel Reif, ehemaliger Sportreporter – die gesagt haben, dass der Begriff Feminismus oder der Feminismusdiskurs, denen langweilig geworden ist. Woran liegt das deiner Meinung nach?

Das ist, glaube ich, der Tatsache geschuldet, dass sie den Feminismusdiskurs selber langweilig machen und auch nicht ernsthaft verfolgen. Man kann dem Feminismusdiskurs – wenn es denn überhaupt einen einheitlichen geben soll – viel vorwerfen, aber dass er langweilig geworden ist, das finde ich tatsächlich nicht ansatzweise. Und Leute, die das sagen und das auch ernst meinen, die sollten sich vielleicht ein bisschen Gedanken darüber machen, ob das vielleicht nicht daran liegt, dass sie diesen ganzen Diskurs mit so einer absichtlichen Langeweile betrachten wollen.

Zündfunk: Du hast ja gesagt das der Diskurs überhaupt nicht langweilig geworden ist, weil eben so viel passiert in der letzten Zeit. Vielleicht ist das der Grund, warum die da aussteigen?

Ab dem Punkt sag ich dann zum Beispiel auch: „Not my circus - not my monkeys.“ Sobald jemand aus dem Diskus aussteigt, weil er ihn irgendwie langweilt … der Subtext von „Ich steige aus einem Diskurs aus, weil er mich langweilt“ ist ja auch: „Wenn die Ziele und Forderungen, die ihr da habt, vielleicht wichtig sein mögen, aber erst mal soll es mich unterhalten und dann können wir darüber sprechen, ob wir emanzipatorisch arbeiten.“ Da bin ich dann auch raus. Also der Feminismus ist nicht dafür da, irgendwen zu belustigen und er ist auch nicht dafür da, sich bei Männern beliebt zu machen. Also das mindeste, was ich erwarte in einem Diskurs ist, dass jemand nicht direkt von Anfang an aussteigt, weil er sagt: Ich finde das irgendwie langweilig.


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